Die Lust am Wahnsinn: narzisstische Macht als politisches Theater

RastinewsWir leben in merkwürdigen Zeiten. Wie Giuliano da Empoli in seinem Buch Die Stunde der Raubtiere (2025, 3. Auflage) aufzeigt, wurde Chaos in der Vergangenheit meist von Banditen, Aufständischen oder nichtstaatlichen Akteuren erzeugt. Die Aufgabe, Ordnung zu schaffen und Chaos einzudämmen, galt hingegen als Sache der Herrschenden. Heute verschwimmt diese Grenze zunehmend. Wer eigentlich Chaos eindämmen sollte, wird mitunter selbst zu dessen Erzeuger. Die Ordnungsstiftung, eine der Grundfunktionen von Politik, kann sich in eine bewusst betriebene Erzeugung von Instabilität verkehren. Das ist nicht nur eine politische Strategie, sondern hat auch eine psychologische Dimension. Fortwährend Krisen zu erzeugen, Sätze zu äußern, die die Öffentlichkeit aufwühlen, provokative Entscheidungen zu treffen oder die gesellschaftliche Polarisierung zu schüren, kann in manchen Herrschaftsformen zu einer Regierungstechnik werden. Chaos ist dabei kein bloßes Nebenprodukt, sondern ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Macht sichtbar zu machen. Denn in einem Klima des Chaos erscheint der Anführer als zentralere und unentbehrlichere Figur. Ordnung zu stören, wird so – paradoxerweise – auch zu einer Methode, sich selbst als den Einzigen darzustellen, der Ordnung wiederherstellen kann.
An diesem Punkt lässt sich von der „Banditenseite“ der Macht sprechen. Die Figur des Banditen setzt historisch gesehen widerrechtlich Gewalt ein, verletzt Regeln und errichtet Herrschaft durch Angst. Der Staat wiederum ist theoretisch entstanden, um genau diese willkürliche Gewalt zu beseitigen. In manchen Herrschaftsformen entsteht jedoch eine merkwürdige Nähe zwischen diesen beiden Figuren. Der Herrschende wird dann weniger zu jemandem, der das Gesetz anwendet, als zu einer Figur, die das Gesetz nach Belieben dehnt oder außer Kraft setzt. In solchen Fällen hört Macht auf, eine ordnungsstiftende Institution zu sein, und wird zu einem Gebilde, das seine Kraft aus Ungewissheit und Angst bezieht. Die von Empoli angeführte Metapher der „Stunde der Raubtiere“ ist deshalb keine bloße Redewendung. Sie beschreibt, dass Politik in manchen Momenten weniger ein Ort zivilisierter Verhandlung als eine Bühne des Machtkampfes wird.
Wenn Wahnsinn auf Macht trifft
Dass die Menschen (die Herrschenden) an Deck weitertanzen, während die Titanic (die Länder) sinkt, dass das Orchester weiterspielt und an Bord krampfhaft eine prunkvolle Atmosphäre aufrechterhalten wird, ist eine in der modernen Kultur häufig bemühte, kraftvolle Metapher. Dass die Inszenierung selbst dann fortgesetzt wird, wenn die Katastrophe naht, beschreibt, wie eine Show fortgeführt wird, anstatt sich der Wirklichkeit zu stellen. Das ist nicht nur ein individueller Verdrängungszustand, sondern wird bisweilen auch zum Symbol, um das Verhalten von Machthabern und herrschenden Schichten zu deuten.
Eine ähnliche Metapher findet sich in der Erzählung über Nero. Das Bild des Kaisers, der auf der Bühne wie ein Künstler posiert, während die Stadt brennt, ist – unabhängig davon, ob es historisch verbürgt ist – zu einem starken Symbol für den Abriss der Verbindung zwischen Macht und Wirklichkeit geworden. Neros Geschichte ist deshalb nicht bloß eine Anekdote der römischen Geschichte, sondern wird auch als sinnbildliche Erzählung dafür gelesen, dass Macht sich in eine narzisstische Zurschaustellung verwandeln kann. Bemerkenswert ist hier vor allem der Bruch zwischen der Katastrophe und der Wahrnehmung der Macht. Dass sich der Herrscher, während die Stadt brennt, selbst wie ein Künstler inszeniert, zeigt, wie sehr sich die Distanz zwischen der Realität der Beherrschten und der Welt des Herrschenden vergrößert.
