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Wie wird man die Lasten eines Menschen los?

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Wie wird man die Lasten eines Menschen los?

RastinewsDinge, die sich in der Welt der Dinge einen Platz suchen, Leben und Erinnerungen, verborgen in Gegenständen – danach folgt eine Prüfung.

Jedes einzelne Kleidungsstück blickte mich bedrohlich an. Ich kämpfte mit mir selbst, um meinen Lasten nicht ins Auge zu sehen, ihnen nicht zu begegnen.

Wie wird man seine Lasten los? Ich begann bei meinem Kleiderschrank – gewappnet mit meiner ganzen Rüstung gegen eine übermächtige Front.

Dinge, Erinnerungen, grundloses Warten … Sich im Warten gewöhnen, sich gewöhnend warten.

Mir wurde klar, dass das, was ein Mensch aufbewahrt, nicht bloß ein Gegenstand ist. Es sind die Lasten eines Menschen…

Von seinen Lasten befreit man sich nicht an einem Tag; man begegnet ihnen zunächst erneut, lernt sie neu kennen oder wagt zumindest, sie neu kennenzulernen. Denn das, was wir Last nennen, ist meist kein Gegenstand, sondern die Zeit, die sich in ihn eingeprägt hat, ein Gefühl, ein Seufzer.

Öffnet man einen Schrank, eine Schublade, begegnet einem nicht nur ein Gegenstand. Dort hängen und lagern ungetragene Tage, aufgeschobene Begegnungen, die auf den richtigen Moment warteten, halb gebliebene Möglichkeiten. Jedes Kleidungsstück, jeder Gegenstand erinnert an eine Möglichkeit. Deshalb wirkt ihr Blick bedrohlich – sie sind das stille Verhör der Vergangenheit.

Wer vor dem Schrank steht, steht in Wahrheit sich selbst gegenüber. Öffnet man die Schublade, treten Träume hervor, die man zu vergessen geschworen hatte … Fliehen ist leicht: Man schließt die Tür, löscht das Licht, lässt lieber alles an seinem Platz. Doch das mindert die Last nicht, die man in sich trägt – es verlängert nur die Zeit bis zur Auseinandersetzung. Was man im entlegensten Winkel des Verstandes verwahrt hat, in einer Schublade verbergen zu wollen, ist vergeblich.

Schubladen sind tückischer. Ordentlich gefaltete Dinge sind das Durcheinander eines Geistes, der geordnet erscheinen will. Die Zeit, die sich in ihnen festgesetzt hat, empfängt einen wie wartende Worte – wie halb gebliebene Abschiede, wie „vielleicht eines Tages". Je mehr sich ein Mensch ans Warten gewöhnt, desto mehr gewöhnt er sich auch ans Tragen von Lasten. Und irgendwann sieht er nicht mehr, was er trägt.

Dabei ist das, was ein Mensch aufbewahrt, kein Gegenstand. Der Gegenstand ist nur der Vorwand zum Erinnern. Aufbewahrt wird in Wahrheit der eigene Zustand, von dem man sich nicht lösen kann. Nicht von einem Hemd trennt er sich nicht, sondern von dem Moment, in dem er es trug.

Sich von Lasten zu befreien beginnt nicht mit dem Wegwerfen. Zuerst muss man hinsehen – ehrlich, ohne zu fliehen. Die Frage „Woran erinnert mich das?" wiegt schwerer als die Frage „Brauche ich das noch?". Denn die erste richtet sich ans Herz, die zweite an den Schrank. Dann geschieht etwas: Der Mensch bemerkt, dass er manches nicht mehr tragen kann. In diesem Moment fragt er sich, ob Loslassen überhaupt möglich ist. Geräuschlos, ohne Zeremonie, ohne es jemandem zu erzählen, will er die Verbindung dazu kappen.

Den Gegenständen eines Verstorbenen in einer Kiste zu begegnen, senkt sich wie ein schwerer Schmerz auf die Brust.

Mit dem Weggehen eines Menschen werden Gegenstände zu den treuesten und zugleich unbarmherzigsten Zeugen des Zurückbleibens. Sie sind, als trüge man das Ticket einer Reise in der Tasche, die nirgendwohin führen wird … ein stiller Schrei davon, dass die Zeit an jenem Punkt stehen geblieben ist.

Diesen Gegenstand zu berühren, ist in Wahrheit der Versuch, eine Hand zu berühren, die es nicht mehr gibt. Das hält die Seele in einem dauerhaften „Fegefeuer der Trauer" gefangen. Jeder aufbewahrte Gegenstand ist eine Erinnerungsbüchse, die den Abschied hinauszögert und den Schmerz zugleich frisch hält.

Die schwerste Last ist die Angst, das Loslassen jenes Gegenstands könnte als „Verrat" gelten. Der Mensch glaubt, gäbe er die Strickjacke, das Portemonnaie, die Brille her, verriete er damit den, der gegangen ist. Dabei liegt das eigentliche Gewicht darin, die Seele des Gegangenen zusammen mit sich selbst in einem Gegenstand gefangen zu halten.

Man weiß, dass dieser Gegenstand als Seil bestehen bleibt, das einen an die Trümmer der Vergangenheit bindet…

Man versucht, dem Blick auszuweichen, und packt die ganze Wucht eines Lebens mit einer einzigen Bewegung in eine Tüte.

Und in diesem Moment, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, in panischer Eile, ohne in die Tüten zu blicken, versucht man, sie mit einem einzigen Griff zuzubinden…

Nicht wie eine große Leere; man spürt, wie ein einziger Atemzug den eigenen Brustkorb aufstöhnen lässt...
Bliebe man stehen, sähe man hin, ergriffe einen die Angst, kein weiteres Mal fliehen zu können, mit dem ganzen Sein.

Wer sich seiner Lasten entledigt, nähert sich in Wahrheit sich selbst. Denn die schwerste Last bist du selbst – das, was zurückgelassen wird, das, was zurückbleibt. Am Ende bleibt nur die Summe deiner selbst. In dieser Summe erscheint dir eine neue Gleichung: eine verringerte, abgeschliffene, aber wahrhaftigere Summe. Und innerhalb dieser Summe entsteht eine neue Gleichung. Die Unbekannte bist du – und du bist es auch, was es zu lösen gilt.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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