Remazan Bakur: Besatzung und Sprache

RastinewsIn der Weltgeschichte haben Besatzer stets die Sprache unterworfener und beherrschter Völker zu ihrem Ziel gemacht. Sie haben Sprachen verboten und ihre eigene Sprache den Beherrschten aufgezwungen. In der heutigen Zeit gibt es weltweit in vielen Ländern offiziell konstruierte Sprachen, aufgezwungene Sprachen und natürliche Sprachen. Bei vielen Nationen ist die Amtssprache heute nicht ihre eigene natürliche Sprache. In multinationalen Staaten gibt es zudem mehrere, voneinander verschiedene Sprachen, und weltweit gibt es viele Nationalstaaten mit ihrer eigenen natürlichen Sprache. Schmerzlich und bedrückend ist, dass in manchen Ländern die Amtssprache die Sprache der Besatzer und Ausbeuter ist. Doch leider und bedauerlicherweise setzt sich das Leben trotz all dieses Unrechts und dieser Ungerechtigkeit fort.
In vorchristlicher Zeit verbot im Nahen Osten erstmals das assyrische Reich die Sprache der von ihm unterworfenen Völker. Es siedelte die unterworfenen Völker zwangsweise um und machte deren Kult- und Glaubensstätten zu Orten des eigenen Kults und Glaubens. Ein Beispiel: die Kirche mit Namen Dêrûlzahferan in der Stadt Mêrdîn und die Kirche mit Namen Dêrûlûmur im Bezirk Hezex der Stadt Şirnex (auf Syrisch: Kloster Morgabrîyel). Beide Kirchen waren vor Christus Stätten des Sonnenkults, also Zentren des zoroastrischen Glaubens. In den Untergeschossen dieser Kirchen finden sich Grabkammern für die morgendliche Begrüßung der Sonne. Die Assyrer machten diese Orte in ihrer Herrschaftszeit zu Zentren und Stätten ihres eigenen Glaubens. Bis heute werden sie als Kirche beziehungsweise Kloster genutzt und sind bekannte touristische Stätten geworden.
Von jener Zeit bis in die Gegenwart haben Besatzer die Sprache der von ihnen besetzten Länder verboten und ihre eigene Sprache aufgezwungen. So verbieten auch heute die Besatzer unseres besetzten Landes uns unsere Sprache. Doch trotz all dieses Unrechts und dieser Ungerechtigkeit sind alte Sprachen nie untergegangen und werden es auch nicht. Sie haben sich stets behauptet und behaupten sich weiterhin. So setzen auch wir uns heute für unsere Sprache ein. Auch wenn auf unserer Sprache Druck und Zwang lasten und in Nordkurdistan eine Gefahr für unsere Sprache besteht, wird unsere Sprache nicht sterben und bestehen bleiben. Denn unsere Sprache wird in vier Staaten und in vielen Teilen der Welt gesprochen. In ihr werden literarische und wissenschaftliche Arbeiten verfasst.
Nun möchte ich einige Beispiele aus jenen Ländern anführen, in denen nicht die eigene Sprache, sondern die Sprache der Besatzer und Ausbeuter Amtssprache ist. In den meisten Staaten Afrikas sind Englisch, Französisch und Portugiesisch Amtssprachen. Staaten wie Großbritannien, Frankreich und Portugal haben in der Ära des Kolonialismus ihre Sprache den Ländern Afrikas aufgezwungen. Zum Beispiel: In Nigeria und Ghana ist Englisch Amtssprache, im Senegal ist es Französisch, in Mosambik Portugiesisch. Doch in diesen Ländern sprechen die Menschen ihre ursprüngliche eigene Sprache. Auch in Indien wird bis heute offiziell Englisch verwendet.
In der Welt gibt es modernisierte und konstruierte Sprachen. Modernisierte Sprachen sind überwiegend die Sprachen europäischer Länder. Damit ihre Sprache leichter und einfacher zu gebrauchen ist, haben die Sprachinstitute dieser Länder an ihrer Sprache gearbeitet. Für konstruierte Sprachen lassen sich zwei Beispiele aus dem Nahen Osten anführen. Im Nahen Osten wurden das Persische und das Türkische aus den Sprachen der umliegenden Länder gebildet. Das Persische setzt sich, was den Wortschatz betrifft, aus drei Sprachen zusammen. Es wurde aus dem Kurdischen, dem Arabischen und dem Turkmenischen gebildet. Auch das Türkische wurde aus dem Kurdischen, dem Arabischen und dem Turkmenischen gebildet. Besonders nach der Gründung des türkischen Staates hat die Sprachbehörde (Türk Dil ve Tarih Kurumu) an der Sprache gearbeitet, und so ist das heute gesprochene Türkisch entstanden.
Blickt man auf die Literaturgeschichte, so findet man dort keine literarischen Werke im heutigen Türkisch, und es wurden keine Werke im heutigen Türkisch verfasst und gedruckt. In der Zeit des Osmanischen Reiches wurde in der Literatur eine eigenständige Sprache verwendet, in der Werke geschaffen wurden. Osmanische Autoren wie Nefî, Nabî und Bakî benutzten allesamt diese eigenständige Sprache, die man in der heutigen Türkei Osmanisch (Osmanlıca) nennt. Die heutigen Leser in der Türkei verstehen dieses Osmanische nicht.
Es ist ein Grund zum Stolz, dass wir Kurden schon in früheren Zeiten in unserer eigenen Sprache literarisch tätig waren und dass wir auch heute, ohne eigenen Staat, in unserer Sprache literarisch tätig sind, Werke schaffen und veröffentlichen. Ebenso gibt es in unserem Volk eine gute Haltung zur Bewahrung und zum Gebrauch der Sprache. Unsere Patrioten messen dem Sprechen und dem Schutz der kurdischen Sprache große Bedeutung bei. Ich glaube und hoffe, dass die kurdische Sprache in Zukunft eine Amtssprache sein wird.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
