Gefangen im Zwischenreich

RastinewsUnsere Füße schreiten manchmal so, als wollten sie den Boden stampfen, manchmal lässt sie das Gewicht eines einzigen Steins nicht einmal von der Stelle rühren.
Noch schwerwiegender sind jene Schritte, die im Zwischenreich verharren.
Wer einem Fortgehenden hinterherblickt, verliert einen Teil von sich selbst. Wir alle leben im Zwischenreich jener Leere, die unsere Verluste hinterlassen.
Jeder Verlust reißt in der Seele des Zurückgebliebenen einen gewaltigen Riss auf. Wir hausen zwischen der Lüge und der harten Wirklichkeit.
Weder sind wir wirklich dort, noch ganz hier.
Der Mensch kann mit schwielenharten Füßen Kontinente durchqueren und steile Anstiege bezwingen. Bilden sich Blasen an unseren Füßen, schmerzt der Körper – doch die eigentliche, die endgültige Erschöpfung beginnt erst, wenn sich unser Herz in die Gänge der Frage verirrt: „Warum bin ich diesen Weg überhaupt gegangen?“
Einen Weg zu gehen, der seinen Sinn verloren hat, ist eine Qual.
Nicht wenn sich Blasen an unseren Füßen bilden, sondern wenn unser Herz vergisst, warum es diesen Weg eingeschlagen hat, und sich fragt, wie es überhaupt hierhergekommen ist, beginnt die wahre Erschöpfung.
Am schwersten wiegt die Ungewissheit jener Schritte, die im Zwischenreich verharren.
In den staubigen Gängen der Zeit treibt jeder Mensch seinem eigenen Ziel entgegen – und doch sind wir alle Reisende desselben Schmerzes. Die einen verlieren sich in der Härte des Asphalts, die anderen verzehren ihr Leben allein im Echo eines 'Lebewohl'.
Das Leben ist weder nur jene letzte Station, die wir erreichen, noch der erste Schritt, mit dem wir aufbrechen. Das Leben ist der Schmerz zwischen diesen beiden Punkten – vor allem aber der Schmerz des „Weitergehen-Müssens“.
Dieser Tage ringt jeder im Strudel der Lüge, die er mit eigenen Händen gewoben hat, um sein Leben.
Jeder willigt ein, dass ihm ein Stück aus dem eigenen Brustkorb gerissen wird.
Während die Gesellschaft vor dem scharfen, nackten Gesicht der Wahrheit flieht, zappelt sie in Wirklichkeit in einer Illusion, die ihr eigenes Ende vorbereitet.
Doch das eigentlich Erschreckende an dieser kollektiven Täuschung sind weder die ausgesprochenen Lügen noch die verlorenen Wahrheiten. Das eigentliche Übel verbirgt sich in der niederschmetternden Ungewissheit jener Schritte, die im Zwischenreich verharren.
Wenn die Menschheit nach der Bequemlichkeit einer Lüge giert und davor zurückschreckt, den Preis der Wahrheit zu zahlen, dann setzt dieser Schwebezustand der Wahrheit selbst das Messer an.
Noch erschütternder ist das Wesen dieser stillen Hinnahme. Wenn jeder Einzelne mit solcher Gelassenheit hinnimmt, dass ihm ein Stück seines Gewissens, seiner Würde oder seiner Freiheit aus dem Brustkorb gerissen wird, dann kann dort nicht mehr von „Gewissen“ die Rede sein, sondern nur noch von Verrat.
Diese Zustimmung besteht darin, sich einzureden, die Fessel der Unterwerfung sei der Flügel der Freiheit.
Wer zulässt, dass sein eigener Schatz geplündert wird, ist, während er auf das Verlorene blickt, längst abgestumpft gegenüber dem Preis, den er dafür zahlt.
Das ist der schwerste Preis des Lebens im Zwischenreich: dem eigenen Schwund zuzusehen wie einer Theaterszene, entfremdet von sich selbst.
Heute führen uns unsere Füße nicht an ein Ziel, sondern an den Abgrund, den diese große Zustimmung geschaffen hat. Und in dem Moment, in dem unser Herz aufhört zu fragen, warum es geht, setzt der Strudel der Lüge zu seinem letzten Zug an, um uns alle zu verschlingen.
Zurück bleibt eine unwiederbringliche Leere und eine Wahrheit, die mit Lüge durchwoben ist.
Wir sind weder mutig genug, uns von dieser Lüge loszureißen, noch gleichgültig genug, um mit dem Rest unseres Lebens einfach weiterzumachen.
Doch in einer solchen, mit so viel Lüge durchwobenen „Wahrheit“ finden wir am Ende keinen Platz mehr für uns selbst.
Die Lüge verbirgt nicht nur die Wahrheit – sie legt sich wie ein Gewebe über den Körper und tritt an die Stelle der Wirklichkeit.
Löst eine Lüge im Herzen eines Menschen kein erschütterndes Beben aus, reißt sie in seinem Gewissen nicht jenen ehrenvollen, tiefen Abgrund auf, dann ist es vergeblich, von der Lebendigkeit dieses Gewissens zu sprechen.
Der Mensch erleidet seine eigentliche Niederlage nicht in dem Moment, in dem er die Verbindung zur Wahrheit kappt, sondern in dem Moment, in dem er die Fähigkeit verliert, vor einer Lüge zurückzuschrecken.
Am Ende ist es das Gewissen, das uns zum Menschen macht.
Unwiederbringlich ist es hingegen, wenn wir zulassen, dass diese Lüge die gesamte Wahrheit unter Beton begräbt.
Die Befragung ist der Atem der Wahrheit; in der Herrschaft der Lüge aber ist der Atem längst angehalten.
Wenn der Mensch nach seinen Verlusten jenen ehrenvollen Schmerz nicht mehr spürt, dann hat sich der Sieg der Lüge vollendet, und der Mensch ist nur noch zu ihrer Statistenrolle geworden.
Das Zwischenreich ist nicht bloß ein Bild des Jenseits, sondern der Name jenes unheimlichen Korridors, den der lebende Mensch Tag für Tag durchschreitet. Auf der einen Seite fehlt etwas, auf der anderen ist noch nichts vollendet – und dazwischen versuchen wir, im Schatten all dessen, was wir verloren haben, Atem zu holen.
Am Ende bemisst sich der Mensch an seinem Mut.
Die Wahrheit zu verteidigen heißt, gegen den Wind der Lüge anzugehen und einen Preis dafür zu zahlen. Die Lüge absolut zurückzuweisen heißt, in Kauf zu nehmen, auf die trügerische Wärme der bestehenden Ordnung zu verzichten.
Wer duldet, dass sein eigener innerer Schatz geplündert wird, verliert in diesem Zwischenreich Schritt für Schritt seine Identität. Wer die Verbindung zur Wahrheit kappt, ohne sich je ganz mit der Lüge zu verschmelzen, beginnt nach einer Weile, dem eigenen Schwund wie ein Fremder zuzusehen.
Dass der Mensch zum Zuschauer und Statisten seines eigenen Untergangs wird, ist die Wiederholung einer Tragödie …
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