Bei großen gesellschaftlichen Krisen wie Erdbeben, Waldbränden oder Überschwemmungen wird diese Distanz noch sichtbarer. Solche Momente werden zu kritischen Prüfsteinen dafür, wie sehr die Herrschenden noch mit der Wirklichkeit in Kontakt stehen. Richtet sich der Reflex der politischen Macht angesichts einer Katastrophe nicht auf das Teilen des Leids und das Erarbeiten von Lösungen, sondern auf die Wahrung der eigenen Sichtbarkeit und Pracht, entsteht das, was man symbolisch als „Neroisierung“ bezeichnen könnte. Neroisierung bedeutet, dass der Herrschende nicht die Zerstörung im Blick hat, die die Gesellschaft erlebt, sondern seine eigene Bühne, seine Show, sein Ansehen. Dieses Bild steht dafür, dass ein Herrschender, während sein Land in der Krise steckt, nicht an die Zerstörung im Land denkt, sondern an die eigene Pracht und Sichtbarkeit. In solchen Fällen wird Politik weniger zur Regierungspraxis als zur Bühne. Der Anführer wird weniger zu einem Herrschenden, der Probleme zu lösen versucht, als zu einer Figur, die sich fortwährend selbst darstellt. Reden, Zeremonien, prunkvolle Bilder und dramatische Rhetorik rücken ins Zentrum der Politik. Dass Macht sich derart in eine plumpe Zurschaustellung verwandelt, zeigt zugleich, wie sehr die Bindung an die Realität schwächer geworden ist.
Den wahren Preis von Trumps Privatjet kennt niemand. Er wird nur geschätzt. Auch in der modernen Politikgeschichte findet man immer wieder solche Beispiele. Bemerkenswert ist, dass manche Anführer selbst in Zeiten wirtschaftlicher Not und wachsender Armut ihre Macht weiterhin durch gewaltige Paläste, prachtvolle Bauten, Privatjets oder pompöse Symbole zur Schau stellen. Das erinnert an das, was man als „Neroisierung“ bezeichnen könnte: dass die Macht ihre eigene Pracht weiter ausbaut, während die Gesellschaft eine Krise durchlebt. In solchen Momenten öffnet sich die Distanz zwischen der Welt des Herrschenden und der Realität der Gesellschaft immer weiter. Politik hört auf, eine Regierungspraxis zu sein, die Probleme zu lösen versucht, und wird zunehmend zur Bühne einer Machtdemonstration. Auf dieser Bühne bleibt das reale Leid im Hintergrund, während das Bedürfnis der Macht, sich selbst darzustellen, in den Vordergrund rückt.
Wahnsinn ist für den Menschen meist eine Last. Wahnsinn ist nichts Erstrebenswertes. Deshalb begegnet man auch keinen Demonstrationszügen von Menschen, die wahnsinnig werden wollen; auch in den Gebeten der Menschen kommt ein solcher Wunsch nicht vor. Wer Wahnsinn erlebt, verliert die Verbindung zur Welt, erfährt eine innere Zersplitterung und leidet meist darunter. Deshalb galt Wahnsinn im Lauf der Geschichte als tragischer Zustand.
Es gibt jedoch noch eine andere Form des Wahnsinns: Verbindet er sich mit Macht und hört auf, ein leidvoller Zustand zu sein, sondern beginnt Lust zu erzeugen, dann wird er nicht mehr zur individuellen Tragödie, sondern zur gesellschaftlichen Gefahr. Die Geschichte ist voll solcher Figuren. Die römischen Kaiser Caligula oder Nero sind vor allem für ihre Maßlosigkeit und Ausschweifungen in Erinnerung geblieben. An den Geschichten dieser Figuren fällt nicht nur auf, was sie taten, sondern dass sie ihr Tun in eine Show verwandelten. Sie nehmen dem Wahnsinn seinen Charakter als Wahnsinn. Statt ihr Verhalten einzudämmen, trägt die Macht es auf die Bühne. So hört Wahnsinn auf, verborgenes Leid zu sein, und wird zu einer öffentlichen Performance.
