Kulturelle Rechte oder politischer Status: Der Volksgeist und die Assimilationsfalle
Am 27. Februar 2025 wurde ein Text bekannt, der als Ergebnis einer neuen Phase der Verständigung zwischen dem türkischen Staat und PKK-Führer Abdullah Öcalan gilt.

RastinewsAm 27. Februar 2025 wurde ein Text bekannt, der als Ausdruck einer neuen Phase der Verständigung zwischen dem türkischen Staat und dem PKK-Führer Abdullah Öcalan gilt. Der Text wurde weniger als politisches Dokument denn als soziologisches Manifest zu einer kulturalistischen Lösung gewertet. Öcalan macht darin deutlich, dass klassische Modelle wie Nationalstaat, Föderation oder eine dem Staat unterstellte Verwaltungsautonomie für die historisch gewachsene Gesellschaft der Kurden keine angemessenen Lösungen mehr seien. An deren Stelle schlägt er eine Integration innerhalb einer demokratischen Republik mit der Türkei vor. Diese Haltung löste in der kurdischen Öffentlichkeit eine neue Debatte aus.
Ein Teil der Kurden kritisierte diese Position und sah darin eine Methode, die den Weg zur Auflösung der Grundelemente kurdischer Identität – Sprache, Geschichte, Tradition – ebne. Ein anderer Teil zog es angesichts der tragischen Lage in Rojava und der politischen Situation in Ostkurdistan vor zu schweigen – frei nach der kurdischen Redensart, wonach etwas 'am Ohr des Ochsen vorbeigehe'. Doch jene tragische Lage Rojavas, die den Kurden lange wie ein Leichnam vor Augen stand, hat den Raum der Trauer inzwischen verlassen. Seit dieser Zeit weiß jeder, dass Schweigen keine Lösung mehr sein kann. Die innerkurdische Debatte muss in aller Offenheit geführt werden, und sie muss sich der Frage stellen: Sind kulturelle Rechte innerhalb einer Integration ohne garantierten politischen Status im 21. Jahrhundert ein Heilmittel oder eine Falle für eine Nation, die seit hundert Jahren unter Assimilationspolitik leidet?
Um einen klaren Weg zu dieser Frage zu finden, lohnt zunächst ein Blick auf die Wurzeln des Begriffs 'Volk-Nation'. Der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder begründete im 19. Jahrhundert mit dem Begriff des 'Volksgeistes' eine folgenreiche Wende. Für Herder ist eine Nation ein lebendiges Wesen, dessen Geist sich in Sprache, Lied, Erzählung und Folklore verbirgt. Ein Volk, das seine Sprache und Kultur verliere, so Herder, verliere sein Herz und sei damit dem Untergang geweiht. Kultur zähle neben Sprache und Territorium zu den drei tragenden Säulen, auf denen die nationale Identität eines Volkes ruhe. Herders Gedanken bildeten in den vergangenen Jahrhunderten vielerorts das Fundament für die Entstehung von Nationalstaaten; Öcalans Konzept hingegen will diesen Geist innerhalb einer demokratischen Republik bewahren. Herders Ideen erreichten unter den Völkern der Welt schließlich eine solche Wirkmacht, dass sie nationalen Idealen den Weg bereiteten. Betrachtet man Herders Theorie in diesem Licht, erscheint sie als historisches Ergebnis der Entstehung von Identität und Nationalstaat – doch bleibt die Frage, ob dieser Geist ohne eigenen Status innerhalb einer Integration mit der Türkei Bestand haben kann.
Noch bevor Philosophen und Folkloreforscher dies zur Theorie erhoben, hatten die Kurden Jahrhunderte lang gerade diesem Volksgeist ihr Fortbestehen zu verdanken. Ohne über Jahrhunderte einen eigenen Staat besessen zu haben, bewahrten sie ihre ontologische Existenz durch Sprache und Kultur und leisteten dem Verschwinden Widerstand. Wie Heidegger sagte, Sprache sei das Haus des Seins – und die Kurden haben in diesem Haus als sie selbst gelebt. Mündliche Literatur, der Dengbêj-Gesang und Erzählungen, deren Wurzeln bis zu den Medern und der mesopotamischen Mythologie reichen, wurden zu den stärksten Bollwerken gegen Assimilation. Dabei darf man nicht übersehen, dass genau diese natürlichen, ontologischen Elemente im 19. Jahrhundert über Herders Theorie zum Motor sämtlicher Nationalstaaten wurden. Die Brüder Grimm sammelten in Deutschland Tausende von Volksmärchen und -liedern, um die deutsche Einheit zu begründen. William B. Yeats weckte in Irland die keltische Folklore, um das Fundament für die Unabhängigkeit zu legen. Vuk Karadžić trug serbische Volkserzählungen und -lieder zusammen und schuf so die moderne serbische Schriftsprache. Mit den modernen Theorien wurde Kultur also einerseits zu einem wesentlichen Element beim Aufbau eines politischen Status, andererseits galt umgekehrt politischer Status als Voraussetzung für den Fortbestand der Kultur.
