Gesprächsnotizen zwischen Öcalan und der Kandil-Delegation: Erster Teil
Liebe Leserinnen und Leser von Rastî: Wir veröffentlichen die Notizen zu dem Treffen, das Abdullah Öcalan, Staatsvertretern und einer Kandil-Delegation am 1. und 2. Februar 2026 zugeschrieben wird.

RastinewsLiebe Leserinnen und Leser von Rastî, wir veröffentlichen in drei Teilen die Notizen zu einem Treffen, das Abdullah Öcalan, Staatsvertretern und einer Kandil-Delegation am 1. und 2. Februar 2026 zugeschrieben wird. Den uns vorliegenden Informationen zufolge nahmen an diesem mutmaßlichen Treffen hochrangige PKK-Funktionäre wie Helin Ümit, Duran Kalkan, Sabri Ok und Raperin teil. Wir veröffentlichen die Notizen in drei Teilen, unverändert und ohne ein Wort daran zu ändern.
Es folgt der ERSTE TEIL
GESPRÄCHSNOTIZ VOM 1. UND 2. FEBRUAR
Vorsitzender: Willkommen. Lasst uns die Begrüßung so gestalten: Ihr kennt Baba İshak und Baba İlyas. Wenn ich mir eure Stellung in der PKK-Geschichte ansehe, passt das sehr gut zu euch. Ich habe den Aufstand von Baba İshak untersucht. Sabri gehört dort hinein. Abbas ist ein Turkmenen-Kind und ein Mann dieser Tradition. Auch jene waren Männer jener Zeit. Wenn ich die historische Soziologie entwickle, gehe ich zum Ursprung zurück und frage mich, wem das heute ähnelt. Alle Vergangenheit fließt in die Gegenwart. Ich habe gesagt: Die Geschichte ist in der Gegenwart verborgen, und wir sind am Anfang der Geschichte verborgen.
Ihr seid längst gestorben. In der Telefonkonferenz habe ich Sabri gesagt, dass ihr weder zu leben noch zu kämpfen versteht. Ich werde scharfe Kritik üben. Wie richtig ist es, Tote zu kritisieren? Ich sage das aus philosophischer Sicht.
Der Aufstand von Baba İshak war der letzte Aufstand der Turkmenen entlang der Linie Adıyaman–Amasya. Er endete in Kırşehir. Und er wurde niedergeschlagen, wie ihr wisst. Den Kopf von Baba İlyas hängten sie von der Burg Amasya herab. Das taten die Seldschuken. An ihrer Seite versetzten 500 bis 1000 fränkische Ritter den letzten, tödlichen Schlag. Das waren Söldner. Sie waren es auch, die die Seldschuken retteten. Es ist ein endgültiger Aufstand. Welchen Bezug hat dieses historische Ereignis zu euch? Es hat denselben Charakter wie die PKK. Ihr könnt das zurückweisen. Ich weiß nicht, wie richtig es ist, jene zu kritisieren, die im Aufstand alles verloren haben. Ich habe einen historischen Vergleich gezogen. So wie ich die vierzig Jahre der PKK der Kritik unterziehe, könnt auch ihr Kritik üben und euch verteidigen. Ich habe einige Kritikpunkte, nehmt sie mit Verständnis auf. So wollte ich euch beide begrüßt haben.
Was Helin betrifft, so sind mir zwei Erinnerungen geblieben. Ob sie sich erinnert, weiß ich nicht. Wir hatten in Damaskus ein villenartiges Haus. Das Haus in der Ebene. Es hatte einen Pool. Im Pool war das Wasser fast ausgetrocknet. Es war nur wenig Wasser da. Sehr wenig Wasser war übrig. Ich sagte: Komm, lass uns schwimmen. Aber du hast mir einen Blick zugeworfen, der spüren ließ, dass das sinnlos sei.
Helin: Ich erinnere mich, Vorsitzender. Ich habe wohl versucht, mir das zu erklären.
Vorsitzender: Du hast mich gewarnt. Du hast gefragt, ob man in so wenig Wasser überhaupt schwimmen kann. Natürlich erschien dir meine Bitte sinnlos. Diese Haltung hatte einen Sinn. Die zweite Erinnerung: Wir spielten Volleyball. Damals hielt ich den Ball fest und warf ihn dann. Das war regelwidrig. Ich mache noch heute dasselbe, wenn ich hier mit den Freunden Ball spiele. Meins war eigentlich Betrug. Helin dagegen hielt sich an die Regeln. Sie spielte gut. Du warst doch aus Kastamonu, oder? Woher genau?
Helin: Ja, Vorsitzender, aus Kastamonu, Taşköprü.
Vorsitzender: Habt ihr dort Verwandte?
Helin: Ja, meine Onkel mütterlicherseits leben dort.
Vorsitzender: Ich hatte damals gesagt, warum dieses adrette türkische Mädchen zu uns gekommen sei. Kein Misstrauen, aber ich habe schon daran gedacht, ob es sich um Unterwanderung handeln könnte. In dieser Sache habe ich aber kein Misstrauen empfunden. Herr H. hatte es vorher schon gesagt. Er hatte mir die Diagnose ‚Skeptiker' gestellt. Ich bin tatsächlich ein etwas skeptischer Mensch. Aber ich beschuldige niemanden aus bloßem Verdacht. Ich frage mich noch heute, ob Kesire eine Unterwanderung war oder eine linke Intellektuelle. Ihr Vater stand so eng mit dem Staat in Verbindung, dass er mit Mustafa Kemal und İnönü Briefe wechselte. Unsere Verbindung mit ihr hatte auch eine politische Seite, ich werde nicht ins Detail gehen. Ich habe sie geliebt, es gab auch Gefühl. Wir schauen bei niemandem darauf, wie der Vater sei. Auch bei Helin dachte ich, als sie so adrett ankam, ob es sich ähnlich verhalte. Später hörte ich, dass die Türkin Helin noch lebt. Wie viele Jahre bist du schon in den Bergen?
Helin: Ich bin 1995 beigetreten. Seit 2001 bin ich in den Bergen. Ich bin an eurer Seite aufgewachsen, Vorsitzender.
Vorsitzender: Das ist also ein türkisches Mädchen. Hier, uns gegenüber. Ein türkisches Mädchen in unseren Reihen, unter sehr harten Bedingungen, und sie steht euch gegenüber. (Wendet sich an die Amtsträger) Bitte, sprecht, so viel ihr wollt. Ihr wisst, auch meine Mutter war eine Turkmenin. Meine Großmutter hatte gesagt: „lawe te benamus derket". Das war wichtig. Ich hatte das auch an Bahçeli geschrieben: Wenn es einen Begriff von Ehre geben soll, dann muss er gesellschaftlich sein. Eigentlich hat meine Großmutter mich mit diesem Satz zu einem Sozialisten gemacht. Ihr Wort war für mich bestimmend. Diese Haltung war es, die mir zum ersten Mal das Gefühl gab, dass ich unbedingt ehrenhaft leben muss. Mit diesem Satz hat sie mich gelenkt. Als sie „benamus" sagte, lief mir kochendes Wasser durch den Kopf. Ich habe versucht, das auch im Flugzeug zu erzählen, aber dann haben sie es verdreht. Ich hatte eine Beziehung zu Hasan Bindal, einem Kindheitsfreund aus der gegnerischen Familie. Ich liebte ihn sehr. Im Bekaatal wurde er an meiner Stelle getötet. Er hat sein Leben für mich gegeben. Als Kinder sammelten wir zusammen Krokusse. Dass Helin hierhergekommen ist, ist in diesem Sinne bedeutsam. Sie ist seit 25 Jahren in den Bergen. Und woher seid ihr? Du bist doch sicher Kurde?
Raperin Ark: Ich bin aus Dersim, Vorsitzender.
Vorsitzender: Ich will natürlich keine Unterscheidung machen. An Helin selbst gibt es nichts Negatives auszusetzen. Sie ist von Kopf bis Fuß so beschaffen. Sie ist eine Persönlichkeit der Wahrhaftigkeit. Ein Teil nennt mich immer den Feind Nummer eins der Türken. Aber mir gegenüber steht ein türkisches Mädchen, das mir in die Berge gefolgt ist. Auch Abbas ist letztlich ein Turkmenen-Kind. Es gibt doch Turkmenentum, oder?
