Ich kann nicht zu dir kommen, ich bin dort, wo ich deine Stimme verlor – Teil 2

RastinewsDer kleine Finger im Mund, hattest du eine süße Wärme gespürt, als du deine Mutter nach Jahren wiedersahst; der Ort, dein Zimmer, sogar die Luft, die du atmetest, hatten sich verändert. Du warst wie der Ausweis, den du bei dir trugst, auf deinen Namen ausgestellt und bis zum Tod so geblieben: jemand, der nirgendwo hingehörte. War der Krieg wirklich zu Ende?
Deine Mutter ist so schön, zart wie ein Schmetterling. Doch sie wirkt, als wäre sie gestorben und gerade erst ihrem Grab entstiegen. Und dieser Mann, der frühere SS-Offizier, wie böse er ist; er riecht immer nach Alkohol. Dieser Henker, der dich immer wieder auf seine Knie zog, dessen Hände wie Kugeln über deinen Körper wanderten … Das dünne, schmerzende Blut, das zwischen deinen Beinen sickerte, ließ dich mit der Zeit einer in Auschwitz schreienden Wunde gleichen. Würde dir deine Mutter glauben, wenn du in deinem zarten Körper wie ein Ochse brüllst, dann würde auch der Krieg enden, dann würdest du aus deinem Versteck hervortreten. Aber wohin? Du warst in Wüsten, in denen selbst Gott gestorben war.
Küss mich drei Mal, Berta. Genau drei Mal. Im Namen von Geburt, Leben und Tod.
Wie lange dauerte dieser Schmerz, wie lange? Während du wie ein dünner Zweig heranwuchst, im Regen bis auf die Haut durchnässt und fröstelnd; nach der Schule musstest du dennoch dorthin zurück, in jenes Haus, jenes unbeendete Schlachtfeld … Dieses Blut, diese Asche, diese Mauer.
An einem Wintertag, als alles in Nebel gehüllt war, war deine Großmutter aus England in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihren Schmerz zusammenzutragen. Auch sie glich einer verwundeten Löwin; in ihrer Kehle steckte etwas, das sie nicht hinunterschlucken konnte. Auch sie hatte die schwarze Milch getrunken, aus den pechschwarzen Brüsten. Mit deiner Mutter lag sie in ständigem Streit. Deine Mutter presste ihre Brüste zusammen, als wären sie ein nachträglich angesetztes, verblasstes Stück Haut, dann ihre Zähne, dann ihre Hände. Deine Mutter war zu einem Nichts gemacht worden; beinahe, als gäbe es sie gar nicht.
In diesem Haus ging der Krieg weiter. Inmitten der Trümmer war jeder verwundet. Deine Großmutter aber war dir gegenüber warmherzig und liebevoll. In ihr lebte noch etwas; sie nahm dich in die Arme und schlief, pflanzte dich wie den letzten in dieser Welt verbliebenen Samen in ihr Herz. Sie erzählte von den Erinnerungen eines alten Traums, doch dann begann die Wirklichkeit: ein dunkler, endloser, ungewisser Krieg.
Berta, küss mich. Küss mich so, wie Elem Klimovs „Komm und sieh“, bitte.
Ich wischte über eine durchsichtige Scheibe; ich sah Schmerzen, größer noch als Schmerz. Auch dich pflanze ich mir in die Seele; es schmerzt noch mehr. Berta, küss mich.
Ach, unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende; sie ist noch nicht einmal geschrieben.
Deine Großmutter stand brieflich mit den Überlebenden des Völkermords an sechs Millionen Menschen in Verbindung. Sie war entschlossen; sie würde fortgehen, um nicht mehr zurückzukehren. Sie würde dich in ihr Herz pflanzen und mitnehmen, dorthin, woher sie gekommen war, in den Süden.
Der eiserne Zug, der einst deinen Vater nach Auschwitz gebracht hatte, brachte nun euch beide in den Süden. An allen Wegen, die ihr durchquertet, standen zerstörte Häuser; kein einziger lebender Zeuge war geblieben. Alles, wirklich alles blutete. Ihr reistet in der Hoffnung, dass der Krieg dort vielleicht zu Ende sei.