Der Folkloreforscher Richard Dorson wirft weiteres Licht auf diesen Weg und lenkt, bezogen auf die eingangs gestellte Frage, den Blick auf die Grenze zwischen echter Folklore und sogenannter 'Fakelore'. Gewährt ein Staat zwar kulturelle Rechte, erkennt aber die politische Identität einer Gesellschaft nicht an, so löst sich jene Kultur von ihrer widerständigen Wurzel. Kultur, die unter staatliche Kontrolle gerät, wird zum Schmuckstück, zur Dekoration, zur 'Fakelore'. Bleiben kurdische Kunst und Sprache auf gesellschaftliche Feste und Zeremonien oder auf staatliches Radio und Fernsehen beschränkt, dienen sie der nationalen Entwicklung nicht mehr. Im Gegenteil: Sie werden zu einem wirkungslosen Instrument einer sanften, schleichenden Assimilation, die sich unter dem Deckmantel der Integration vollzieht.
Betrachtet man mit Dorsons Theorie die politische Lage, die allein an die Strategie des Textes vom 27. Februar geknüpft ist, so zeigt sich im Spannungsfeld von Folklore und Fakelore ein Weg, der in Richtung Fakelore weist. Enthält der Vorschlag einer Integration ohne autonomen Status keine rechtliche Garantie, öffnet der Staat wissentlich die Tür zu einer dekorativen Kultur. Wer Kultur und Literatur aus den Wurzeln des Alltagslebens herauslöst und sie zum Gegenstand von Museen macht, beendet diese Kultur faktisch. An die Stelle von Verbot und Zwang tritt so ein Weg sanfter Assimilation, der den gesellschaftlichen und nationalen Geist Stück für Stück aushöhlt.
Im 21. Jahrhundert scheinen Staaten Sprache nicht mehr mit Gewalt verbieten zu wollen; ähnlich wie sie sie seit Jahren im eigenen Fernsehen zu einem Schmuckstück, einem gesellschaftlichen Motiv gemacht haben, wollen sie sie nun folgenlos machen. Eine Sprache, die nicht zur Sprache von Bildung, Recht und Wirtschaft wird, ist im Namen kultureller Rechte zum bloßen folkloristischen Hobby verurteilt. Es ist bekannt, dass eine Kultur, die zum Hobby wird, nach wenigen Generationen dem Verschwinden geweiht ist. Wie daraus eine Assimilationsfalle werden kann, zeigt ein Blick in die Geschichte: Das Beispiel der 40.000 kurdischen Lastträger, die 1908 in Istanbul arbeiteten, ist eine historische Lehre. Obwohl sie Kurdisch sprachen, verschwanden sie, weil sie innerhalb des Staatssystems über keine rechtliche Identität und keine Organisation verfügten, in der Welle der assimilatorischen Modernisierung – ebenso wie die Lasen, Tscherkessen, Assyrer und andere Völker.
Die Geschichte kennt viele solcher Beispiele. Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Völker innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie durch Kulturalismus getäuscht. Sie durften ihre eigene Sprache sprechen, doch Macht und Status lagen in den Händen der deutschen Eliten. Am Ende gingen diese Völker in der herrschenden Kultur auf – bis sie erkannten, dass sich Kultur ohne politischen Status nicht bewahren lässt. Erst nachdem sie Unabhängigkeit und politischen Status einforderten, konnten sie ihre nationale Existenz sichern.
Die Lage Rojavas nach 14 Jahren ist das anschaulichste Beispiel dafür. Rojava wurde zum Symbol eines mit Blut und Widerstand erkämpften Willens. Da dieser Wille heute großen Gefahren ausgesetzt ist, sind die Kurden gezwungen, Verständigung und Strategie von neuem zu überdenken.
Die kurdische Politik ist in den vergangenen Jahren zwischen tagespolitischer Diplomatie und der Bewahrung der nationalen Existenz stecken geblieben. In ihr werden kulturelle Rechte häufig als technische Angelegenheit oder als bloße demokratische Selbstverständlichkeit behandelt. Doch die historische Erfahrung steht unverändert vor Augen: Ohne eine auf Status gegründete Absicherung setzt sich Assimilation systematisch fort.
Wird die Realität des 21. Jahrhunderts nicht richtig gelesen und beschränkt sich kurdische Politik auf romantische Erklärungen über die Brüderlichkeit der Völker, drohen die Kurden in der Falle sanfter Assimilation zu ersticken. Unter der Bevölkerung sind heute erhebliche Zweifel an der in Nordkurdistan verfolgten Politik entstanden. Damit diese Krise überwunden werden kann, muss sich die kurdische Politik von engen ideologischen Interessen lösen und die Realität des 'Volksgeistes' zur Grundlage einer strategischen Verständigung über einen dauerhaften rechtlichen Status machen.
Historische Gesellschaftssoziologie zeigt, dass Kultur kein Schmuck ist, sondern das Fundament der Existenz. Die Kurden sind keine Minderheit, die lediglich das Recht auf Lieder und Tänze einfordert. Kulturelle Rechte, die keine rechtliche Garantie besitzen und den Willen des Volkes innerhalb dieser „demokratischen Integration" nicht anerkennen, verlängern lediglich die Grundlage der Assimilation. Damit die kurdische Kultur nicht zur Antiquität der Staatsgeschichte wird, muss Kultur mit einer garantierten Politik verbunden werden. Ein wahrhaftiger Erfolg der Kultur im 21. Jahrhundert darf sich nicht auf das bloße Recht zu sprechen beschränken, sondern muss an das Recht gekoppelt sein, innerhalb eines demokratischen Systems über das eigene Schicksal zu entscheiden. Eine Kultur ohne Garantie, ohne Status, mag in Filmsequenzen schön erscheinen, ist jedoch unter dem Schirm der dominanten Staatskultur dem Untergang geweiht.
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