Abbas Ark: Es steckt auch etwas Kaukasisches darin, aber es stimmt, ich bin Turkmene.
Vorsitzender: Du ähnelst Baba İlyas, mit Bart würdest du ihn direkt in Erinnerung rufen. Hier werden wir über die türkisch-kurdischen Beziehungen sprechen. Wir haben das türkisch-kurdische Bündnis bereits verwirklicht. Es gibt Hâkî Karer, Kemal Pir und andere. Canda war dabei, es gibt viele Menschen, die ich nicht vergessen werde.
Helin: Auch Özgür war dabei…
Vorsitzender: Mit euch haben wir diese Frage in unseren eigenen Reihen bereits gelöst. Ich habe eure Texte etwas gelesen. Diese gelöste Frage werden wir jetzt nach außen tragen. Dem Vermächtnis von Haki Karer folgend haben wir das bis heute weitergetragen. Wir haben die kurdisch-türkische Beziehung nie aufgegeben. Unsere war eine Aufstandsbewegung. Wir wollten sie in einen modernen Volkskrieg verwandeln. Aber das ist euch nicht gelungen. Mit Demirels Worten: der größte Aufstand. Man nennt ihn den letzten kurdischen Aufstand. Der Genosse Duran war von Anfang an mit dabei. Deshalb gilt er nicht als rein kurdischer Aufstand, sondern zugleich auch als turkmenischer Aufstand. Als Front gibt es inzwischen auch die sozialistischen Organisationen der Türkei. Aber jetzt sitzen wir an diesem Tisch. Ihr mögt diesen historischen Tisch für sehr anspruchsvoll halten. Dieser Tisch wird die Fehler der Republik lösen. In der Geschichte der Republik werden die Beziehungen zwischen den beiden Völkern korrigiert. Zwei grundlegende Fehler wird dieser Tisch beheben. Ein Jahrhundert lang wurde der Schmutz der Republik unter den Teppich gekehrt. Dieser Tisch kann die Sünden und den Schmutz der kurdisch-türkischen Beziehungen reinigen. Deshalb ist dieser Tisch wertvoll und wichtig. Völker gegeneinander aufzuhetzen ist das größte Verbrechen. Das in ein blutiges Ereignis zu treiben, die beiden Völker an einen Abgrund zu führen, war gefährlicher als ein Verbrechen. Ich habe einen Ansatz mit sozialer Ausrichtung. Ich habe den Satz geprägt: „Das Beharren auf dem Sozialismus ist das Beharren auf der Menschlichkeit." Die Menschheit steht der Auslöschung gegenüber. Deshalb genügt es, Mensch zu sein, um das zu lösen. Trotz aller Unzulänglichkeiten und Fehler habt ihr euer Leben dem gewidmet. Hinter euch steht eine große Gemeinschaft von Weggefährten. Es gibt Tausende Gefallene. Auf dieser Grundlage begrüße ich euch. Den anderen Genossen kenne ich nicht. (Wendet sich an den Genossen Raperin) Habe ich mit dir eine Erinnerung?
Raperin: Ich bin aus Dersim, Vorsitzender. Ich bin 1998 von der juristischen Fakultät der Universität Istanbul beigetreten. Kurz bevor ihr Syrien verlassen habt, war ich in Griechenland in der Akademie, ihr habt euch telefonisch zugeschaltet und zu unserem Jahrgang gesprochen.
Vorsitzender: Wo habe ich gesprochen? Habe ich direkt teilgenommen? In Griechenland bin ich aus keinem Zimmer herausgekommen.
Raperin: Ihr habt telefonisch teilgenommen, Vorsitzender.
Helin: Ihr habt von Damaskus aus telefonisch zu den Jahrgängen in Griechenland gesprochen. Genosse Raperin war damals in dem Jahrgang in Griechenland.
Vorsitzender: Ja, verstanden. Ich bin zweimal nach Griechenland eingereist. Es war wie eine Zelle, ich konnte nicht nach draußen. Von dort wurde ich nach Moskau und von dort auf die Insel Korfu gebracht. Aber sie hatten sehr viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Der Abzug aus Damaskus geschah unter dem Druck der CIA.
Sabri Ark: Wer außer der CIA könnte in letzter Minute die Flugroute eines Flugzeugs ändern?
Abbas Ark: Ja, Vorsitzender, die CIA war beteiligt, sie war von Anfang an dabei. In Moskau war sie noch stärker präsent.
Vorsitzender: Von dort aus wurde ich dann ja nach Nairobi gebracht. Es sah nach einer CIA-Sache aus, eine Verschwörung. Es begann nach Damaskus. Ich erinnere mich. Er war anders als Stavrakis. Er kam nach Griechenland und traf sich mit mir. Er stellte Fragen. Er behandelte es wie ein Verhör. Ich blieb verschlossen. Er nannte Oslo als Adresse. Sie wollten es machen wie bei Arafat. Als ich von Anfang an ablehnte, verschwand er. Es war offensichtlich, dass er CIA-Mitglied war. Danach gingen wir nach Nairobi. Morgens frühstückten wir in der Botschaft. Der Botschafter und Kalenderis sprachen beim Frühstück in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Dann schlug Kalenderis mit beiden Händen auf seinen Kopf, sagte etwas und rannte nach unten. Das tat er eigentlich, weil er vom Botschafter erfahren hatte, dass wir ausgeliefert werden sollten. Später sagte auch Ecevit ja: 'Ich habe nicht verstanden, warum sie uns Apo gegeben haben.' Sie warfen mich wie eine entsicherte Bombe in die Türkei. Ein Oberst war hier die erste Person, die mich empfing. Er hatte auch einen Obstteller mitgebracht. Damals sagte ich ihm zum ersten Mal, wir sollten diese Insel in eine Insel des Friedens verwandeln. Zum ersten Mal sagte ich das damals. Ich erinnere mich auch an den Satz eines Mitglieds des Kommandos im Flugzeug: 'Willkommen in deinem Land.'
Verantwortlicher: Er hatte gesagt: Willkommen in der Heimat.
Vorsitzender: Kommen wir zurück zu Ihnen. Aus welchem Teil von Dersim sind Sie? Haben Sie dort Verwandte?
Raperin: Es gibt den Genossen Kemal Zap.
Abbas Gen.: Er stammt aus dem Stamm Haydaran.
Vorsitzender: Ich kenne Sie nicht, deshalb habe ich keine Erinnerung. (Wendet sich an Bişar) Nun, lass mich dich kennenlernen. Haben wir eine gemeinsame Erinnerung?
Bışar: Vorsitzender, ich habe keine Erinnerung mit Ihnen. Mein Bruder İbrahim Yıldırım war bei Ihnen. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nahm er im Bekaatal an der Gefängniskonferenz teil. Später fiel er als Märtyrer.
Vorsitzender: Sind Sie aus Ömeryan?
Bışar: Nein, ich bin aus Kızıltepe.
Vorsitzender: Ich war in Kızıltepe. In Xurs habe ich Erinnerungen. Ich war bei Ferhat Kurtay. Es gab einen Vorstoß, und Soldaten kamen ins Dorf. Es gab den Dorfvorsteher (Muhtar). Er brachte uns zu einer Felsformation. Er versuchte wirklich, uns zu schützen. Nachdem die Soldaten abgezogen waren, kamen wir ins Dorf zurück. Die Erinnerung an Ferhat Kurtay ist mir sehr wertvoll. Er ist einer von vier Genossen, die sich selbst verbrannt haben. Er war ein sehr wertvoller Genosse. Aus Kızıltepe gab es eine große Beteiligung. Mardin ist ein Ort, der viele Schläge erlitten hat. Ich kenne Ihren Bruder vielleicht, aber es fällt mir schwer, mich zu erinnern.
Bışar: Er wurde verwundet bei dem berühmten Gefecht von Biloka gefangen genommen.
Vorsitzender: Er ist wieder herausgekommen und wieder beigetreten, nicht wahr? Sie gehören doch nicht zu den M. Emin Aslanlar, oder?
Bışar: Nein, Vorsitzender.