Auch in der modernen Politik lässt sich eine ähnliche Dynamik beobachten. Treffen manche Anführer Entscheidungen, die provokativ, maßlos oder irrational wirken, kann die verblüffte Reaktion der Gesellschaft paradoxerweise genau dieses Verhalten nähren. Die Menschen verfolgen solche Entscheidungen fassungslos und stellen immer wieder die Frage: „Wie kann das sein?“ Doch diese Fassungslosigkeit erzeugt zugleich eine Form von Aufmerksamkeit. Jede Handlung des Anführers rückt ins Zentrum der Tagesordnung. So können Verblüffung und Empörung, ungewollt, die Sichtbarkeit und den Einfluss des Anführers noch vergrößern.
Caligula. Die Caligulisierung ist inzwischen wohl zur Normalität geworden …
Wenn wir in der Geschichte bestimmten Figuren zum ersten Mal begegnen, ist das Gefühl, das wir dabei empfinden, meist nicht Entsetzen, sondern ein merkwürdiges Lachen. Denn das Geschilderte übersteigt die Grenzen der Realität so sehr, dass unser Verstand es zunächst als absurde Szene wahrnimmt. Dass Caligula sein Pferd zum Senator machen wollte oder dass Nero dargestellt wird, wie er während des Brandes von Rom auf der Bühne wie ein Künstler auftritt, mag deshalb im ersten Moment nicht als Tragödie, sondern als groteske Komödie erscheinen. Dieser Umstand hängt tatsächlich auch mit einem Abwehrmechanismus des menschlichen Geistes zusammen. Wenn die Realität zu extrem wird, wenn die Grenzen der Logik überschritten werden, fällt es dem Verstand schwer, sie sofort in die Kategorie „real" einzuordnen. In solchen Momenten erscheint das Absurde komisch. Denn die Tragödie zu akzeptieren, ist weitaus schwerer. Deshalb werden Caligulas Pferd oder Neros Rom im ersten Moment nicht als Grausamkeit, sondern fast wie ein Witz wahrgenommen. Dass ein Kaiser sein Pferd zum Senator machen wollte, gleicht eher einer Bühnenshow als einer politischen Entscheidung. Realität und Machtinszenierung vermischen sich. Entscheidend aber ist Folgendes: Die Geschichte zeigt uns immer wieder, dass das, was lächerlich erscheint, manchmal der Beginn einer echten Machtpraxis ist.
Auch Hannah Arendts Beobachtung zur Banalität des Bösen verweist auf einen ähnlichen Punkt. Große Übel treten oft nicht in einer teuflischen Dunkelheit auf, sondern manchmal in Handlungen, die absurd, banal, ja sogar komisch wirken. Die Menschen denken zunächst: „Das muss ein Scherz sein." Denn es ist schwer zu akzeptieren, dass die Realität derart absurd sein kann.
Epstein…
Die Lust wird politisiert… Kürzlich hat Dagmar Herzog in ihrem Buch Der neue faschistische Körper (2025) auf einen bemerkenswerten Punkt hingewiesen: In der Moderne rückt der Körper zunehmend ins Zentrum der Politik. Unter Bezugnahme auf Judith Butler heißt es in dem Buch, der Körper sei nicht nur ein biologisches Wesen, sondern zugleich der Ort von Hunger, Durst, Angst, Krankheit, Verletzung, Sexualität und Gewalt. In diesem Sinne ist der Körper nicht nur ein Organismus, sondern auch der Schauplatz sexueller Ängste, gesellschaftlicher Normen und kultureller Verbote. Der Körper war daher schon immer ein Gegenstand des Interesses der Macht. Das Gleiche gilt für die Intimsphäre.
Das lässt sich historisch leicht nachvollziehen. Betrachtet man etwa den Codex Hammurabi, zeigt sich, dass ein erheblicher Teil seiner Bestimmungen Familie, Sexualität, Ehe und den intimen Bereich betrifft. Der Rest bezieht sich vor allem auf Handel und Warenverkehr. Seit den frühesten Epochen der Menschheitsgeschichte haben Macht und Religion – Könige, Gesetze und Götter – sich für den intimsten Bereich des Menschen interessiert und versucht, ihn zu regulieren. Deshalb ist der private Bereich nie nur „privat". Der intime Bereich ist zugleich politisch.
