ZUM INHALT SPRINGEN
AKTUELLES4 MIN. LESEZEIT

Remazan Bakur: Die kurdische Literatur und die Welt

In der Weltliteratur – ob alte oder zeitgenössische, ob klassische oder moderne, ob wissenschaftliche, ideologische, philosophische oder historisch-kulturelle …

TEILEN
Remazan Bakur: Die kurdische Literatur und die Welt

RastinewsIn der Weltliteratur – ob alte oder zeitgenössische Literatur, ob klassisch oder modern, ob wissenschaftliche, ideologische, philosophische oder historisch-kulturelle Literatur – steht an erster Stelle die europäische Literatur, gefolgt von der russischen. Diese starke europäische und russische Literatur setzte nach Renaissance und Reformation in Europa ein und verbreitete sich über die ganze Welt. (Unsere Vorfahren nannten die Russen stets „Uris".) Nach der europäischen und russischen Literatur folgt die des Nahen Ostens. Innerhalb der nahöstlichen Literatur ist die kurdische Literatur überaus stark – doch auf der Weltbühne bleibt sie leider stimmlos, einflusslos und schwach.

Literatur und die Lektüre von Büchern haben einen großen Einfluss auf das Bewusstsein und die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Wer viele Bücher liest, entwickelt sich in Verständnis, Ausdruck und Urteilsvermögen weiter. Solche Menschen erlangen eine tiefe, breit gefächerte Denk-, Sicht- und Deutungsfähigkeit. Sie eignen sich Wissen über die Kulturen verschiedener Völker der Welt an. Durch Lektüre lernen sie Geografie, die Weltkarte und die Kontinente kennen. Durch Lesen setzt sich im Bewusstsein des Menschen ein reicher Wortschatz fest. Deshalb sollte jeder Mensch der Literatur Wert beimessen und sowohl die Literatur des eigenen Landes als auch die der Welt lesen.

Wir Kurden kennen die europäische und die russische Kultur gut. Diese Kenntnis verdanken wir zweifellos vor allem ihrer Literatur. Die Literatur und Kultur der Weltregionen zu kennen, ist zweifellos notwendig und geboten. Doch in dieser Frage schleicht sich eine tiefe, stille Gefahr in unser Volk und in das Bewusstsein unseres Volkes ein: eine Art Selbstassimilation. Denn wir lesen die Werke der Weltliteratur nicht in unserer eigenen Sprache, sondern in der Sprache der Besatzer unseres Landes. Durch diese verborgene Assimilation setzt sich die Sprache der Besatzer unseres Landes in unserem Bewusstsein stärker fest als unsere eigene Sprache. In unserem Denken rückt die Sprache der Besatzer voran, unsere eigene Sprache gerät in Vergessenheit, und wir haben Schwierigkeiten, in unserer eigenen Sprache zu lesen. Gelänge es uns, Übersetzungen aus fremden Sprachen in unsere eigene Sprache anzufertigen, würde dies dieser Selbstassimilation zweifellos einen Riegel vorschieben.

Hier zeigt sich die Bedeutung der Buchübersetzung. Auf diesem Gebiet sind wir leider praktisch nicht vertreten: Weder werden kurdische Werke in fremde Sprachen übersetzt, noch werden fremde Werke ins Kurdische übertragen. In allen vier Teilen Kurdistans ist die Lage dieselbe. Die wenigen Übersetzungen, die entstehen, lassen sich an einer Hand abzählen, und selbst sie erfolgen leider in unterschiedlichen regionalen Mundarten und Dialekten. Deshalb ist der offizielle Status der kurdischen Sprache ebenso bedeutsam wie die Freiheit der Kurden und Kurdistans. Solange Kurdisch nicht Amtssprache ist, lässt sich diese Aufgabe nicht erfolgreich bewältigen.

Heute kennt die Welt uns durch die Revolution der Freiheit und den Kampf gegen religiösen Fanatismus und Rückständigkeit. Doch das genügt nicht. So wie wir die Kulturen der Völker der Welt über ihre Literatur kennenlernen, muss auch die Welt uns und unsere Kultur über unsere Literatur kennenlernen. Leider müssen wir feststellen: Auf der Weltbühne und im internationalen Raum existiert kurdische Literatur praktisch nicht. Es ist schmerzlich und beklagenswert, dass unsere Abwesenheit in der Literatur auf der Weltbühne und im internationalen Raum uns von der Welt und der internationalen Öffentlichkeit abschneidet und uns als nicht existent erscheinen lässt.

Literarisch gesehen sind wir kurdischen Schriftsteller ohne Rückhalt. Das Schreiben und Erschaffen eines jeden Werkes bedeutet enorme Mühe. Die Last der Literatur ruht auf den Schultern hingebungsvoller, selbstloser Schriftsteller. Für sie ist diese Last wirtschaftlich und arbeitsmäßig überaus schwer. Der Name dieser Verwaisung lautet: fehlender offizieller Status der kurdischen Sprache und Staatenlosigkeit.

Im Inneren sind wir literarisch nicht schwach. Die kurdische Literatur – ob alt oder zeitgenössisch, ob klassisch oder modern – ist überaus stark. Das Problem ist das Fehlen von Übersetzungen. Ich bin überzeugt: Sobald übersetzt wird, wird die kurdische Literatur auf der Weltbühne und im internationalen Raum einen guten, einflussreichen Platz einnehmen. Denn sowohl durch unsere Geografie als auch durch die Eigenständigkeit unserer Kultur verfügen wir über eine uralte, reiche Kultur, die sich von den Kulturen aller Völker der Welt unterscheidet. Bis heute habe ich nicht gehört, dass ein Werk der kurdischen Literatur in europäische Sprachen oder die Sprachen anderer Völker der Welt übersetzt worden wäre, und ich habe gehört, dass Bücher der Weltliteratur, die aus fremden Sprachen ins Kurdische übertragen wurden, an einer Hand abzuzählen sind.

Heute nehmen Werke der Weltliteratur in unseren Bibliotheken einen großen Platz ein – doch leider in der Sprache der Besatzer unseres Landes. Ich stelle mir stets dieselbe Frage: Wie soll die kurdische Literatur auf die Weltbühne gelangen? Meine Antwort lautet: durch den offiziellen Status der kurdischen Sprache. Ich hoffe, dass jeder Kurde von den politischen Organisationen im Inland wie auch von den Organisationen im Ausland die offizielle Anerkennung der kurdischen Sprache einfordert. Ich wiederhole: Der offizielle Status der kurdischen Sprache ist ebenso bedeutsam wie die Freiheit der Kurden und Kurdistans, und ich bin überzeugt, dass die offizielle Anerkennung der kurdischen Sprache künftig zur Grundlage der Freiheit der Kurden und Kurdistans werden wird.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

TEILEN

Kommentare

Kommentar schreiben

WEITERLESEN

    Remazan Bakur: Die kurdische Literatur und die Welt — Rastinews