Vorsitzender: Gut. Die Begrüßung ist beendet. Jetzt höre ich Ihnen zu. (Wendet sich an den Verantwortlichen) Sie hatten gesagt, man solle auch die Genossen etwas zu Wort kommen lassen.
Helin: Wir haben von den Bergen die Grüße, die Liebe und die Sehnsucht unserer Bewegungsführung und aller Genossinnen und Genossen mitgebracht.
Vorsitzender: Die der Frauen?
Helin: Die der gesamten Bewegung, Vorsitzender.
Vorsitzender: Mit der PAJK sind Sie natürlich besser vertraut.
Helin: Die Genossinnen, also die Genossinnen von der PAJK, lassen herzlich grüßen.
Vorsitzender: Wie geht es Bese?
Helin: Die Genossin Bese arbeitet und ist guter Stimmung.
Vorsitzender: Die Frage der Frauenrevolution steht über allen anderen Fragen. Ich setze die Freiheit der Frau an die erste Stelle. Im Manifest habe ich das zur Hälfte behandelt, und wir haben auf viele Fragen Antworten gegeben. Ich sage es noch einmal, dieses Thema wird stark missbraucht. Frauenmorde gibt es jeden Tag, überall. Aber in der Türkei werden sie noch häufiger begangen. In der Türkei wird das Thema oberflächlich und verzerrt behandelt. Man spricht von Morden usw., aber das ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Ob man Mensch ist, ob man Sozialist ist, lässt sich an der Haltung zur Frau messen. Das habe ich im Manifest zum Ausdruck gebracht. Aber es hätte tiefgründiger sein müssen. Für die Lösung müsstet ihr fünfzigmal mehr Sozialisten sein.
Helin: Ja, Vorsitzender, ganz genau. So haben wir es auch behandelt.
Vorsitzender: Mein Kampf gegen die Schwierigkeiten ist bekannt. Keine Schwierigkeit kann so wertvoll sein wie der Kampf gegen eine Vergewaltigungskultur, die auf zehntausende Jahre zurückgeht. Als ich mich etwas mehr vertiefte, entwickelte ich folgende soziologische Sichtweise. Wenn die Soziologie eine Disziplin sein soll, muss ihr Ausgangspunkt als die Problematik der zweiten Natur definiert werden. Man muss einen Sozialismus rund um diese Frauenproblematik entwickeln. Und diese Soziologie muss mit der Gesellschaftlichkeit rund um die Frau beginnen. Den Begriff der Ehre (Namus) habe ich von meiner Großmutter übernommen. Nomos bedeutet Regel, Wissenschaft. Es gibt keine Kultur, keine Regel, kein Maß dafür. Kein Mann, keine Familie würde euch erlauben, in die Berge zu gehen. Eine solche Identität zu erlangen ist wichtig, aber sehr schwer. Es gibt unerträglichen Druck. Weil ich euch diesen Weg geöffnet habe, stehe auch ich unter starkem Angriff. Aber es ist von größtem Wert. Es gibt unerträgliches Leid, unerträgliche Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung der Arbeit. Marx, immerhin der Sozialist Nummer eins - selbst seine Haltung gegenüber seiner Frau ist bekannt. Er hat die Arbeit der Frau nicht als Arbeit gezählt. Bei Lenin und Mao ist die Lage noch schlimmer. Ich habe die Frau nicht missbraucht. Ich habe das Thema nicht bloß mit oberflächlichen Werten behandelt. Jeder Mann kann Schwächen haben, aber ich habe keine großen Fehler, keinen tödlichen Irrtum begangen. Deshalb grüße ich die von euch erwähnte Frauengruppe auf dieser Grundlage.
Helin: Im Iran gibt es Jin Jiyan Azadi, und in Rojava hat die Bewegung des Haarflechtens begonnen. Nennen wir es die Zopf-Revolution. Es ist keine bloß formale Sache. Es gibt eine große Aneignung. Es hat sich in die ganze Welt verbreitet. Die praktische Politik der von Ihnen geschaffenen Frauenlinie liegt klar zutage. Die Frauen eignen sie sich in großem Maße an.
Vorsitzender: Ja, es hat sich verbreitet. Ich habe davon gelesen. Ziemlich interessant. Ich glaube, es entwickelt sich zunehmend auch auf internationaler Ebene.
Meine Mutter sagte immer, wenn du so weitermachst, wird dich keine Frau akzeptieren. Sie meinte damit, eine Ehefrau zu besitzen. Stimmt, das bin ich auch nicht geworden. Was mich am Leben hielt, war die Frage der Frauenbefreiung. Nazan Üstündağ hat einen Brief geschrieben, Sie haben ihn wohl gelesen. Es gibt einen Brief, den sie mir geschrieben hat. Den gebe ich euch auch, lest ihn. Sie macht wichtige Feststellungen über mich. Aber trotz aller Möglichkeiten kommen sie aus der linken Tradition, kommen nicht einmal an den Rand der Linken heran. Ein Sozialist muss wissen, wie er mit einer Frau zusammenleben soll. Die Arbeit der Frau blieb außen vor. Zu wissen, wie man mit einer Frau zusammenlebt, ist mir wichtig. Der Mann behandelt die Frau als Ding und Objekt. Hannah Arendt geht bereits etwas auf das Thema ein. Das ist das, was ich die Freiheitssoziologie nenne. Es ist wichtig, dass die PAJK, jene von Ihnen erwähnte Frauengruppe, trotz eines Lebens unter erdrückenden Bedingungen hierbei die Führung übernimmt. Auch dass Sie auf Führungsebene hierhergekommen sind, hat symbolische Bedeutung. Die Zeit ist begrenzt, sonst wird das ganze Treffen so verlaufen. Esst etwas, wir machen weiter. Hier sind vier Genossen, wir reden von morgens bis abends.
Verantwortlicher: Solange Sie nicht essen, isst niemand.
Vorsitzender: Ich rede die ganze Zeit. Bitte, esst etwas.
Raperin: Wir haben gehört, dass Sie eine schwere Grippe hatten, und möchten Ihnen im Namen der PAJK gute Besserung wünschen. Dass Sie Genossinnen an einen solchen Tisch einbeziehen, ist sehr wichtig und bedeutungsvoll.
Vorsitzender: Weil der Staat männlich geprägt ist, gestaltet er auch sein System entsprechend. Ein solches Treffen ist wichtig. Es war schwer, zu dieser Entscheidung zu kommen. Diese historische Dimension ist wichtig.
Helin: Die Türkei wird zu einer sehr männlich geprägten Gesellschaft gemacht. Die Politik ist männlich geprägt.
Raperin: Frauen sind in allen gesellschaftlichen Kampfprozessen präsent, bleiben aber bei Verhandlungs- und Lösungsprozessen außen vor. Dass wir an diesen Tisch einbezogen werden, ist sehr wichtig, und wir werden versuchen, dem gerecht zu werden.
Vorsitzender: Es gibt ein Wort von Olympe de Gouges. Sie sagt: 'Der Frau wird das Recht zugestanden, zum Schafott zu gehen, also muss ihr auch das Recht zugestanden werden, das Rednerpult des Parlaments zu besteigen.'
Raperin: Es gibt das Recht, in die Politik einzutreten… Wir diskutieren, wie wir in diesem Prozess die Führung übernehmen sollen. Wir bemühen uns, das Manifest zu verstehen. Es besteht Bedarf an Vertiefung und Aneignung. Auch in dem Brief, den Sie an den Genossen Veysi geschickt haben, gab es Kritikpunkte von Ihnen. In dieser Periode konzentrieren wir uns auch in diesem Rahmen intensiv darauf.
Vorsitzender: Ich wollte in den Briefen darauf eingehen. Man muss den bestehenden männlichen Zustand überwinden. Individualismus, das Ich-Zentrierte, tötet. Es ist eine gewaltige Masse von Frauen entstanden. Das steht im Gegensatz zu jedem klassischen Leben. Auch meine Mutter sagte deshalb, dass dich keine nehmen wird. Darin liegt auch die Wahrheit über den Verlust von A. Haydar Kaytan. Ali Haydar ist eine Ehe eingegangen. Auch ich habe so etwas wie eine Ehe geschlossen. Ich habe das gewagt. Es gab auch andere Gründe. In der oberflächlichen Dersim-Betrachtung wurde das sehr falsch verstanden. Meine Absicht war eine andere. Es gab Liebe und eine emotionale Bindung. Aber es wurde zu einer Frage des Krieges. Ohne diesen zehnjährigen Kampf hätte ich nicht zur Ideologie der Frauenbefreiung gelangen können. Ali Haydar hat es nicht richtig gedeutet. Er konnte sich von der Wirkung seiner Ehe nicht befreien. Bei Hamili war es genauso, bei Sakine ebenso. Sie haben es falsch entwickelt. Ein sehr heikles und sensibles Thema. Sie konnten den Bruch, den sie erlebt haben, nicht überwinden.