Machthaber politisieren auch den Bereich der Lust. Denn Lust ist eine Erfahrung, die über den Körper funktioniert; wird der Körper kontrolliert, lässt sich auch die Gesellschaft kontrollieren. Deshalb haben Staaten, Religionen und verschiedene Machtformen im Laufe der Geschichte versucht zu regeln, mit wem, wie und innerhalb welcher Grenzen Menschen Beziehungen eingehen dürfen. Auch Michel Foucault hat die Zusammenhänge zwischen der Kontrolle des Körpers und den Machtverhältnissen ausführlich dargelegt. Die ständige Überwachung des intimen Bereichs gehört zu den ältesten Reflexen der Macht.
In diesem Zusammenhang sind die in antiken Quellen überlieferten Geschichten über Caligula und Nero keine bloßen historischen Anekdoten. In diesen Erzählungen wird die Grenzenlosigkeit der Macht sichtbar. Diese Figuren sind mit der Zeit weniger historische Personen als vielmehr Symbole für die Neigung der Macht geworden, sich selbst durch Grenzüberschreitungen zu inszenieren. Deshalb denken die Menschen zunächst: „Das kann nicht sein, das ist unmöglich." Denn das Geschilderte liegt außerhalb der alltäglichen Moral und des gewöhnlichen Wirklichkeitsempfindens. Doch die Geschichte zeigt uns noch etwas anderes: Dort, wo sich Macht konzentriert, treten Normverstöße häufiger auf.
Zwischen Macht und Sexualität besteht ein enger Zusammenhang: Beginnt eine Person, sich über den Gesetzen zu fühlen, lockern sich die inneren Bremsen gegenüber den Trieben. Deshalb kam es im Laufe der Geschichte an Höfen, in aristokratischen Kreisen oder in Bereichen absoluter Macht immer wieder zu sexuellen Exzessen und Skandalen. Auch einige in der Moderne aufgetretene Skandale haben diese Debatte erneut auf die Tagesordnung gebracht. So zeigen etwa die im Fall Epstein bekannt gewordenen Dokumente und Beziehungsnetzwerke den Zusammenhang zwischen Macht, elitären Netzwerken und sexueller Ausbeutung. Manche Kommentatoren bewerten solche Vorfälle daher als Teil einer historischen Kontinuität: Für Mächtige ist die Grenze keine Grenze. Die Grenze ist für das gewöhnliche Volk. Selbstverständlich sind die Erzählungen aus dem antiken Rom, die moderne Politik und die heutigen Skandale nicht identisch; ihre historischen Kontexte unterscheiden sich stark. Macht ist nicht nur eine politische Position; sie ist zugleich eine starke psychologische Erfahrung. Beginnt ein Mensch, sich als dem Gesetz enthoben zu empfinden, lassen sich Grenzen zunehmend leichter überschreiten. Vielleicht werden deshalb Dinge, die Gesellschaften als „unmöglich" bezeichnen – ob politischer Exzess oder sexuelle Grenzüberschreitung –, mitunter gerade dort möglich, wo sich Macht konzentriert.
Das radikalste Unmögliche… Der Krieg…
Der Krieg ist ein Zustand, in dem sich Böses und Perversion geradezu wie in einem Festival organisieren. Er markiert jene äußerste Schwelle, an der die über Jahrtausende entwickelten menschlichen Werte von Gesetz und Menschlichkeit mit einem Mal außer Kraft gesetzt werden. Er ist radikal, weil er die grundlegendste Grenze des Menschen verletzt: das Tötungsverbot. Handlungen, die in der moralischen Ordnung des Alltags als Verbrechen gelten, werden im Krieg als legitim, mitunter sogar als tugendhaft dargestellt. Der Krieg ist deshalb nicht nur ein politischer Konflikt, sondern auch ein Ausnahmezustand, in dem die vom Menschen errichtete ethische Ordnung suspendiert wird. Die Perversionen der Herrschenden beschränken sich nicht auf die Sexualität; die vielleicht perverseste Organisationsform überhaupt ist der Krieg selbst.
Beispiele aus der jüngeren Geschichte zeigen dies deutlich: die Errichtung von Sklaven- und Konkubinenmärkten für jesidische Frauen und Kinder, das Entwurzeln und Fortschaffen selbst der Olivenbäume während der Plünderungen in Syrien … Das sind nicht bloß „Nebenwirkungen des Krieges", sondern unmittelbare Manifestationen seiner strukturellen Gewalt.
