Filiz Deniz: Warum Ahlat?
Als ich die Meldung las, dass 371 aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine evakuierte Familien von Ahıska-Türken im Kreis Ahlat in der Provinz Bitlis angesiedelt wurden, blieb ich nicht an der Zahl 371 hängen

RastinewsAls ich die Meldung las, dass 371 Familien von Ahıska-Türken, die aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine evakuiert wurden, im Kreis Ahlat in der Provinz Bitlis angesiedelt wurden, blieb ich nicht an der Zahl 371 hängen. Auch nicht an der Tatsache, dass Ahıska-Türken in die Türkei gebracht wurden.
Es war Ahlat.
Warum Ahlat?
Um diese Frage zu stellen, muss man das Exil der Ahıska-Türken keineswegs ausblenden. Im Gegenteil: Wer weiß, was Vertreibung bedeutet, sollte hier besonders genau hinschauen. Ein Teil der Ahıska-Türken, die 1944 von Stalin aus ihrer Heimat vertrieben und über verschiedene Regionen der Sowjetunion verstreut wurden, geriet Jahre später in der Ukraine erneut mitten in einen Krieg. Dass die Türkei sie evakuiert und ihnen eine Unterkunft verschafft hat, ist für sich genommen nicht der Punkt, den ich hier verhandeln will.
Mich interessiert der Ort, den der Staat gewählt hat.
Denn wenn Staaten Menschen gemeinsam an einem Ort ansiedeln – und erst recht in einem Land wie der Türkei, in dem die Siedlungsfrage historisch derart schwer belastet ist –, dann wiegt die Frage „Warum ausgerechnet hier?“ schwer.
Auch das Gedächtnis der Region, in der Ahlat liegt, macht diese Frage unausweichlich.
Bitlis und seine Umgebung gehören zu den ältesten Siedlungsgebieten der Kurden. Auch Ahlat liegt nicht außerhalb dieser Landschaft. Die Rede ist von einer Region, die in den 1990er-Jahren eine der schwersten Folgen der Kämpfe erlebte: Dörfer wurden geräumt, Menschen aus ihren Häusern und von ihrem Land gerissen und in die Großstädte verstreut. Seither ist nicht so viel Zeit vergangen. Ein Teil dieser Menschen konnte bis heute nicht in sein Dorf zurückkehren; ein anderer Teil, der zurückkehrte, konnte sein früheres Leben nicht wieder aufbauen.
Wird an einem solchen Ort staatlicherseits eine neue, kollektive Ansiedlung vorgenommen, drängt sich die Vergangenheit von selbst auf.
Zudem ist die Wahl Ahlats nicht neu.
Bereits 2016 wurden aus der Ukraine geholte Ahıska-Türken in Ahlat angesiedelt. Schon damals wurde dem zuständigen Kaymakam (Landrat) von Ahlat dieselbe Frage gestellt: Warum Ahlat?
Seine Antwort verdient es, heute erneut gelesen zu werden.
Er erläuterte, Ahlat sei im Lauf der Geschichte für die nach Anatolien ziehenden türkischen Stämme stets ein Ort der Aufnahme und Sammlung gewesen, und fügte hinzu, hätte die Kapazität es zugelassen, hätte die „Staatsräson“ entschieden, hier noch mehr Familien anzusiedeln.
Der Begriff „Staatsräson“ ist bezeichnend.
Denn heute, zehn Jahre später, sind wir wieder in Ahlat.
Diesmal ist von 371 Familien die Rede. Es gibt ein umfassenderes Ansiedlungsprogramm, das insgesamt tausend Familien in Ahlat vorsieht.
Die Entscheidung von 2016 war demnach keine vorübergehende Lösung. Das lässt sich inzwischen kaum noch bestreiten.
Bemerkenswerter noch: Schon damals war in Berichten die Rede davon, dass Ahıska-Türken in der Region in „durch den Terror entvölkerten Dörfern“ Landwirtschaft und Viehzucht betreiben würden.
Bei diesem Satz bleibt man unweigerlich hängen.
„Durch den Terror entvölkerte Dörfer.“
Ein Dorf entvölkert sich nicht von selbst. Die dort lebenden Menschen verschwinden nicht eines Morgens gemeinsam. Diese Dörfer hatten Eigentümer. Sie hatten Häuser, Felder, Friedhöfe, Erinnerungen.
Wohin sind sie gegangen?
Warum sind sie gegangen?
Konnten sie zurückkehren?
Wurden jenen, die zurückkehren wollten, Häuser, Land, Kredite, Vieh und landwirtschaftliche Förderung zur Verfügung gestellt?
Wer diese Fragen nicht stellt und einfach von einem „leeren Dorf“ spricht, blendet die Menschen aus der Geschichte aus. Übrig bleibt dann nur eine Fläche, die sich neu planen lässt.
Genau hier beginnt mein eigentlicher Einwand.
Denn Ahlat wird heute nicht mehr nur als Landkreis der Provinz Bitlis wahrgenommen. In den vergangenen Jahren wurde der Ort sehr gezielt zu einem politischen und historischen Symbol aufgebaut. Zusammen mit Malazgirt wurde er ins Zentrum der Erzählung der Regierung von seldschukischer Eroberung und der „Öffnung der Tore Anatoliens für die Türken“ gerückt. Dass der Präsidialkomplex in Ahlat errichtet wurde, ist eines der sichtbarsten Zeichen dafür.
