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In jedem Menschen gibt es einen Friedhof

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In jedem Menschen gibt es einen Friedhof

RastinewsErst spät habe ich verstanden: Wo ein Mensch am meisten verletzt wurde, dort verbirgt sich seine Identität.

Vielleicht verrät sich ein Mensch gerade dort, wo er sich am meisten verbirgt. Als ich Sie zum ersten Mal sah, wusste ich das noch nicht. Doch blicke ich heute zurück, erkenne ich, dass ich Sie von Anfang an an Ihren schmerzenden Stellen erkannt habe.

An jenem Tag, während Sie sprachen, waren Ihre Augen woanders. Ihre Worte waren geordnet, sogar ruhig – aber in den Pausen dazwischen … dort lag die eigentliche Geschichte.

Sie zeigten mir Ihre Wunden – nicht direkt, das tut ohnehin niemand. Auch ich verbarg meine eigenen unter meinem Schweigen. Zwei Menschen nähern sich einander manchmal gerade dort an, wo sie am meisten verbergen.

Mit der Zeit erkannte ich, dass nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Seelen voller Narben waren. Spuren aus der Vergangenheit, überdeckte Schmerzen … manche schienen vernarbt, andere aber schmerzten bei jeder Berührung noch immer, als wären sie nie vergangen.

Eine Wunde ist das, woran man sich in einem Moment erinnert, in dem man sie längst vergessen glaubte. Und ein Mensch blutet am meisten gerade dort, wo er sich am sichersten geheilt wähnte.

Um das zu begreifen, braucht es kein großes Leid; ein kleiner Moment, ein beiläufiges Wort, eine vertraute Stimme genügen.

Manchmal hebt ein Mensch die eigene Kruste mit den eigenen Händen ab, in dem Glauben, geheilt zu sein.

Eine Kruste ist meist nicht Zeichen der Heilung, sondern eine Form des Verbergens. Vielleicht wussten Sie das besser als ich. Oder ich glaubte es nur, weil ich mich in Ihnen wiedererkannte.

Wo ich schwieg, sprachen Ihre Wunden; wo Sie schwiegen, sprachen meine. Ohne Eile, ohne den Schmerz aufzureißen … wie mit der Spitze eines Messers, tastend. Weder ganz offengelegt noch ganz verborgen. Irgendwo dazwischen, auf jener feinen Linie, die ein Mensch sich selbst kaum einzugestehen wagt.

Der alte Satz, die Zeit heile alles, ist eine der größten Lügen, die sich der Mensch selbst erzählt. Die Zeit ist ein geschickter Maler; sie lindert den Schmerz nicht, sie überdeckt ihn nur, Schicht um Schicht. Die Farben ändern sich, das Bild wird weicher, doch was darunterliegt, bleibt, wie es ist.

In jedem Menschen gibt es einen Friedhof voller unbenannter Schmerzen. Ich habe es Ihnen nicht gesagt; aber Sie wussten es auch so. Auf manchen Grabsteinen stehen Namen, Daten, sie lassen sich erzählen, aussprechen. Doch es gibt auch unbeschriftete Steine. Dort liegt das eigentliche Gewicht. Das, was sich nicht in Worte fassen lässt, das im Aussprechen kleiner wird, das selbst erzählt noch unverstanden bleibt.

Der Mensch lernt mit der Zeit, in diesem inneren Friedhof zu gehen. Er geht auf Zehenspitzen, um nicht auf die Vergangenheit zu treten. Er hält den Atem an, um einen alten Schmerz nicht zu wecken. Doch wie vorsichtig man auch ist, jene Steine sind da: schwer, unnachgiebig, still.

Eines Tages, in einem Moment, den man nicht erwartet, stolpert man. Bei einem Blick, bei einem Schweigen … findet man sich selbst wie einen Fremden in sich wieder. In diesem Moment begreift man: Es ist nicht vergangen. Es hat nur gewartet.

In den Tagen, in denen ich versuchte, Sie kennenzulernen, achtete ich nicht auf das, was Sie erzählten, sondern auf das, was Sie verschwiegen. Denn was einen Menschen preisgibt, ist nicht das Gesagte, sondern das Unaussprechliche. Identität verbirgt sich nicht in Schaufenstern, sondern in jenen verborgenen Winkeln, die am meisten verletzt, am meisten versteckt wurden und noch immer schmerzen.

Wir erkannten einander an unseren Wunden. Denn nur wer aus derselben Stelle blutet, versteht wirklich die Sprache des anderen.

Eine überdeckte Wunde gilt nicht als geheilt; sie wird nur unsichtbar. Entscheidend ist nicht die Zeit, sondern der Moment, in dem man sich erinnert. Was ein Mensch nicht durchlebt, trägt er in sich. Und alles, was man mit sich trägt, wird nach einer Weile zu einem selbst.

Deshalb schmerzen manche Wunden noch nach Jahren. Die Zeit vergeht; doch der Schmerz bleibt an seinem Ort. Darunter, immer noch warm, immer noch lebendig.

Manchmal öffnet ein Mensch seine Wunde erneut, nicht um zu heilen, sondern um zu wissen, dass sie noch da ist. Das ist keine Schwäche, sondern vielleicht ein stiller Kampf, um nicht zu vergessen.

Wir graben in uns Gräber. Jedes Grab hat einen Stein; aber nicht jeder Stein hat eine Inschrift. Die unbeschrifteten Steine … sind unsere schmerzendsten Stellen. Das, was sich nicht in Worte fügt.

Und dann, eines Tages, wandelt man zwischen diesen Steinen und fühlt sich wie ein Gast. Zu Besuch im eigenen Inneren, doch als gehöre man nicht dorthin. Manchmal erwacht man dem eigenen Schmerz fremd gegenüber. Als wäre jene Wunde nicht die eigene, als hätte man jenes Grab nicht selbst gegraben.

Doch der Stein ist da. Still, schwer, unnachgiebig.

Mit der Zeit lernt der Mensch, in diesem Friedhof zu leben. Er macht seine Schritte leichter, wendet den Blick ab. Doch manche Steine gibt es; man dreht sich immer wieder nach ihnen um. Man kann ihnen nicht entkommen.

Und in einem Augenblick … beginnt alles von Neuem.

In diesem Moment versteht man: Nichts ist vergangen. Es hat nur gewartet.

Denn manche Schmerzen sprechen nicht. Sie wandern im Inneren umher. Sie sind still, doch ihr Schweigen wächst. Und eines Tages hört sich der Mensch selbst in dieser Stille.

Er begreift, dass das, was er in sich trägt, keine Erinnerung ist, sondern ein Schatten. Kein Schatten, der hinter ihm geht, sondern einer, der in ihm wandelt.

Deshalb warten manche Grabsteine noch immer darauf, beschrieben zu werden. Wie tief man auch gräbt … es bleibt unvollständig.

Und gerade in dieser Tiefe begegnet der Mensch sich selbst am meisten.

Ich habe Sie an Ihren Wunden erkannt.

Vielleicht kann sich der Mensch deshalb nicht erzählen; er sickert nur durch. In einem Blick, in einem Schweigen, am meisten in dem Moment, den man am wenigsten erwartet.

Denn manche Geschichten sind nicht dazu bestimmt, erzählt, sondern getragen zu werden.

Und der Mensch …

ist so sehr er selbst, wie das, was er trägt.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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