Der pensionierte US-Marineinfanterie-General Smedley D. Butler spricht nach einer langen und überaus erfolgreichen militärischen Laufbahn offen das wahre Gesicht des Krieges aus. Für ihn ist der Krieg kein Heldenepos, sondern ein Betrug und ein schmutziges System. In seinem Text War Is a Racket (1935; dt. Krieg ist ein Schwindel, 2019) schreibt Butler, der Krieg diene einem sehr kleinen Kreis von Interessen, während sein Preis von den breiten Massen mit ihrem Leben bezahlt werde. Im selben Text betont er, dass Millionen unter Waffen stehende Menschen nicht das Tanzen, Leben oder Produzieren lernten, sondern das Töten und die Bereitschaft, getötet zu werden. Zudem hält er fest, dass die am Ende der Kriege erzielten Vorteile und Reichtümer wiederum genau diesen privilegierten Kreisen zuflössen. Butler verzeichnet insbesondere, dass während des Ersten Weltkriegs in den USA mindestens 21.000 neue Millionäre entstanden. So legt er offen, dass hinter dem mit Reden über Vaterland, Nation, Heldentum und Märtyrertum verherrlichten Krieg in Wirklichkeit ein blutiges System steckt, das den Reichtum einer kleinen Gruppe mehrt. Die ideologische Erzählung des Krieges beruht auf Opferbereitschaft und Ehre; seine ökonomische Realität liegt jedoch meist ganz woanders. Kurz gesagt: Der gezahlte Preis ist meist kein Boden und keine Ehre, sondern Menschenleben, die für den Reichtum anderer geopfert werden. Der Krieg ist die am besten organisierte Lüge, in der der Mensch das Töten legitimiert und die Macht daraus Gewinn zieht.
Die Karriere des Unmöglichen…
Das Unmögliche… Und die Möglichkeit dessen, was für unmöglich gehalten wird… Eine ähnliche Dynamik lässt sich auch in der modernen Politik beobachten. Was manche Politiker sagen, klingt im ersten Moment wie eine Stand-up-Pointe: unglaublich, surreal und komisch. Die Menschen lachen zunächst. Denn die erste Reaktion des Verstandes lautet: „Das kann nicht sein." Doch hier wirkt ein interessanter Mechanismus: Das, was wir für unmöglich halten, wird mitunter gerade deshalb möglich. Denn die Gesellschaft nimmt es zunächst nicht ernst. Es wird nicht beachtet… Das Absurde wird eine Zeit lang als politische Performance wahrgenommen. Die Grenze zwischen dem Lächerlichen und dem Gefährlichen verschwimmt an diesem Punkt. Das ist auch der Grund, warum die Erzählungen über Caligula und Nero zu derart starken Metaphern geworden sind. Sie sind nicht nur historische Personen; sie sind zugleich Symbole dafür, dass die Macht die Realität mitunter in eine Theaterbühne verwandeln kann. Dass ein Pferd zum Senator gemacht wird oder dass das brennende Rom zu einem Lied wird, enthält im Grunde folgende Botschaft der Macht: „Die Realität ist jetzt meine Bühne." Und vielleicht lachen die Menschen deshalb zunächst. Denn manchmal wirken die erschreckendsten Dinge auf den ersten Blick wie ein Scherz. Manche Äußerungen Trumps erinnern beim ersten Hören tatsächlich an die Geschichten von Nero und Caligula. Denn das, was er sagt, enthält meist eine Sprache der Übertreibung und Inszenierung, die die gewohnten Grenzen der politischen Realität sprengt. Deshalb besteht die erste Reaktion vieler Menschen nicht darin, es ernst zu nehmen, sondern zu lachen oder zu sagen: „Das kann nicht sein."
Manche Eigenschaften heutiger Diktatoren und faschistischer Führer erinnern an Caligula. Man könnte das kurz als „Caligula-Komplex" bezeichnen. Zu den Grundzügen dieses Komplexes zählen die Verbindung von Sadismus mit Lust, die Umwandlung eines brüchigen Selbstwertgefühls in Fantasien von Größe und Erhabenheit sowie die schrittweise Normalisierung immer neuer Verrücktheiten. Ich bin kein Historiker; ich greife lediglich Geschichten auf, die mir aufgefallen sind und die einen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Caligula, römischer Kaiser von 37 bis 41 n. Chr., wird in der Geschichtsschreibung als einer der extremsten, unausgeglichensten und grausamsten Herrscher dargestellt. Rom hatte viele Kaiser; doch Caligula wollte sich von ihnen abheben, sich noch höher positionieren. Das tat er über den Weg des Wahnsinns. So erklärte er sich etwa selbst zum Gott. Anders als die meisten römischen Kaiser wollte er schon zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt werden und ließ eigene Statuen in Tempeln aufstellen. Götter verlangen Opfer; also begann Caligula, alles, was den Göttern zustand, für sich selbst zu beanspruchen. Auch das Opfer eingeschlossen.
