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Fülle mir jetzt die Hände mit den dunklen Perlen deiner Augen

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Fülle mir jetzt die Hände mit den dunklen Perlen deiner Augen

RastinewsAuch deine Stelle bei der Gemeinde hast du verloren. Nein, nein, so ist es nicht … Nicht dieses schöne Wetter hat dich zugrunde gerichtet; ich weiß es, was dich wirklich zugrunde gerichtet hat, waren die Katzen des Leberverkäufers.

Die Katzen des Leberverkäufers fielen so über dich her, dass du deine Kündigung einreichen musstest. Du warst zu erschöpft, um gegen die Wölfe zu kämpfen; dieses Kastensystem, dieses oligarchische Gefüge … Hey! Du warst dort doch nur eine Zelle, eine winzige Zelle im großen Körper.

An einem Tisch hast du dich einem Kugelschreiber mit blauer Tinte gebeugt und dein Arbeitslosigkeitsdekret wissentlich unterschrieben.

Die Vereinbarung lautete: Die 12.000, die der Betrieb für den Busführerschein gezahlt hatte, mussten nicht zurückerstattet werden. Dein November- und Dezembergehalt, das Weihnachtsgeld und das Urlaubsgeld würden ebenfalls ausgezahlt. Das bedeutete drei Monate Luft zum Atmen. Und der gelbe Gewerkschafter sagte:
„Du hast doch ohnehin den Führerschein, bis dahin findest du sicher eine Stelle.“

Deine Bankkarte hatte diese Summe noch nie gesehen. Fast wäre dir das Herz stehengeblieben, doch dieses Hochgefühl war umsonst; Miete, Versicherung, Küche, Nebenkosten … Ach, deine Lage ist schwierig, sehr schwierig sogar.

Das Einzige, was dir Erleichterung verschaffte, war, dass du dem Gewerkschafter, der gekommen war, um dich zu verteidigen – und dich in Wahrheit gar nicht verteidigte –
„Für wie viel Geld habt ihr euch verkauft?“ entgegenschleudertest.
Da hast du's – gönn dir wenigstens ein Glas kaltes Wasser.

Diese Leere in dir auf dem Heimweg … Wie schlimm, wie schrecklich sie war. Und dann lief im Radio auch noch dieses Dingsda:
„Du bist Arbeiterin, bleib Arbeiterin.“
Danach: „Ach, ich bin verbrannt …“

Wie willst du es den Kindern erklären?
Miete 1200. Ach je … Deine Lage ist wirklich schwierig.

Wie du nach Hause kamst, wie du dich wie eine Tote aufs Bett warfst – das weiß nur ich allein. Hast du wirklich geschlafen? Sag mir, wie oft hast du ein solches inneres Zittern, ein solches Trauma schon erlebt? In anderen Lagen sicher schon oft … Doch diese Arbeitslosigkeit zum ersten Mal.

Den Kindern hattest du es versprochen; zum ersten Mal solltet ihr als Familie in den Urlaub fahren.
„Meine Nachtigall im goldenen Käfig …“

Die Möbel sind alt … Uff, deine Lage ist schwierig.

Am besten schläfst du ein wenig. Falls du überhaupt schlafen kannst.

In der ersten Woche Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit. Du nimmst unaufhörlich ab. Du erbrichst, was du isst. Du willst mit niemandem sprechen. Hast du überhaupt die Kraft, vor die Tür zu gehen?

Und soll ich dir etwas sagen?
Niemand wird dich hören. Niemand wird dich sehen. Du bist allein. Du bist ein winziges Boot mitten im großen Ozean. Die Wellen sind furchtbar. Sie zermalmen dich, verschlingen dich und versenken dich.

Zeit …
Nur ein wenig Zeit …
Ist es nicht manchmal einzig die Zeit, die einen Menschen rettet?

Den größten Teil deines Lebens hast du in der Fremde verbracht. Als du kamst, warst du ein unerfahrener Neuling. Du warst bis über beide Ohren verliebt. Du wolltest so stark sein, dass du allen Armen eine helfende Hand sein könntest. Du hattest Versprechen, du hattest Träume, du hattest große Worte.

Doch was wurde aus dieser großen Liebe?

Während du so allein, stumm und hilflos warst … verging deine ganze Zeit damit, von einer Putzstelle zur nächsten zu hetzen. Damit, deine Kinder im Kinderwagen einschlafen zu lassen und mit ihnen erst spät in der Nacht nach Hause zu kommen.

Zuhause?
Oder, wie man auch sagen könnte, die Hölle.

Als würde selbst ein Stein daran zerspringen.
Der Boden aus Eisen, der Himmel aus Kupfer.

Du warst schwanger. In der Hölle, in die du gefallen warst, still, mutterseelenallein und ohne einen Pfennig. In der einen Hand eine Zeitungsanzeige, an deinem Rock zwei Kinder, die sich festhielten. Ihr folgt der Spur der Anzeige.

Und dort, hinter jener Tür …

Ein alter Mann: Schumacher. Bettlägerig. Er raucht wie ein Schlot. Seine Wohnung ist verwahrlost. Du sollst sie putzen. Tageszeitung und Essen inklusive. Ob du dich übergeben musst oder daran zugrunde gehst, du wirst putzen.

Und du hast geputzt.

Und das ganz allein mit deinem Gewissen.

Schumacher …
Jener Schumacher, der sich mit der Zeit auf das Fensterbrett stützte und auf dich wartete.
Jener Schumacher, dem vom Warten auf dich die Ellbogen wund wurden.

„Ach“, sagte er, „wäre ich nicht so alt und krank … Wärst du nicht so jung, traurig und unglücklich … Wären wir in derselben Zeit gewesen … Ach, wie schade. Ich bin zu spät zur Liebe gekommen. Du bist viel zu früh getötet worden.“

Weinst du?

