Neues Archivdokument zum Massaker von Dersim aufgetaucht – Geheimhaltung 2020 aufgehoben

RastinewsDer Debatte über den Einsatz von Giftgas beim Massaker von Dersim ist ein neues Archivdokument hinzugekommen.
Das von der Dersim Gazetesi veröffentlichte und erstmals der Öffentlichkeit vorgelegte Dokument vom 20. August 1938 verweist auf die in Kiel ansässige Firma Hagenuk als Lieferantin der 1937 beschlossenen „kompletten automatischen Gasfüllanlage“.

Dem Dokument zufolge sollte die Anlage „von der Firma Hagenuk in Kiel gekauft“ werden, die Bezahlung sollte über das im deutsch-türkischen Handel übliche Clearingverfahren erfolgen.
In dem unter den Namen Mahsuni Gül und Nesimi Aday veröffentlichten Bericht der Dersim Gazetesi heißt es, die Geheimhaltung des Archivdokuments sei durch einen Beschluss vom 20. November 2020 aufgehoben worden.
Beschluss über Gas und Füllanlage bereits 1937 gefasst
Frühere Dokumente belegen, dass die Türkei 1937 offiziell den Erwerb chemischer Kampfstoffe sowie einer automatischen Anlage zu deren Verfüllung in Bomben aus Deutschland beschlossen hatte.
Der Ministerratsbeschluss vom 7. August 1937 sah im Rahmen des Luftrüstungsprogramms den Kauf von rund 20 Tonnen Chloracetophenon, Iperit (Senfgas) und ähnlichen Gasen sowie einer „kompletten automatischen Füllanlage“ zu deren Verfüllung in Bomben vor.
Der Kauf sollte demnach bei Firmen in Deutschland erfolgen, die Abwicklung über die Botschaft in Berlin und im Clearingverfahren.
Dokumente, die die Dersim Gazetesi bereits 2019 veröffentlicht hatte, waren der nach diesem Beschluss aus Deutschland bezogenen Gas- und Militärausrüstung nachgegangen. Das neu veröffentlichte Dokument von 1938 benennt nun erstmals die im Beschluss von 1937 noch nicht namentlich genannte deutsche Firma.
Was steht in dem Archivdokument?
Das im Türkischen Diplomatischen Archiv des Außenministeriums aufbewahrte Dokument mit der Archivnummer 501 32137 127587 1 wurde an das Verteidigungsministerium (Millî Müdafaa Vekâleti) gesandt.
In dem Schreiben vom 20. August 1938 wird eine über die Botschaft in Berlin von deutschen Stellen übermittelte Information wiedergegeben. Demnach solle die Gasfüllanlage von der Firma Hagenuk in Kiel erworben und die Zahlung im Clearingverfahren geleistet werden.

Zudem wird darin gefordert, „umgehend Kontakt“ mit der betreffenden deutschen Firma aufzunehmen.
Das Schreiben vom 19. April 1938 mit der Nummer 445/131, auf das sich das Dokument bezieht, konnte von Forschenden bislang nicht aufgefunden werden. Das neue Dokument liefert daher für sich genommen keinen abschließenden Aufschluss darüber, in welchem Stadium sich der Beschaffungsprozess befand.
Der vorliegende Archivbestand belegt somit weniger, dass die Anlage „bei Hagenuk gekauft wurde“, als vielmehr, dass der Kauf bei Hagenuk beschlossen und darüber mit deutschen Stellen korrespondiert wurde.
Was für ein Unternehmen war Hagenuk?
Bei der im Dokument genannten Hagenuk handelte es sich um die Kurzbezeichnung der in Kiel ansässigen Hanseatischen Apparatebau-Gesellschaft Neufeldt und Kuhnke.
Das 1899 gegründete Unternehmen stellte Seefunktechnik, Funk- und Telefongeräte, Radioempfänger sowie diverse technische Ausrüstung her. Firmenunterlagen, auf die sich die Dersim Gazetesi beruft, sowie Bestände des Bundesarchivs zufolge war das Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs zudem an Produktionstätigkeiten im Zusammenhang mit Minen, Bomben und chemischen Kampfstoffen beteiligt.
Das Dokument von 1938 verknüpft damit erstmals den bislang nur pauschal als „deutsche Firmen“ bezeichneten möglichen Lieferanten der Gasfüllanlage mit einem konkreten Unternehmen und Ort: Hagenuk in Kiel.
Dokumente zum Einsatz von Giftgas in Dersim
Berichte und Dokumente über den Einsatz von Giftgas in Dersim sind nicht neu.
Bereits Nuri Dersimi erwähnte den Gaseinsatz in seinem 1952 erschienenen Buch Kürdistan Tarihinde Dersim. Der damalige Staatsbeamte İhsan Sabri Çağlayangil schilderte 1986 in einem Interview mit Kemal Kılıçdaroğlu, Menschen, die sich in Höhlen versteckt hätten, seien mit Gas getötet worden.
2014 legte das Zentrum für Dersim-Forschung ein Telegramm vom 19. Februar 1942 offen, das Einschätzungen des damaligen Ministerpräsidenten İbrahim Refik Saydam zum Gaseinsatz gegen Zivilisten in Dersim enthielt.
Zur Herkunft des in früheren Dokumenten erwähnten Gases und zum Beschaffungsweg fanden sich darin jedoch keine unmittelbaren Angaben.
2019 wurden Dokumente zur Deutschland-Verbindung veröffentlicht
Konkretere Belege für die Beschaffung der Gase aus Deutschland veröffentlichte 2019 erneut die Dersim Gazetesi.
In einer von Mahsuni Gül und Hüsnü Gürbey erarbeiteten Untersuchung wurden Dokumente zum Ministerratsbeschluss von 1937 über den Kauf chemischer Kampfstoffe aus Deutschland sowie der Anlage zu deren Verfüllung in Bomben öffentlich gemacht.
Diese Dokumente fanden später auch Eingang in den Deutschen Bundestag.
In einer 2019 von Abgeordneten der Sol Parti eingereichten Kleinen Anfrage wurden die Vorwürfe zum Einsatz deutscher Chemiewaffen in Dersim sowie der Rüstungshandel zwischen der Türkei und Deutschland thematisiert. Die Bundesregierung verzichtete damals auf eine ausführliche Bewertung und verwies darauf, dass die historische und politische Aufarbeitung vorrangig in der Türkei erfolgen müsse.
2026 auch in Bundestagsbericht aufgegriffen
Die Debatte über die Militäroperationen in Dersim floss dieses Jahr auch in einen Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages ein.
Der am 22. Juni 2026 vorgelegte Bericht mit dem Titel „Militärische Operationen und Widerstand in Dersim 1937/38: Eine historische und völkerrechtliche Einordnung“ untersucht die Operationen in Dersim aus historischer und völkerrechtlicher Perspektive.
Der Bericht befasst sich mit Dokumenten, wonach im Rahmen der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen unter den Waffenlieferungen an die Türkei auch Waffen und Kriegstechnologie zum Einsatz von Giftgas gewesen seien.
Da nicht auf sämtliche relevanten Militärarchive zugegriffen werden konnte, sei die Rolle Deutschlands beim Einsatz chemischer Waffen in Dersim bislang nur begrenzt erforscht worden, heißt es in dem Bericht. Als Quelle werden dabei auch die 2019 veröffentlichten Dokumente angeführt.
Genau hier gewinnt der neue Befund an Bedeutung: Während im Beschluss von 1937 nur pauschal von Firmen in Deutschland die Rede war, benennt das Dokument vom 20. August 1938 für die Anlage konkret die Firma Hagenuk in Kiel. (Serbestiyet)