Auch heute werden den Machthabern gewissermaßen Opfer dargebracht, um sie zu ehren. Was scheinbar einem Gott dargebracht wird, gilt in Wirklichkeit dem Herrscher. Es entsteht der Eindruck, als nehme der Herrscher diese Opfer im Namen Gottes entgegen; doch es gibt dort keinen Gott. Wer das Opfer tatsächlich entgegennimmt, ist der Herrscher selbst. In der römischen Tradition wurden Kaiser erst nach ihrem Tod vergöttlicht. Dass Caligula dies bereits zu Lebzeiten für sich beanspruchte, galt als großer Skandal.
Auch heute wird es meist nicht als komisch empfunden, wenn Machthaber vor ihren eigenen Postern posieren. Dabei ist es komisch. Ein Anführer, der vor seiner eigenen Statue posiert … Politiker, die sich ihrer Macht allzu sicher sind, sprechen das mitunter auch offen aus: „Selbst wenn ich meinen Hut hinstelle, wird er gewählt." „Wir lassen wählen, wen wir wollen." Das verweist eigentlich auf eine politische Anomalie. Doch diese Sätze werden so oft wiederholt, dass sie mit der Zeit normal erscheinen. Fast wie ein politisches Erbe, das von Caligula geblieben ist.
Die Erosion der Wirklichkeit
Auch manche heutigen Caligulas produzieren ähnliche Absurditäten, und diese Absurditäten können als absolute Wahrheit akzeptiert werden. Ein Machthaber kann etwa auftreten und sagen: „Wenn wir behaupten würden, wir hätten eine Straße zum Mond gebaut, eine Autobahn dorthin, würden die Leute das glauben." Auf den ersten Blick wirkt das wie eine absurde Behauptung. Doch wenn die Menschen wirklich daran glauben, geht es nicht mehr um die Richtigkeit einer Information. Es geht darum, dass das Wort selbst zu einer Macht wird, die die Wirklichkeit bestimmt. An diesem Punkt beginnt die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion zu verschwimmen. Die Menschen diskutieren nicht mehr, ob das Gesagte möglich ist; sie schauen darauf, wer es gesagt hat. Das Wort der Macht tritt an die Stelle der Wirklichkeit. Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, bedeutet das, dass ihr Wirklichkeitssinn ernsthaft erodiert ist. Dort, wo die Wirklichkeit erodiert, schwächen sich auch Hoffnung, Humanismus und gemeinsame Vernunft ab. Denn Humanismus und Hoffnung gründen auf einer Welt, in der Menschen die Wirklichkeit gemeinsam verhandeln können. Wenn an die Stelle der Wirklichkeit ein verzauberter Gehorsam tritt, verliert die Gesellschaft nach und nach ihr kritisches Subjekt.
Die Rückkehr zum märchenhaften Denken
Der menschliche Geist ist von Anfang an offen für Märchen und Magie. Kinder glauben an Riesen, Dschinns und Tiere, die mit Feen sprechen. In der Welt des Märchens werden die Grenzen der Natur überschritten; Tote erstehen wieder auf, Menschen verwandeln sich in Vögel und fliegen davon. In der Psychoanalyse nennt man das primäres Denken. In dieser Denkweise ist das Realitätsprinzip noch nicht ausgebildet. Die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit sind fließend. Mit der Entwicklung lernt der Mensch das Realitätsprinzip kennen. Ein Erwachsener weiß, dass Märchen Märchen sind; er kann sie mögen, akzeptiert aber zugleich, dass sich das wirkliche Leben von ihnen unterscheidet. Das Problem ist, dass diese Grenze in manchen politischen Situationen erneut erodiert werden kann. Wenn eine Macht auftritt und offen eine unwahre
Behauptung aufstellt und die Menschen sie ohne zu hinterfragen akzeptieren, geht es nicht nur um Falschinformation. Dieser Zustand verweist auf eine Regression, also einen Rückschritt in der Denkweise der Gesellschaft. Genau an diesem Punkt setzt faschistoide Politik an: Sie ruft die Menschen zurück in ein kindliches Denken, anstatt sie mit der komplexen Wirklichkeit konfrontieren zu lassen.