Warum sollten euch zwei winzige Zimmer nicht genügen? War es nicht ein ganzes Leben wert, dass zwei Menschen, die alles verloren hatten, sich aneinander festhielten? Diese Stadt konnte tief genug sein, um die Identität von euch beiden zu verbergen.
Eine neue Schule, eine neue Umgebung. Doch eure Identität blieb stets verborgen. So seltsam das klingt, ist es das eigentlich gar nicht. Ihr gleicht den Kizilbasch und den Armeniern, die sich verbergen, um anderswo auf der Welt leben zu können. So etwas ist Faschismus.
Küss mich drei Mal, Berta.
Du bist wie ein dünner Zweig; gewachsen, aufgeblüht. Deine Brüste sind aufgeknospt. Du willst lieben und geliebt werden; war das nicht auch dein Recht? Der Krieg ging weiter, Berta. Diese faschistische Hand war selbst in deinen glücklichsten Momenten zwischen deinen Beinen. Sie kehrte immer wieder, fand dich stets in deinem Versteck und rief „Erwischt!“. Danach wieder Krieg, immer wieder Krieg.
Bis zum Ende deines Lebens würdest du in einem Einzelbett liegen, die Knie an den Bauch gezogen wie ein Fötus. Nie ließest du zu, dass jemand deine Hand hielt, dein Haar streichelte oder dich auf den Mund küsste. Jahrelang bliebst du bei deiner Großmutter; du drehtest dich am Rand all der religiösen Bräuche und Rituale. Du hast das technische Studium abgebrochen und in einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet. Doch alles wurde von einer unabgeschlossenen, ungesühnten Vergangenheit erdrückt. Das war Krieg; Krieg.
Deine Großmutter traf sich zwei Mal mit deiner Mutter, doch ihre Reisen sahen jeweils die Rückkehr am selben Tag vor. Deine Mutter war krank; ihr war eine Brust entfernt worden. Sie wollte dich unbedingt sehen; du bist nicht gegangen.
„Eines Tages, als der Tod ganz nah war …“
Als sich eure Blicke an der Schwelle eines Krankenzimmers trafen, sah sie dich an, als wäre es der Blick von sechs Millionen, und sagte: „Vergib mir.“ Du hast deine Mutter angesehen, sechs Millionen Mal, und geschwiegen. Der Weg war lang, und die Rechnung ebenso schwer. Während dich der eiserne Waggon nach Hause trug, Berta, weintest du, wie du nie zuvor geweint hattest.
Zwischen dir und deiner Schwester lag Auschwitz. Du wolltest sie nicht erreichen. Dann starb deine Mutter. Drei Monate später erschoss sich der nun allein gebliebene Nazi-Offizier. Sein Tod veränderte nichts an deinem Leben. Du schliefst weiterhin in deinem Einzelbett, die Knie an den Bauch gezogen, von Albträumen geplagt. Deine Großmutter überlebte alle anderen; sie wartete auf eine Entschuldigung und lebte so lange wie diese Entschuldigung auf sich warten ließ.
Aus deiner zerrissenen Familie hinterließen weder deine Tante noch dein Onkel noch deine Stiefschwester dieser Welt ein Kind. K R I E G war weit mehr als ein Wort aus fünf Buchstaben.
Küss mich drei Mal, Berta.
Ich rufe Heidi an, die du aus der Versicherungsgesellschaft kennst, deine einzige Freundin. Auch sie ist verwundet; ihr Vater wurde vor den Toren Berlins von der SS erschossen. Eine halbe Stunde später kommt sie.
In deinem Bett, in der Haltung eines Fötus …
Und der Krieg ist zu Ende.
Es war ein harter Winter, Berta. Doch der Duft des Frühlings zieht herauf. Ich kann nun nicht mehr jeden Sonntag zu dir kommen, Berta. Ich bin dort, wo ich deine Stimme verloren habe. In der Ferne Bombeneinschläge … Die Welt ist sehr alt, und nichts hat sich verändert.
Küss mich drei Mal, Berta.
Im Namen von Leben, Geburt und Tod.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