Jedes Jahr reist die Staatsspitze hierher. Es werden Reden gehalten. Die Formel von der „tausendjährigen Heimat“ wird wiederholt.
In einem Landkreis, in dem all dies geschieht, die vom Staat als „türkischstämmig“ anerkannten Ahıska-Türken über Jahre hinweg im Rahmen eines Programms kollektiv anzusiedeln, allein mit freien TOKİ-Wohnungen (staatliche Wohnungsbaubehörde) zu erklären, greift meiner Ansicht nach zu kurz.
Natürlich spielt die Frage bezugsfertiger Wohnungen eine Rolle. Tatsächlich hatten Vertreter der Ahıska-Türken bei den ersten Ansiedlungen selbst gesagt, dass fertige Sammelunterkünfte bei der Wahl von Ahlat und Erzincan ausschlaggebend gewesen seien.
Das ist durchaus möglich.
Aber praktische Erfordernisse und politische Präferenzen müssen sich in staatlichen Entscheidungen nicht gegenseitig ausschließen.
Wer die Siedlungsgeschichte der Türkei kennt, weiß das nur zu gut.
Schon seit den ersten Jahren der Republik galt die Frage, wo und wie die Bevölkerung lebt, dem Staat nie als rein soziale Angelegenheit. Ansiedlungspolitik war stets auch ein Instrument der Identitäts- und Sicherheitspolitik. Das lässt sich noch heute in der Sprache des Ansiedlungsgesetzes von 1934 nachlesen. Auch die Kurden gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die die Folgen dieser Politik am stärksten zu spüren bekamen.
Deshalb lässt sich die heutige Ansiedlung in Ahlat nicht von dieser Geschichte trennen.
Ich will hier jedoch kein vorschnelles Urteil fällen.
Es gibt kein Dokument, das besagt: „Siedelt Ahıska-Türken hier an, um die kurdische Bevölkerung Ahlats zu verändern.“ Ohne ein solches Dokument dies als feststehende Tatsache darzustellen, wäre etwas anderes.
Klar ist aber auch, dass es ernstzunehmende, unbeantwortete Fragen gibt.
Warum entscheidet sich der Staat seit rund zehn Jahren immer wieder für Ahlat, wenn es um die Ansiedlung von Ahıska-Türken geht?
Wurden bei der Festlegung des Ziels von tausend Familien die bestehende Bevölkerungsstruktur und die lokalen Gleichgewichte in Ahlat berücksichtigt?
Wie sieht die Eigentumsgeschichte der Flächen aus, die für die neuen Siedlungsgebiete genutzt werden?
Werden dabei Dorfweiden in Anspruch genommen?
Wurde die örtliche Bevölkerung gefragt?
Und, für mich am wichtigsten: Warum hat der Staat für die Rückkehr jener Menschen, die in der Vergangenheit gezwungen waren, aus dieser Region zu fliehen, nicht dieselben Mittel mobilisiert – oder falls doch, welche Ergebnisse hatte das?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist es nicht richtig, demografische Bedenken kleinzureden.
Denn Demografie ist nicht nur eine Frage von Zahlen in einer Bevölkerungstabelle. Sie hat Folgen, die von der Frage, welche Sprache in ein paar Generationen häufiger auf der Straße zu hören sein wird, über die Kommunalpolitik bis hin zu Landbesitz und kulturellem Gedächtnis reichen.
Ich bin der Ansicht, dass hier jeder gegen die Ahıska-Türken gerichtete Satz am falschen Adressaten vorbeiginge.
Sie sind nicht die Urheber dieser Politik.
Zudem sind sie selbst ein vertriebenes Volk.
Menschen, die einst in Waggons verladen und aus ihrer Heimat gerissen wurden, heute einem anderen Volk entgegenzustellen, wäre sowohl historisch als auch moralisch ein großes Unrecht. Ebenso wenig Sinn hat es, die in Ahlat angesiedelten Familien zu fragen: „Warum seid ihr hierhergekommen?“
Die Frage muss nicht ihnen, sondern dem Staat gestellt werden.
Warum Ahlat?
Vielleicht liegt die Antwort tatsächlich in den bezugsfertigen Wohnungen.
Vielleicht in wirtschaftlicher und landwirtschaftlicher Planung.
Vielleicht spielt die historische und politische Bedeutung, die der Staat Ahlat in den letzten Jahren zugeschrieben hat, bei dieser Wahl überhaupt keine Rolle.
All das ist möglich.
Aber solange die Siedlungsgeschichte der Türkei, das Gedächtnis der Zwangsvertreibungen der 1990er-Jahre, das politische Symbol, zu dem Ahlat in den letzten Jahren gemacht wurde, und die seit 2016 am selben Ort fortgeführte Ansiedlungspolitik nebeneinanderstehen, kann man von einem Journalisten nicht erwarten, all dies zu übersehen.
Manchmal liegt die eigentliche Geschichte einer Nachricht nicht in der gegebenen Antwort, sondern in der Frage, die niemand stellt.
Bei der Meldung über die 371 in Ahlat angesiedelten Familien bleibt für mich diese Frage dieselbe:
Warum Ahlat?
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