Fülle mir jetzt die Hände mit den dunklen Perlen deiner Augen.

Ist es nicht, als wäre es erst gestern gewesen? Auch an jenem Tag hast du alles besorgt, was Schumacher brauchte. Du hast ihn gefüttert. Weinend hast du Creme auf seine wunden Ellbogen aufgetragen.

Und an jenem Abend hast du deine Tochter zur Welt gebracht.

Ihr Name: Rosa.

Das war Schumachers letzter Wunsch gewesen.

So sollte auch deine Geschichte weitergehen; voller Gräber in ihrem Innern.

Liebe?

Da kann ich nur lachen.

„Der Boden aus Eisen, der Himmel aus Kupfer.“

Mit einem riesigen Messer im Rücken solltest du noch oft von Abgründen stürzen und zerschellen. Zum Glück solltest du auch lernen, deinen Körper wieder zusammenzuflicken.

Von den Katzen des Leberverkäufers gab es eine ganze Welt voll. Du solltest oft verletzt werden, viele Wunden davontragen. Doch du solltest auch die Menschen kennenlernen.

Der arme Schumacher …
Schumacher, der den ganzen Tag auf seinem Stuhl vor dem Fenster saß und sich für dich die Ellbogen wund lag …

Schumacher, der in einem Glas auf dem Friedhof für die Namenlosen begraben wurde.

Und du hast an seinem Grab eine rote Rose gepflanzt.

Ja, Liebe und Hoffnung …
Die eine zu spät, die andere viel zu früh.

„Lass ihn los, er verdient dich nicht. Lass los und sei glücklich“, sagte man dir.

Du hast die rote Rose gegossen und gesagt:
„Ich habe losgelassen.“

Die Berge entluden ihren Schnee von den Gipfeln. Viel Wasser floss in jene Täler. Die Spuren der Pfade verschwanden.

Wie viel du gearbeitet hast, wie viel … Tag und Nacht.

Das Weinen deiner Kinder tief in deinen Ohren vergraben.

Gab es auf dieser Welt jemanden, der besser putzte als du? Verborgenen Schmutz, Staub, Fett … Die Oberseiten und Rückseiten der Schränke, Fenster, Fliesen … Nach Schimmel riechende Badezimmer, Treppen, Türen …

Wer hätte unberührte Keller besser gereinigt als du?

Hattest du nicht von Liebe und Teilen gesprochen?

Niemand würde dich sehen. Niemand würde dich hören. Du würdest dich immer weiter in diesem großen Labyrinth der Lüge drehen.

Bis zu jenem Tag, an dem du so sehr starbst, dass du nie wieder sterben würdest.

Du hast viel gearbeitet. Sehr viel.

Ganz allein. Für deine Kinder. Für alles.

Nun, was hat sich geändert?
Bist du auch nur eine Gerstenlänge vorangekommen?

Miete 1200.

Nebenkosten nicht eingerechnet.

Niemand wird dich sehen. Niemand wird dich hören. Du bist allein.

Am besten ruhst du dich hier ein wenig aus. Du hast einen langen Weg hinter dir. Du bist erschöpft, verletzt und schlaflos.

Ach … vor allem schlaflos.

Schlafen …

Schlaf ein wenig, nur um zu sagen: So ein Leben gibt es also auch.

Beim Tagesanbruch aufwachen. Dein Kleines zur Schule schicken. Dann wieder einschlafen … Wie eine Rache an all der Schlaflosigkeit all dieser Jahre.

Dann mit warmem Essen darauf warten, dass dein Kleines aus der Schule kommt.

Dann die schönsten Filme ansehen.

Tarantino, Coppola, Hitchcock, Kiarostami, Klimov, Polanski, Gobadi, Kurosawa …

Und noch viele mehr.

So ein Leben gibt es also auch …

Bücher lesen. Und zwar viel lesen. Romane, Philosophie, Sachbücher …

Dann die Wohnung von oben bis unten putzen.

Dann mit deiner deutschen Freundin Helga zu Konzerten klassischer Musik gehen. Die Karten von ihr, das Auto von dir.

Oh … durchatmen.

Beim Tagesanbruch aufwachen.

Donnerwetter … so ein Leben gibt es also auch.

Wie erschöpft du doch bist. Was für ein Opfer du in diesem Leben gewesen bist …

Zeit.
Nur ein wenig Zeit.

Du bist sehr müde, ich weiß.

Du bist ein Boot mitten im Ozean. Niemand kann dich hören, niemand kann dich sehen. Und das Geld auf deinem Konto schmilzt dahin.

Miete, Ausgaben, Küche … und was nicht noch alles.

Aber du bist Arbeiterin.

Bleib Arbeiterin.

Los, zieh dein Boot mit deinen eigenen Händen ans Ufer.

Deine Zeit ist abgelaufen.

So ist dieses System nun einmal.

Aber ganz mit leeren Händen stehst du auch nicht da, meine Liebe. Steh fest mit beiden Füßen auf diesem Boden. Es gibt auf dieser Welt wunde Ellbogen, die dein Herz gewonnen haben.

Fülle mir die Hände mit den Perlen deiner Augen, damit ich deine Arbeiterhände küssen kann.

Den Knechten des Leberverkäufers zum Trotz sind auch die Ölweiden, die du gepflanzt hast, ergrünt.

Der Frühling kommt mit lautem Rufen.

Die Morgenvögel haben noch nicht gesungen.

Los, wach endlich auf.

Jetzt ist es Zeit, mit der Arbeit zu beginnen.

Das reicht jetzt.

Du bist Arbeiterin.

Bleib Arbeiterin.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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