Duran Kalkan besitzt eine geradezu derwischhafte Ergebenheit, aber er hat meine Art, Politik zu machen, nicht erkannt, nicht begriffen, nicht verstanden. Ich habe den Verantwortlichen gesagt: Wann habt ihr uns während des Gruppenprozesses zum ersten Mal bemerkt und unter Beobachtung genommen? Sie sagten, sie hätten uns nach 4 Jahren bemerkt und beobachtet. Das entspricht also dem Jahr '77. Damals hatte ich die ganze Gruppe gegründet. Deshalb zeige ich einen und trage drei in der Tasche. Jetzt ist das nicht so, versteht mich nicht falsch. Wir haben eine einzige Strategie und sind aufrichtig. Damals waren wir dazu gezwungen. Meine Art der Kriegsführung ist ganz anders.
Der Genosse Duran ist der fleißigste, der arbeitsamste Genosse. Aber es gibt auch keinen Genossen, der so dogmatisch und konservativ ist wie er. Ich sage gleich zu Beginn, was ich eigentlich zuletzt sagen wollte, Genosse Duran, nimm es mir nicht übel. Der Sonderkrieg beschäftigt sich derart intensiv mit uns. Er will uns zu Fall bringen. Ich habe gesagt: Wenn der Sonderkrieg uns zu Fall bringen will, dann kann er uns nur eine Person schicken, die so dogmatisch und konservativ ist wie der Genosse Duran. Als wir dich von Damaskus aus verabschiedeten, war auch Mihri Belli bei uns. Als du in die Zagros-Berge aufgebrochen bist, hatten wir gemeinsam ‚Die Rolle der Gewalt' geschrieben. War es fertig?
Abbas Ark: Es war fertig. Ich hatte es mit der Schreibmaschine redigiert. Wir hatten es ein Jahr zuvor geschrieben.
Vorsitzender: Ich hatte gesagt, er würde es zehnmal besser machen als ich. Jetzt werde ich etwas sagen, das etwas schwer wiegen mag. Aber ich sage es, um einen aufrichtigen Einstieg zu machen. Der 15. August hätte nicht sein müssen. Dieser Umstand hat der Niederlage und den Verlusten den Weg geebnet. Er hat die Tür zur Niederlage weit aufgestoßen. Er hat die Entstehung eines Guerilla-Stils verhindert.
Danach hat der Elende Hogir in Mardin ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder alle abgeschlachtet. War es das Dorf Çiçek? War es Pınarcık? Das widersprach meinem Verständnis. Angesichts einer solchen Aktion war ich wütender als der Staat. Ob Hogir ein Element des Sonderkriegs war, weiß ich nicht genau. Deine Organisierung hat keine Verbindung zum Sonderkrieg, aber hätte ich gewusst, dass das Ergebnis so ausfallen würde, hätte ich dir unter keinen Umständen erlaubt, Syrien zu verlassen. '98 habe ich so heftig reagiert, dass ich gesagt habe, ich würde die PKK verlassen. Aber du hast es nicht begriffen. Der Elende Hogir hat Zivilisten angegriffen. Auch hier habe ich Emre Bey gesagt, dass die Art der Aktion zu 90 Prozent nicht meinem Stil entsprach. Zu 95 Prozent geschah es gegen meinen Willen. Das befreit mich nicht von der Verantwortung. Hätte ich gewusst, dass das Ergebnis so sein würde, hätte ich weder der bewaffneten Einheit erlaubt, die Grenze zu überqueren, noch dir. Aber ich wiederhole: Das befreit mich nicht von der Verantwortung. Du hast viel gearbeitet, hast einiges an Opfern gebracht. Wie deine Persönlichkeit jetzt ist, wie du dich verändert hast, weiß ich nicht. Der Genosse Duran übernimmt seine Verantwortung bis zum Ende, er lässt seine Last im Feld nicht fallen. Man nennt dich den Dachbalken. Ich sage nichts dazu. Kann sein. Die militärische Strategie wurde nicht etabliert. Zum Beispiel haben Selahattin Çelik, Ebubekir so einiges gemacht und sind gegangen. Die Folgen davon sind kaum zu ertragen. Du bist einer der Hauptverantwortlichen ersten Grades dafür. Mit ‚du' meine ich das gesamte Kriegskommando. Kein Anführer kann die Folgen eines Krieges mit derart schweren Konsequenzen ertragen. Ich gebe das Beispiel Mahir Çayan. Während er im Gefängnis sitzt, vollzieht die DHKP-C einen historischen Bruch. Kaum kommt Yusuf Küpeli heraus, fordert er bestimmte Aufgaben. Er wirft ihn sofort hinaus, entfernt Yusuf. Der Grund: Er sagt, du weichst zu sehr von der Partei ab, die ich aufbauen will. Ich habe eine gewisse Sympathie für die Persönlichkeit Mahirs. Der Grund meiner Anpassung ist folgender: Ob es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich selbst wegen der Praxis, in die ihr geraten seid, zu jener Aufgabe gegangen wäre. Das ist diskutabel. Vielleicht hätte ich eine noch schlechtere Bewegung hervorgebracht als du. Vielleicht hätte ich nicht einmal einen Schritt tun können. Mein Eindruck ist, dass die Linie genau dort beschädigt wurde. Das Aktionsverständnis jener verantwortungslosen Gruppen hat die Linie zerstört. Die Art der Aktionen hat die Dinge vollständig in diesen Zustand gebracht. Die Verzögerung seitens der Führung hat die Aktionsweise in diesen Zustand gebracht.
