Adile Hanım: In Göbeklitepe wurde Geschichte gefunden – die Nachrichtenagentur lässt wieder Öcalan „entdecken“

RastinewsIn Göbeklitepe wurden neue Bauwerke und Siedlungsspuren freigelegt. Die Mezopotamya-Agentur begnügte sich jedoch nicht mit der Vermittlung der archäologischen Funde, sondern machte daraus die Botschaft: „Öcalan hatte es schon vor Jahren gesagt, die Ausgrabungen haben ihn bestätigt.“
Dabei gibt es keine neue historische These, die Öcalan entdeckt hätte.
Die neolithische Revolution, der Übergang von der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zur Sesshaftigkeit, die Organisation der Produktion, die Arbeitsteilung, die gesellschaftliche Schichtung, die Entstehung von Herrschaft und die Entwicklung des Patriarchats sind Themen, die Historiker, Archäologen und Anthropologen schon lange vor Öcalan diskutiert haben. Von Gordon Childe bis Engels, bis hin zur modernen anthropologischen und archäologischen Literatur existiert zu diesen Themen ein umfangreicher Wissensbestand.
Auch die Debatte darüber, dass Göbeklitepe nicht nur ein „Tempel“ oder ein zeitweiliges Ritualzentrum war, begann nicht erst heute. Die Ansicht, dass das Gelände auch als Wohn- und Siedlungsstätte diente, wird seit Jahren in akademischen Kreisen diskutiert.
Die Mezopotamya-Agentur verfolgt in ihrer Berichterstattung jedoch eine andere Methode:
Ein rechteckiges Gebäude wurde gefunden: Öcalans These sei bestätigt.
Es gebe große Stelen: die „Jägerkaste“ sei bestätigt.
Wohnreste wurden gefunden: die „neolithische Gegenrevolution“ sei bestätigt.
Frauenfigurinen seien selten: der „erste sexuelle Bruch“ sei bestätigt.
So funktioniert Archäologie nicht.
Der Fund eines rechteckigen Gebäudes ist kein Beweis für ein Kastensystem. Der Transport zwanzig Tonnen schwerer Steine ist kein Beweis für Zwangsarbeit. Das Auftauchen von Wohnstätten belegt nicht die Entstehung eines Staates. Und die geringe Zahl an Frauendarstellungen belegt für sich genommen keine „Gegenrevolution“ der Männer gegen eine zuvor frauenzentrierte Gesellschaft.
Das sind keine Befunde, sondern Interpretationen, die auf Befunden aufgebaut wurden.
Man kann die geschichtlichen Lesarten eines Denkers diskutieren, ihnen Bedeutung beimessen, ja sogar manche seiner Schlussfolgerungen für stichhaltig halten. Doch wer bereits seit Jahrzehnten bekannte und diskutierte Thesen als originäre Entdeckungen dieser Person darstellt und anschließend jeden neuen archäologischen Fund zum Beweis ihrer Richtigkeit erklärt, betreibt keinen Journalismus.
Das 12.000 Jahre alte Göbeklitepe zum Bestätigungslabor für die Gedanken einer aktuellen politischen Figur zu machen, bedeutet nicht, Geschichte zu erzählen, sondern Geschichte nach einer einzelnen Person neu zu ordnen.
In Göbeklitepe wurde nicht Öcalans Theorie gefunden. In Göbeklitepe wurde Geschichte gefunden.
Die Wissenschaft gräbt nicht, um eine Person zu bestätigen. Sie folgt dem, was aus dem Boden zutage tritt.
Dort, wo man die Worte eines Anführers vor die archäologischen Funde stellt und jeden zutage geförderten Stein diese Worte bestätigen lässt, zieht sich die Wissenschaft zurück – und der Personenkult beginnt.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
