Der Mensch verfällt am meisten, wenn er sich selbst verteidigt

RastinewsManchmal ermüdet der Mensch am meisten, wenn er sich selbst täuscht. Wenn er versucht, jene falschen Gedanken, die wie ein Krampf in seinen Leib fahren, anderen zu verkaufen … Mit jedem Satz leert er sich ein Stück mehr; je lauter seine Stimme wird, je mehr er zu überzeugen versucht, desto tiefer wird das Echo in seinem Inneren. Denn das Herz des Menschen wird schwer, wenn es einen Gedanken trägt, an den es nicht glaubt.
Das ist ein Verfall. Ein stiller, langsamer Verfall. Zu den Autoren, die diesen Verfall am treffendsten beschrieben haben, gehört Emil Cioran, der Verfasser der „Lehre vom Zerfall“:
„Wer spricht, hat kein Geheimnis. Und wir alle sprechen, verraten uns selbst, legen unser Herz offen; jeder von uns ist der Henker des Verschwiegenen; jeder von uns müht sich ab, Geheimnisse zu vernichten – allen voran die eigenen.“
Genauso verhält es sich mit dem Gewicht ideologischer Gedanken. Der Mensch wird nicht dadurch begraben, dass er sie trägt, sondern dadurch, dass er sie verteidigt.
Wie ein Körper unter einer Lawine …
Im ersten Moment herrscht nur Stille. Dann senkt sich das Gewicht. Die Kälte dringt bis in die Knochen, die Brust wird eng, der Atem stockt. Mit der Zeit spürt jede Zelle die volle Last dieses Gewichts.
Und irgendwann wird der Schmerz unerträglich.
Je mehr man sich wehrt, desto tiefer sinkt man ein … So ist auch die Sklaverei gegenüber einem Gedanken oder einer Idee – wie ein Körper unter einer Lawine … Dort gibt es weder Applaus noch eine Menge; nur jenen schweren Schmerz, der aus dem Inneren des Herzens aufsteigt …
Stellst du dich vor den Spiegel, betrachtest du dich wie das Phantombild eines Fremden – ein Gesicht, dem der Sinn abhandengekommen ist, gefangen im endlosen Ticken des Rechenwerks in seinem Inneren … Mit deiner eigenen dünnen Stimme, die du dem gewaltigen Lärm da draußen hinzufügst, gehst du inmitten der Menge in Wahrheit still verloren.
Die Widersprüche wachsen; jedes Wort, das aus dem Mund des Menschen kommt, nimmt ihm, ohne dass er es merkt, ein Stück von sich selbst. Doch hat man die Wahrheit einmal gesehen, verschwindet sie nicht so leicht wieder aus dem Kopf.
Erst kurz zuvor hast du an jenem Tisch deinen Kaffee getrunken, den Raki neben die vertraute Meze gestellt. Dieselben Stühle, dasselbe Lachen, dieselben Sätze … Erst viel zu spät begreifst du, dass an jenem Tisch nicht nur Getränke oder Kaffee geteilt werden. Auch Gedanken werden geteilt. Und meistens, ohne dass man es bemerkt, geliehen.
Den Satz, den der eine unvollendet lässt, vervollständigt der andere; der Zorn des einen steckt den anderen an; die Überzeugung des einen wird nach und nach zur Überzeugung aller. So macht Freundschaft nicht nur Erinnerungen, sondern auch Gedanken gemeinsam. Manchmal bemerkt der Mensch nicht einmal, dass er, wenn er von jenem Tisch aufsteht,
nicht seine eigene Meinung, sondern die Meinung des Tisches mit sich trägt.
So entsteht die Routine.
Derselbe Kaffee, derselbe Raki, dieselben Worte …
Und mit der Zeit beginnt der Mensch, dem Denken seines Umfelds zu ähneln;
denn wir leihen uns die Sprache und das Denken jener Menschen, mit denen wir die meiste Zeit verbringen.
Doch die Wahrheit ist hartnäckig. Sie bleibt wie ein dumpfer Schmerz. Sie wartet, tief verborgen, wie Zahnschmerzen. Denn die Wahrheit im Inneren des Menschen gleicht nicht der Stimme der Menge.
Sie ist lauter.
Und eines Tages, auf dem Heimweg von jenem vollen Tisch, entsteht im Inneren des Menschen ein kleiner Riss: „Ist das alles wirklich meine eigene Meinung, oder trage ich nur den Gedanken jenes Tisches mit mir?“
Genau in diesem Moment bekommt der alte, rostige Glaube zum ersten Mal Risse.
Und der Mensch beginnt, den Unterschied zwischen seiner eigenen Stimme und der Stimme der Menge zu hören.
Solange dem Menschen nichts wehtut, bringt er nicht den Mut auf, aus diesem tiefen Schlaf aufzuschrecken und zu fragen: „Was tue ich hier eigentlich?“ In jedem Menschen gibt es eine nie erlöschende Glut, die sich den endlosen Gewohnheiten und der Ergebenheit gegenüber dem „So war es schon immer, so wird es immer sein“ widersetzt. Weder die Schläge, die man einstecken musste, können sie löschen, noch können falsche Erfolge sie für sich beanspruchen. Sie wartet nur auf einen einzigen Moment – den Moment, in dem die falsche Hülle aufbricht und die eingeprägten Muster zerbrechen.
Ist diese Tür erst einen Spalt geöffnet, begreifst du: Widerstand ist keine Kraft, die dir von außen gegeben wird. Er besteht darin, dass du selbst bereit bist, diesen großen Kampf zu wagen.
Deine eigene Stimme löst sich zum ersten Mal aus dem Lärm der Menge und richtet sich auf. Von diesem Moment an ist der Gedanke kein aus fremdem Mund geliehener Satz mehr; er wird zu deinem eigenen Fleisch, zu deinem eigenen Knochen.
In diesem Moment nimmt der Mensch die schwere Last auf sich, die seine eigene Wahrheit mit sich bringt. Diesmal bist du zugleich der Weg und der Wanderer …
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