Meine Erwartung war folgende: Unsere Zahl hatte 300 Personen erreicht. Ihr hattet euch in Xakurk in Stellung gebracht. Eure Ausrüstung reichte aus, um eine Kriegsordnung einzunehmen. Im Sinne des bewaffneten Propagandastils sollte Xakurk zu einem systematischen Kriegsschauplatz gemacht werden. Die Zahl reichte aus. Wegen des Iran-Irak-Kriegs gab es eine geopolitische Lage, die der heutigen ähnelte. Der Elende Botan hat mit diesem Stil alles verdorben. Türkische Generäle sagten, sie könnten diese Angelegenheit in den 90ern lösen. Özal hatte sich ebenfalls eingeschaltet und begonnen, daran zu arbeiten. Wäre die Waffenstillstandslinie fortgeführt worden, hätte es in den 90ern zu einem Ergebnis kommen können. Aber sie haben sowohl Özal gestürzt. Und die Konterrevolutionäre in unseren eigenen Reihen blieben, obwohl es gar keine Notwendigkeit gab, dass sie in unseren Reihen waren. Die Aktionsweise des Elenden Botan und anderer hat uns von der Lösung zurückgeworfen. Ihr wart gestorben, ihr konntet den ersten Schritt nicht tun. So lege ich euer Todesdatum fest. Die Bewegung stand '93 auf dem Höhepunkt des Sieges, danach kam es zum Abstieg. Wie verantwortlich haltet ihr euch selbst dafür? Ihr seid ohnehin nach Europa gegangen und dort auch inhaftiert geblieben. Lasst uns jetzt hier so reden, als wären gar keine Verantwortlichen anwesend. (Sich an die Verantwortlichen wendend) Ich habe diese Sache nicht mit euch, sondern zuerst mit Özal begonnen. Er ist in unseren Augen ein Märtyrer. Ich habe ihm mein Wort gegeben, dass ich diesen Prozess in seinem Andenken zu einem Ergebnis bringen werde. Wir sollten uns mit Kaya Toperi treffen, an jenem Tag ist Özal gestürzt. Jetzt frage ich: Übt die SDF, übt Kandil, übt Europa eigentlich Selbstkritik? Was versteht die Kandil-Front unter Selbstkritik? Kürzlich wurde Şexmaqsut in Aleppo umzingelt. Die Türkei soll gesagt haben, sie werde Unterstützung leisten. Der Verteidigungsminister sagt, man werde helfen. Alles ist auf Vernichtung aufgebaut. Der Plan und die Vorbereitungen zielen auf eine Ausrottung mit Stumpf und Stiel. Es wird Widerstand des Viertels geben, der Zustand unserer Kräfte und das Ergebnis sind klar. Vollständige Vernichtung, das ist der Plan. Die Verantwortlichen sollen nicht fehlen, sie kamen und sprachen über diese Gefahr. Ich habe daraufhin einen Brief geschrieben. Auch ihr wisst von diesem Brief. Was wäre geschehen, wenn dieser Brief nicht angekommen wäre? Bahoz soll gesagt haben: ‚Leistet bis zum letzten Mann mit dem Geist Apos Widerstand.' Was wäre die Folge davon gewesen? Hätte auch ich gesagt, leistet Widerstand bis zum Ende, wäre kein Stein auf dem anderen geblieben. Zehntausend Menschen wären abgeschlachtet worden. Es wäre kein Stein auf dem anderen geblieben. Ja, es wäre wie eine Pariser Kommune gewesen und wäre in die Geschichte eingegangen, aber selbst Marx hat vor dem Aufstand geschrieben: ‚Hätte die Pariser Kommune doch vor dem Aufstand die Möglichkeit einer Verhandlung mit der Regierung gehabt.' ‚Hätte sie doch', sagt Marx. Letztlich starben in Paris 10.000 Menschen. Die Pariser Kommune wird in den Himmel gehoben, aber er lobt sie nicht mit den Worten, ihr habt es gut gemacht. Jene Geschichte reicht bis in unsere Gegenwart. Die Kräfte, die die Şexmaqsut-Angelegenheit in Gang gesetzt haben, hätten die türkisch-kurdischen Beziehungen für das kommende Jahrhundert in eine blutige Beziehung verwandelt. Weder Qamışlo noch Kobani wären übriggeblieben. Die Kurden hätten Widerstand geleistet, wer gewinnt und wer verliert, ist nicht klar, aber ich habe eindeutig den Geruch von Gaza wahrgenommen. Aber die Kurden hätten so viel gewonnen, wie Palästina in Gaza gewonnen hat. Zumal die Welt hinter Gaza steht, wären die Kurden allein geblieben, und in Syrien wäre nichts mehr übrig geblieben, das man kurdisch nennen könnte. Sag du in den Bergen, so viel du willst, ich bin da. Es hätte auch ein Epos werden können. Aber was wäre das Ergebnis gewesen? Wer Revolutionär ist, muss auch das Ergebnis kalkulieren. Ein Revolutionär, der den Gewinn nicht kalkuliert, kann eine Gesellschaft nicht verteidigen.
Hier hat mich der Genosse Ömer an einen Satz von dir erinnert. Zur Zeit von Cizre und Sur hast du gesagt: ‚Wir hatten in Cizre nicht erwartet, dass der Staat sich derart rücksichtslos und mörderisch verhalten würde.' Ömer kritisiert das und sagt, wie kann man das nicht bedenken und nicht vorhersehen. Wie kann ein Revolutionär das nicht bedenken? Gibt es keine anderen Wege? Wenn ein Revolutionär das nicht bedenkt, geht ein Volk zugrunde. Das letzte Wort gehört dir, aber im Allgemeinen sind alle verantwortlich. Ich sehe mich selbst nicht als eine überragende Führung, aber das ist nicht meine Art. Die Verantwortlichen haben sich in Rojava mit den Şahinler getroffen. Eine Einigung wurde erzielt. Es wäre eine kurdische Geopolitik entstanden, schlimmer noch als Dersim. In Rojava wurde ein Gaza-artiges Szenario verhindert. Es ist keine ideale Lösung, aber sie ist sehr wertvoll. Ich halte sie für wertvoll, weil eine Gazafizierung verhindert wurde. Es gibt dort auch keinen totalen Verlust wie dort. Die Palästinenser haben am 7. Oktober eine große Aktion durchgeführt. Diese Aktion hat das Ende Gazas herbeigeführt. Einen Verlust wie in Gaza haben wir nicht. Palästina ist am Ende, bei uns hingegen steht die Sache noch fest. Was wir Politik nennen, ist, dass der Vorreiter dies erkennt und seine Vorkehrungen trifft. Auch ihr habt die TÜSAŞ-Aktion durchgeführt. Ihr könnt sie verteidigen, ich sage dazu nichts. Ich greife nicht an, versteht mich nicht falsch. Ihr steht auch dazu. Aber es gibt welche, die die Aktion, die Gaza beendet hat, als Heldentum bezeichnen. Auch in der Türkei gibt es eine solche islamische Tendenz. Es besteht keine Notwendigkeit, die gesamte Schuld Israel aufzubürden. Eine Aktion, die dich zugrunde richtet, kann nicht verteidigt werden. Das ist kein Heldentum, sondern ein Verbrechen, so bewerte ich es. Wie gut die Absicht auch gewesen sein mag, das Ergebnis liegt vor Augen. Das ist eine Widerspiegelung dieses Sonderkriegs.
Wir haben hier Gespräche mit den Verantwortlichen geführt. Ich glaube, ihr habt das in einer eurer Einschätzungen als eine Art Sonderkrieg bezeichnet. Ich sage dazu nichts, und vielleicht muss man dem auch Bedeutung beimessen. Aber ich habe den Verantwortlichen hier an diesem Tisch gesagt, dass ihr zuweilen sowohl reguläre als auch irreguläre Vertreter des Staates ineinander verschränkt sein könnt. Das habe ich damals dem Verantwortlichen gesagt. Ich wollte sogar zu İ.K. sagen, ich sehe hinter euch den Schatten des MOSSAD, habe es dann aber gelassen. Ihr habt mich skeptisch genannt. Israel hat sich das überlegt. Die Gazafizierung der Kurden, die Gefahr ist groß. Şexmaqsut hat das bewiesen.
Wenn die Şahins kommen, werde ich sprechen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich in dieser Sache einen Hauch von Gaza wittere. Das habe ich immer gesagt. Aleppo hat mich bestätigt. Das heißt, in Şexmaqsut war eine tödliche Falle gestellt worden, und diese Falle besteht fort. Seit einigen Tagen aktualisiere ich meine Analysen. Die jüngste Erkenntnis, zu der ich gelangt bin, lautet: Das zionistische Israel hat seinen eigenen Aufstieg auf eine Dialektik gegründet, nach der die Kurden zu Grabe getragen werden. Das ist britischer Verstand. Das ist ganz offensichtlich. Der von London aus gesteuerte Zionismus entwickelt sich weiter. Für eine jüdische Heimstätte wurde im Voraus Nordirak, also die Gegend um Mossul, ins Auge gefasst. Abdulhamit akzeptiert Mossul. Sie aber sagen: Nein, es soll in Palästina sein. Als Abdulhamit das nicht akzeptiert, stürzen sie ihn vom Thron. Nach dem 18. Jahrhundert ist auch Barzani ein Dönme aus Mossul. Die Dönme aus Thessaloniki türkisieren sich, die Dönme aus Mossul kurdisieren sich. Israel hat diese Beziehung in der Geschichte aufgebaut. Sie beherrschen sowohl die türkische als auch die kurdische Soziologie. Als sie beschlossen, den jüdischen Staat in Palästina zu gründen, sagten sie: Während wir Palästina israelisieren, müssen wir etwas opfern. Sie teilen Kurdistan in vier Teile. Ein Teil wird gehalten, die anderen Teile werden geopfert. Die Türkei, und besonders der Außenminister, hat sich intensiv mit der SDF (Syrische Demokratische Kräfte) befasst und ständig von einer unter israelischer Kontrolle stehenden SDF gesprochen, um eine Wahrnehmung zu erzeugen. Dabei kennt ihr ja meine Geschichte mit dem MOSSAD. Seit Damaskus wurde ich verfolgt. Sie sagten: Komm zu uns, wir geben dir, was du willst. Als einzigen Weg zeigten sie mir Oslo, ich bin nicht gegangen. Ihr Kontakt in Moskau war Schirinowski. Er ist Jude. Auch in Rom befand ich mich in einer unglaublichen Einkreisung. Später haben sie mich von Nairobi aus wie eine entsicherte Granate in die Türkei geworfen. Das Ziel war groß, man hatte uns durchschaut. Ein kurdisch-türkischer Krieg wurde angestrebt, und er war auf meine Ausschaltung aufgebaut.