Die Lustökonomie des politischen Wahnsinns
Freuds Überlegungen zur Massenpsychologie sind an dieser Stelle aufschlussreich. Freud zufolge gehen Massen häufig eine starke emotionale Identifikation mit dem Anführer ein. Der Anführer ist nicht nur eine politische Figur; er ist zugleich eine Figur des Begehrens und der Autorität. Deshalb können aggressive oder maßlose Verhaltensweisen des Anführers von manchen Anhängern als Zeichen von Stärke und Freiheit wahrgenommen werden.
Politische Exzesse erzeugen nicht nur Angst; sie erzeugen zugleich eine Art voyeuristische Lust. Die Menschen schauen sowohl entsetzt zu, als auch können sie sich von dieser dramatischen Szene nicht lösen. Der politische Raum verwandelt sich zunehmend in eine Schockökonomie. Jede neue Provokation muss größer sein als die vorherige. Denn die Aufmerksamkeit muss ständig neu erzeugt werden. Verblüffung, Wut und das Gefühl der Krise werden zum Treibstoff dieses Schauspiels. An diesem Punkt ist der Wahnsinn keine individuelle Tragödie mehr. Der Wahnsinn hat sich in eine politische Strategie verwandelt. Und wenn der Wahnsinn beginnt, Lust zu erzeugen, und sich diese Lust mit der Macht verbindet, vermehrt sich der Wahnsinn zunehmend. Denn jeder Exzess muss den vorherigen übertreffen. So hört der Wahnsinn auf, die Tragödie eines Einzelnen zu sein. Er verwandelt sich in eine kollektive Katastrophe, die auf der Bühne der Macht wächst. Zu glauben, dass Trump ein kluger Mensch sei, fällt sehr schwer. Die grundlegendste Eigenschaft Gottes besteht nicht nur darin, mächtig zu sein; sie besteht darin, Wirklichkeit erschaffen zu können. Zwischen dem Willen Gottes und der Wirklichkeit besteht keine Distanz: Weil Gott es will, geschieht etwas. In der modernen Welt erklären sich Herrscher nicht offen zu Göttern. Doch wenn das, was sie sagen, selbst eine offenkundige Lüge ist, die aufhört, Lüge zu sein, und stattdessen als Wirklichkeit akzeptiert wird, dann ist das Wort hier kein Mittel mehr, das die Wahrheit ausdrückt; es beginnt, an die Stelle der Wahrheit zu treten. Es ist also eine Epoche, in der die Anführer Wirklichkeit erschaffen … An diesem Punkt hört die Macht auf, nur eine entscheidende Kraft zu sein, und verwandelt sich in eine Autorität, die Wirklichkeit begründet. In einer solchen Lage verliert auch die Kategorie der Wahrheit ihren Sinn; was den Unterschied zwischen richtig und falsch bestimmt, sind nicht mehr die Fakten, sondern das Wort der Macht. In der mythologischen Welt lebten die Götter auf dem Olymp. Auch wenn sie menschenähnliche Leidenschaften hatten, befanden sie sich doch getrennt von den Menschen an einem erhabenen Ort. Diese räumliche Distanz machte die göttliche Macht sichtbar. Dass manche heutigen Herrscher in Palästen leben, trägt eine ähnliche symbolische Bedeutung. Der Palast ist nicht nur eine Residenz; er ist der architektonische Ausdruck der Distanz zwischen Herrschendem und Beherrschtem. Die Macht regiert damit nicht nur; sie positioniert sich selbst an einem getrennten, erhabenen und unantastbaren Ort. Und wenn in einer Gesellschaft das Wort des Herrschers beginnt, an die Stelle der Wirklichkeit zu treten, dann geht es dort nicht nur um schlechte Regierungsführung. Was dort auf die Bühne tritt, ist die Verwandlung der Politik in eine Fantasie göttlicher Macht.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