Kommen wir zu Şexmaqsud: Sie wollten uns erneut in einen großen Krieg und Konflikt hineinziehen. Offenbar hatten sie sich abgesprochen. In Aleppo wollten sie diesen Verhandlungstisch umwerfen. İbrahim Bey und die Verantwortlichen warnten sofort, dies sei eine ernste Lage. Ich habe einen Brief geschrieben, Şahin hat ihn ernst genommen. Natürlich war es ein schlechter Ausgang, aber es kam nicht zu einem größeren und falschen Krieg. Im Kandil war man verstimmt, meiner Meinung nach gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Denn zum ersten Mal haben wir uns nicht aus eigenem Willen auf einen Krieg eingelassen. Hätten wir den letzten Konflikt so erlebt, wäre nicht nur Syrien, sondern dieser ganze Prozess in die Luft geflogen. Es wäre ein Krieg geworden, der sich über ein Jahrhundert erstreckt hätte. In Qamışlo, Haseke und anderen Städten wären Zehntausende gestorben. Ihr kennt ja ohnehin die Art der Kriegsführung der Araber: Wo sie eindringen, töten sie alle Männer und nehmen Frauen und Kinder gefangen. Haben sie das nicht in Shingal (Sindschar) getan? Anscheinend haben die Şahins gesagt: ‚Aus Israel würde noch Hilfe kommen.' Wir wären vernichtet worden. Auch nach Gaza geht Hilfe, aber ist es nicht trotzdem vernichtet worden? An der Spitze der Hilfe steht Trump. Von wem erwartest du da Hilfe? Sie lassen ohnehin auch Israel angreifen.
So habe ich meine Einleitung gehalten. Ich bleibe nicht an der Vergangenheit hängen. Die Vergangenheit ist vorbei, wichtig ist, dass wir nach vorne blicken. Meine Kritik an der Auflösung der PKK und am Stil des real existierenden Sozialismus usw. ist bekannt. Auch in den 90er Jahren hatte ich diese Kritik geäußert.
Ich muss noch einmal betonen: Wenn sich eine Lösung entwickeln soll, müssen wir diese Putsch-Mechanik gut verstehen. Die Putsch-Mechanik ist in Gang gesetzt worden. In der Geschichte der Republik gab es Topal Osman, den Leibwächter M. Kemals. Topal Osman handelte völlig wie eine Staatsmacht außerhalb der Norm. Er stand an Atatürks Seite und war für dessen Sicherheit verantwortlich, erschoss aber sogar den Abgeordneten Ali Şükrü Bey und noch viele andere. Atatürk wusste, dass dies außer Kontrolle geriet, er wusste, dass er selbst als Nächster an der Reihe war, und deshalb traf er Vorkehrungen. Der Normstaat war M. Kemal, doch den Staat außerhalb der Norm gab es immer. Und damals war das eben Topal Osman. Am 15. Juli stellte sich heraus, dass die engsten Adjutanten von Herrn Erdoğan Putschisten waren. Sie sind noch immer aktiv. Man glaubt, sie seien ausgeschaltet worden – das stimmt nicht. Das Gerede von ihrer Ausschaltung ist eine Erfindung. Jetzt ist ihr Spielfeld Syrien.
Auch ihr könnt Fragen stellen. Ich halte es für wichtig, dass die Verantwortlichen hier sind. Jetzt führen wir an diesem Tisch die Diskussionen nach der Auflösung fort. Was und wie werden wir es nach der PKK lösen? Die Waffen sind noch da, abgegeben haben wir sie noch nicht. Der Parlamentsausschuss lässt keine Hoffnung erkennen. Es wurde noch kein Entwurf erarbeitet, und mein Status ist weiterhin illegal. Dass ihr im Rahmen einer mutigen Operation hierhergekommen seid, ist von großer Bedeutung. Ich habe Entwürfe vorliegen, die werdet ihr heute Abend lesen. Morgen werden wir tiefergehend diskutieren. Als politische Institution verspricht das Parlament keine Hoffnung, aber die Staatsräson ist hier vertreten, und dies ist ein Schwellentreffen. Dieses Schwellentreffen kann ein wichtiger Anfang sein. Die Geschichte kann einen anderen Verlauf nehmen. Die Kultur des Konflikts kann aufgegeben werden. Das Recht kann zum Zug kommen. Aber mit mir allein geht das nicht. Ich bin erschöpft. Die Parteien müssen Verantwortung übernehmen. Ich flehe nicht darum. Kurz gesagt, ich habe die Schwelle benannt. Aber auch ihr seid hier. Der Genosse Duran ist recht erfahren, ein Genosse, der trotz so schwerer Kritik durchaus Verantwortung übernehmen kann. Der Genosse Sabri ist hier. Er hat einiges an Erfahrung. Das Material ist bereit, es bleibt nur noch übrig, die Aşure zu kochen. Nun, das Wort liegt bei euch …
Abbas Ark: Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich einiges sagen. Wir versuchen zu verstehen, was Sie gesagt haben. Wir haben auch das Manifest ausführlich gelesen und Diskussionen darüber geführt. Unser Kommen hierher ist bedeutsam. Ich kann auch einiges sagen, das Ihre Aussagen unterstützt. Die Darstellung zum 15. August könnte auch anders ausfallen, aber im Wesentlichen entwickelte sich die Kriegsführung so, wie Sie es geschildert haben. Die Dorfüberfälle fanden unmittelbar nach dem 15. August statt. Es begann mit Ebubekir, Hogır setzte diese Linie fort. Er verübte Kontra-Aktionen, aber es entwickelte sich ohnehin auch als eine Art der Kriegsführung. Deshalb haben wir nicht die Haltung, uns herauszuwinden, indem wir alles den Kontras anlasten. Hogır war kein Kontra, aber sein Stil war kontra-artig. Zum Waffenstillstand von '93 gab es Einschätzungen unserer Führung.
Vorsitzender: Gibt es bei Ihnen dazu, also zum Tod von Özal, neue Informationen?
Abbas Ark: Bei uns gibt es keine anderen Informationen. Die Informationen liegen eher hier vor.
Vorsitzender: Auch beim Militär gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Ausschaltungen.
Abbas Ark: Zum Prozess von '93 hatten wir die Einschätzung, der Staat sei wie ein einheitliches Ganzes. Der jüngste Prozess hat gezeigt, dass diese Sichtweise von uns ein Irrtum war. In diesem Prozess kamen und gingen Delegationen und Genossen. Briefe kamen und gingen. Während wir versuchten, die Briefe umzusetzen, gab es in Aleppo gegenteilige Vorgehensweisen. Zuerst waren wir überrascht, aber als sich die Gespräche in Paris widerspiegelten, verstanden wir, worum es ging. Während man sich auf die drei von Ihnen im Brief genannten Themen konzentrierte – Grenzübergänge, Erdöl und gegenseitige Vertretungen –, wie kam es dann zu den Angriffen, die sich in Aleppo und danach entwickelten? Wer das organisiert hat, ist für uns wichtig.
Vorsitzender: Dieser Konflikt hat mich an den Konflikt von '93 erinnert. Damals, gerade als wir versuchten zu verhandeln und eine Lösung zu finden, war es das Putsch-Trio – ich nenne es die Talat-Pascha-Provokation. Außer dem Trio (Talat, Cemal, Enver) wusste niemand im Kabinett vom Ersten Weltkrieg. Bei Özal war es genauso. Über seinen Tod wurde nichts geklärt. Die ihm nahestehenden Militärs wurden ausgeschaltet, und ebenjene, die sie ausschalteten, wurden stärker und übernahmen den Staat noch mehr.
In Şexmaqsud gibt es eine derart subtile Angelegenheit, dass einem der Verstand stillsteht. Was ihr eigener Anteil daran ist, können die Verantwortlichen nicht erklären, denn das ist Berufsgeheimnis. Aber sie haben Schlimmeres verhindert. Das glaube ich. Doch wer hat, als dieser Brief zur Sprache kam, diesen Krieg in Gang gesetzt? Ich habe verstanden und gesehen, welcher Putsch-Dynamo sich in Bewegung gesetzt hat. Es waren Kräfte, die im Vergleich zu '93 organisierter waren und die Medien stärker beherrschten. Sie haben das Innere des Staates wie ein Wurm zernagt. Das ist nicht einmal eine Clique, es ist mehr als das. Als Herr Erdoğan am 15. Juli interniert wurde, stellte sich heraus, dass sein gesamtes Umfeld aus Putschisten bestand. Es liegen Fakten vor. Der Putsch ist erfolgreich gewesen. Wann wurden diese denn überhaupt ausgeschaltet? Jemand hat das getan, um die Initiative hier und diesen Tisch zu zerschlagen. Das Ziel war hier. Das ist sicher. Zu diesem Schluss bin ich gekommen. Sowohl der Ansatz von Kandil als auch der des Genossen Bahoz war falsch. Es hätte zum Tod von 10.000 Menschen geführt. Es hätte sich bis nach Kandil ausgedehnt, alles wäre dem Erdboden gleichgemacht worden. Beim Treffen in Paris war Rojava im Visier, zuvor beim Treffen in Amman war Sindschar ins Visier genommen worden. Bei beiden Treffen wurde der Ferman gegen die Kurden verhängt. In Paris wurde Israel Raum verschafft. Den Drusen wurde wirtschaftlicher Raum eröffnet. Die Kurden sollten in Şexmaqsud geopfert werden. Der türkische Außenminister ist ebenfalls daran beteiligt. Denn auch er war in Paris. Auch die USA sind beteiligt, sie sagten zu Şara: Geh hinein, und er ging hinein. Das heißt, es ist Israel, das abgedrückt hat. Seit Jahren haben sie der SDF Mut zugesprochen und gesagt, leistet Widerstand, ihr werdet gewinnen.
Abbas Ark: Auch Frankreich ist daran beteiligt. Während der Angriffe hat es nichts gesagt. Als das Abkommen zustande kam, standen sie sofort da und sagten, wir stehen dahinter.
Vorsitzender: Natürlich war er daran beteiligt. Der Imperialismus tut so etwas. Das ist ein offenkundiges Massakerprojekt. Der Mossad hat die Hamas den Anschlag ausführen lassen. Israel gewinnt, indem es Menschen ins Grab bringt. Ich sage nicht, dass ihr keine Beziehungen zu Israel aufbauen sollt. Aber achtet gut auf eure Beziehung. Sie haben die Stimme des Genossen Bahoz vorspielen lassen. Er ist ehrlich, aber ich sage: Falle nicht ganz auf das Spiel herein. Es gibt ein arabisches Sprichwort: Wenn Basra zerstört ist, fragt niemand mehr nach Bagdad. Ist es einmal zerstört, gibt es nichts mehr zu gewinnen. Israel wurde versprochen, es werde die Hälfte davon erhalten. Wer hat verloren? Die Kurden. Die zuständigen Amtsträger sind besonnen vorgegangen. Sie verfügen sicherlich über Informationen zur Mechanik des Putsches, aber das ist ein Geheimnis, das sie nicht preisgeben können. Aleppo war wirklich ein sehr gefährliches Spiel. Diese Amtsträger sind als sanfte Macht eingeschritten. Sie haben verhindert, dass es über Aleppo hinausging. Anfangs glaubte Özal nicht, dass ihm als Staatschef so etwas widerfahren würde. Ich habe Talabani gefragt, worauf sich Özal verlässt, wenn er so etwas tut. Nach dem, was Talabani berichtete, habe Özal die Hand aufs Herz gelegt und gesagt: Heute habe ich Bitlis Pascha überzeugt, auch die anderen werde ich überzeugen. Kaum hatte er das gesagt, fiel er noch am selben Tag. Die normalen Kräfte sind hier, also an diesem Tisch. Aber die Gegenkräfte sind nicht klein, ihre Folgen sind katastrophal. Die Sache ist groß, und dieser Tisch wäre dem Erdboden gleichgemacht worden. Was wäre geschehen? Wir hätten gekämpft. Am Ende hätte es einen Pyrrhussieg gegeben. Kämpfen wir noch hundert Jahre, so werden wir kleiner und Israel größer. Zum Glück gibt es einen Staatsverstand. Es ist nicht so, wie wir es wollen. Über ihren Einfluss und ihre Befugnisse lässt sich streiten. Das habe ich auch im Brief gesagt. Jetzt kann ich nicht dieselben Dinge sagen. Sie haben es mit eigener Initiative bis hierher gebracht. Die Dinge liegen nicht so, wie ihr denkt. Durch Krieg lässt sich nichts erreichen. Es hat keinen Sinn, diesen Krieg unvernünftig zu führen. Wenn diese Verrückten dieses Team ausschalten, wird der Krieg größer und weitet sich aus. Die Erklärung vom 27. Februar ist wichtig. Bahçeli hat nach Atatürk eine große Initiative gesetzt. (Zu Abbas Ark gewandt) Sie hatten eine andere Einschätzung abgegeben. Sie hatten gesagt, Bahçeli sei ein Sprecher des Sonderkriegs. Bahçeli hatte natürlich solche Seiten, aber wie es in der jetzigen Phase dazu kam, weiß ich nicht. Aber Bahçeli ist keiner, der billige Worte macht. In der jetzigen Phase gibt es ohnehin keine andere Initiative. Ihre Einschätzung ist nicht wichtig, aber ich halte Bahçelis Vorstoß für wertvoll. (Er zeigte den Zeitungsausschnitt mit dem Foto des Kelim-Geschenks.) Sehen Sie das? Das ist sehr wichtig.
Abbas Ark: Das war auch an die Presse gegangen. Dort haben wir es gesehen.
Vorsitzender: Wenn ich das alles sage, meine ich nicht, dass diese Sache begonnen und beendet ist. Wir stehen noch ganz am Anfang. Es wurde noch nicht der geringste positive Schritt unternommen. Meine Lage und Ihre liegen beide klar auf der Hand. Aber ich bin hoffnungsvoll. Im Vergleich zur Kriegsarbeit ist die Friedensarbeit ziemlich schwierig. Ich habe an vielen schwierigen Arbeiten mitgewirkt. In keinen Prozess bin ich mit so viel Kraft eingestiegen. Ich bin in diesen Prozess eingestiegen, indem ich ihm sehr großen Wert und Sinn beigemessen habe. Sie wissen, dass ich mich auf nichts einlasse, das keinen Wert hat. Von Herzen wünsche ich mir, dass es schnell geht. Aber die türkische Politik und Tradition lässt das nicht schnell zu. Wir warten auf den Kommissionsbericht. Aber so, wie es läuft, ergreift die Politik keine Initiative. Deshalb habe ich einen Lösungsvorschlag. Es soll eine politische Koordinationsstelle geben. Davutoğlu hatte das vorgeschlagen. In einer anderen Frage müssen die Parteivorsitzenden einen Konsens über mich herstellen. Die Vorsitzenden sollen zusammenkommen und die Grenzen meiner ausführenden Tätigkeit festlegen. Was zum Beispiel erwartet das türkische Volk und die türkische Gesellschaft von mir? Auch Emre Bey pflegte zu sagen: Wir wissen nicht, was wir von Apo wollen. Der Fehler und das Falsche liege bei uns, sagte er. Jetzt sprach Bahçeli vom Recht auf Hoffnung. Akzeptieren sie, dass ich diese Aufgabe übernehme, oder nicht? In der Praxis muss meinem rechtswidrigen Zustand ein Ende gesetzt werden. Es ist bewiesen, ich habe Macht. Auch dass Sie hierhergekommen sind, zeigt das. Die Ausführung kann außer mir niemand leisten. Wir haben Kandil, die SDF und die DEM gesehen. Ihr Beitrag ist äußerst begrenzt. Ich habe Dinge, die ich tun werde. Keine Abspaltung, keine Gewalt. Unter meiner Verantwortung versuche ich, die demokratische Integration ganz allein zu bewerkstelligen. Ich bin ein Problemlöser.
Abbas Ark: Auch unser Kongressbeschluss lautet so. Wir diskutieren das ohnehin genauso. Wir haben gesagt, dieser Prozess müsse einzig und allein von Ihnen persönlich geführt werden.
Vorsitzender: (Lachend) Der Genosse Duran ist der letzte Vertreter des real existierenden Sozialismus. So beschreibe ich ihn.
Helin: Der Genosse Abbas hat sich nach Ihrem Buch 'Ein Halkı Savunmak' [Ein Volk verteidigen] sehr verändert. Das ist der Eindruck, den ich gewonnen habe.
Vorsitzender: Ich sage nicht, dass das, was Abbas geschrieben hat, falsch ist. Er hat Probleme dabei, die Ideologie in den politischen Bereich zu übertragen. Er beherrscht die kurdische Soziologie nicht vollständig. Er hat Schwierigkeiten, seine große Mühe in Praxis umzusetzen. Er weiß nicht, wie er es zum Laufen bringen soll. Lässt er etwa die Pinguine in Patagonien kämpfen? Er tut sich schwer damit, die Menschen an seiner Seite zu verstehen. Eine Führungspersönlichkeit kann so nicht sein, sage ich. Die Praxis ist erschreckend – wie kann er diese Zerstörer nicht aufhalten.
Dabei geht er seit dem 15. August diesen Weg. Alle vertrauen ihm sehr. Auch ich vertraue ihm sehr. Ich hatte zuvor den Vergleich mit dem Kaufmann aus Kayseri gemacht. Ich hatte gesagt, er solle nicht den Esel anmalen und ihn seinem eigenen Vater verkaufen – das soll nicht falsch verstanden werden. Ehrlichkeit und Loyalität allein reichen nicht aus. Der politische Stil ist wichtig. Wenn man nicht kreativ sein kann, führt das an den Galgen. Wer sich als Marxist ausgibt, muss das überwinden. 40 Jahre wirst du in den Bergen bleiben, wirst Widerstand leisten, aber nicht einmal dich selbst verteidigen können. Es gibt viele Kaderverluste – Männer wie Ali Haydar, Kasım Engin, Koçero. Das heißt, beim Überqueren des Flusses zu ertrinken. Ihr könnt keine kreativen Vorkehrungen treffen. Achtet auf das Ergebnis, nicht auf Ausflüchte. Eure Lebens- und Kampfweise ist fehlerhaft. Von den Zagros-Bergen aus hättet ihr die Revolution in ein, zwei Länder tragen können. Was ist überhaupt mit dem IS und den Mullahs los? Sie belästigen euch ständig. Irak und Iran sind eure revolutionäre Hauptbasis. Wenn ihr in dieser Weise weiter kämpft und lebt, geratet ihr in die Falle. Sie werden euch dort in die Enge treiben. Jeden Tag müsst ihr euer Geschichtsbewusstsein aufrütteln. Jeden Tag werdet ihr das neue Leben entdecken. Dort ist die Wiege des neuen Lebens. Zwischen dem, was ich erhofft habe, und dem, was ich vorgefunden habe, liegen Welten. Das mag eine übertriebene Einschätzung sein. Ich will niemandem Unrecht tun. Ich bedauere es zutiefst. Es wurden große Leiden durchlitten. Die 40 Jahre bedrücken mich sehr. Hätte man das Richtige getan, hätten wir es in den 90er-Jahren beendet. Das bedaure ich, es wurde in die Länge gezogen. Ich bin es leid, dass auch ihr so leben müsst. Mit begrenztem Einsatz versuchen wir, das wiedergutzumachen. Wenn es keine Lösung gibt, erstickt einen die Sackgasse. Mein Kampfstil beruhte nicht auf Waffen, aber für das Ergebnis, das dabei herauskam, bin ich verantwortlich. Hätte ich gewusst, dass die Ergebnisse so ausfallen würden, hätte ich dich 1983 nicht geschickt und auch jene Gruppen nicht. Wenn diese Lösung nicht zum Ergebnis führt, wird euch mit Sicherheit eine Seite zermalmen. Der Genosse Sabri pflegte zu sagen: 'Auch wir stehen nicht mit leeren Händen da. Wir haben Beziehungen und Macht.' Aber unter diesen Bedingungen und in diesem Zustand ist es unmöglich, dass ihr vorankommt. Hier sind vier Genossen, denen ich sage: Geht und diskutiert bis zum Morgen, bringt eine vernünftige Lösung. Um euch herum gibt es Hunderte davon. Sie reden ständig von 'Talabani-Gebiet' und 'Barzani-Gebiet'. Aber auch sie stehen nur dank uns noch aufrecht. Talabani pflegte zu sagen: 'Ohne dich könnten wir keine 24 Stunden bestehen.' Wir hatten mit Barzani und İdris eine Vereinbarung getroffen. Wenn es uns nicht gäbe, würde sie niemand anerkennen. Unsere eigene Unzulänglichkeit hat ihnen diesen Boden bereitet. Nun, lassen wir das. Ohne meine Anwesenheit hier wäre eure Lage erbärmlich. Zu sagen 'so hatten wir nicht gedacht, das hatten wir nicht einkalkuliert' hat keinen Sinn. Ihr müsst nachdenken. Auch den Amtsträgern sage ich: Geht und bringt einen politischen Koordinator, damit ich mein Anliegen darlegen kann und sie euch einen fundierten Bericht übermitteln. Die Politiker sind ein Hindernis für die politische Lösung. Der Staat schafft es einfach nicht, das zu gewährleisten. Manche treten auf und sagen, solange nicht restlos alle Waffen niedergelegt sind, sei dies und jenes nicht möglich … Wir haben mit Waffen nichts zu schaffen, das ist nicht unser Anliegen. Ich stütze mich nicht auf Waffen. Wir haben diesen Prozess nicht deshalb begonnen, weil Öcalan unter Druck stünde oder die Organisation auf schwachem Boden stünde. Sie schaffen es nicht, in den Bergen zu leben. So ist der Staat. Als die Politiker 2015 hierherkamen, hätte ich ihnen, wäre es nicht meinem Selbstrespekt zuwidergelaufen, den Tisch über dem Kopf zerschlagen können. Kann es denn so viel Unernsthaftigkeit und Verantwortungslosigkeit geben? Im Parlament hören sie einander nicht einmal zu. Ich sage doch: Gebt mir die Möglichkeit, damit ich arbeiten kann. Ich verfüge nicht über diese Bedingungen. So sehr ich mich auch bemühe, selbst unser Vorschlag bleibt in der Luft hängen. Jeden Tag bitte und flehe ich: Öffnet uns den Weg. Wenn dieser Prozess scheitert, wird es eine große Zerstörung geben. Ich hatte gesagt, wenn dieser Prozess nicht zu Ende gebracht wird, entsteht eine Armee von 100.000 Mann – der Verlauf hat mich in Rojava bestätigt. Wird nun auch dieser Prozess zunichtegemacht, werden infolge der Krise in Iran und Irak 500.000 Kurden unter Waffen gestellt. Es gibt den Iran, es gibt den Irak. Wie es um die kurdischen Kräfte steht, ist bekannt. Man wird das gegen die Türkei richten und sie zerstören. Das ist keine Drohung. Ich warne euch. Ich mache euch auf eine mögliche Entwicklung aufmerksam. Ich möchte die Lösung besiegeln, die ihr als unser Ideal bezeichnet. Diese Sache muss geregelt werden. Es geht um Tausende von Menschenleben. Es gibt eine Redensart: 'Mein Name ist Hıdır, das ist alles, was ich tun kann.' So viele Soldaten gibt es, so hohe Kosten gibt es. Diese jungen Frauen und jungen Menschen kämpfen unter schwierigen Bedingungen. Man muss eine Lösung dafür entwickeln. Krieg bringt keine Lösung. Die Gefallenen sind wie beim Überqueren des Flusses ertrunken. 33 Jahre haben wir gearbeitet und sind keinen Gerstenkorn weit vorangekommen. Revolutionen dürfen ihr eigenes Ende nicht auf diese Weise herbeiführen. Ich denke, ihr versteht das, oder?



