Adile Hanım: Dem kurdischen Volk schuldet ihr die Wahrheit

RastinewsIn der Türkei beschäftigt der seit Langem unter dem Namen „Terrorfreie Türkei“ geführte Prozess nicht nur Ankara, sondern auch Kurden in aller Welt. Denn es geht nicht um die Zukunft einiger Parteien, einiger Namen oder einiger Organisationsfunktionäre. Es geht um die Zukunft eines Volkes, das seit Jahrzehnten einen hohen Preis gezahlt hat.
Genau deshalb stellt sich zunächst eine einfache Frage:
Wie viel wissen die Kurden über ihre eigene Zukunft?
Die größte Garantie eines Friedensprozesses ist nicht Geheimhaltung, sondern Transparenz. Gerade wenn es um die Beendigung eines mehr als vierzig Jahre währenden Konflikts geht, stärkt es den Frieden nicht, wenn hinter verschlossenen Türen getroffene Entscheidungen der Gesellschaft erst im Nachhinein mitgeteilt werden. Im Gegenteil: Das erzeugt Misstrauen.
Denn hinter dieser Geschichte stehen keine Zahlen, sondern Menschen.
Es gibt Mütter, die ihre Kinder verloren haben. Es gibt Väter, die jahrelang nichts von ihrem Sohn oder ihrer Tochter gehört haben. Es gibt Menschen, die ihr Dorf verlassen mussten, Politiker, die durch Gefängnisse gegangen sind, Familien, die ihr Leben im Exil verbracht haben. Es gibt Hunderttausende, die ihr Leben dem kurdischen politischen Kampf gewidmet und ihre Zukunft an diesen Kampf gebunden haben.
Dieser Gesellschaft heute nur zu sagen: „Der Prozess hat begonnen, unterstützt ihn“, reicht nicht.
Zuerst muss die Wahrheit erzählt werden.
Lässt sich die Erinnerung an Rojava so leicht auslöschen?
Zudem liegt all das nicht lange zurück.
Rojava ist noch immer in den Köpfen präsent.
Als der IS angriff, zogen Tausende junge Kurden an die Front. Tausende kamen ums Leben, Tausende wurden verwundet. Die kurdische Politik hat Rojava jahrelang als Errungenschaft, ja sogar als „rote Linie“ dargestellt.
Heute jedoch entsteht in Syrien eine völlig andere politische Konstellation.
Natürlich darf kein Krieg ewig dauern. Wer gestern gekämpft hat, kann morgen am selben Tisch sitzen. Zahlreiche Friedensprozesse weltweit liefern dafür Beispiele. Bedeutet Frieden nicht ohnehin, dass Feinde nicht für immer Feinde bleiben?
Doch Frieden bedeutet nicht, die Erinnerung auszulöschen.
Ein neues Kapitel lässt sich nicht aufschlagen, indem man das Geschehene ignoriert. Man kann von einer Gesellschaft nicht erwarten, über Nacht all jene politischen Überzeugungen zu vergessen, für die sie ihre Kinder verloren hat.
Wenn ein neues Syrien entstehen soll: Welchen Status haben die Kurden darin?
Welchen Platz hat die kurdische Sprache?
Was wird aus der Zukunft der Vertriebenen?
Was bleibt von den politischen und gesellschaftlichen Errungenschaften, für die Zehntausende einen Preis gezahlt haben?
Die Antwort darauf steckt nicht im Satz „Der Frieden kommt“.
Wenn Frieden unantastbar wird, liegt ein Problem vor
Genau das ist eines der Dinge, die mich an dem in der Türkei laufenden Prozess wirklich stören.
Dass fast jeder Einwand gegen den Prozess mit dem Satz „Sie wollen keinen Frieden“ abgetan wird.
Das ist eine höchst gefährliche Form von Politik.
Frieden zu unterstützen ist etwas anderes, als die angewandte Methode zu hinterfragen.
Man kann Frieden wollen und gleichzeitig sagen, dass der Prozess nicht transparent ist. Man kann sich das Schweigen der Waffen wünschen und trotzdem fragen, was aus den Errungenschaften der Kurden wird. Man kann Öcalans Rolle anerkennen und dennoch hinterfragen, warum die geführten Gespräche vor der Gesellschaft verborgen werden.
Nichts davon bedeutet, Krieg zu wollen.
Im Gegenteil: Das sind Fragen, die jeder stellen muss, der einen dauerhaften Frieden will.
Kritische kurdische Stimmen mit Sätzen wie „Sie wollen den Krieg“ oder „Die Berge warten auf euch“ zum Schweigen zu bringen, ist dagegen keine demokratische Politik.
Die kurdische Gesellschaft muss nicht mit einer Stimme sprechen.
Und sie sollte es auch nicht.
Was wurde auf İmralı besprochen?
Monatelang wurde die Öffentlichkeit über die Gespräche zwischen İmralı, Kandil und dem Staat nur spärlich informiert.
Dann sorgten an die Öffentlichkeit durchgesickerte Gesprächsnotizen für ganz neue Debatten.
Wenn diese Gespräche tatsächlich stattgefunden haben, geht es längst um mehr, als wer nach İmralı gereist ist und wer nicht.
Worüber wurde gesprochen?
Was wurde verlangt?
Was wurde akzeptiert?
Welche Themen zur Zukunft der Kurden kamen auf den Tisch?
Was hat der Staat zugesagt?
Auf welche Forderungen hat die kurdische Seite verzichtet?
Das zu fragen ist das Recht von Journalisten, von Politikern und von jedem einfachen kurdischen Bürger.
Denn den Preis für das am Tisch Besprochene haben nicht nur jene gezahlt, die am Tisch saßen.
Und jetzt kommen die Särge
Ausgerechnet in dieser kritischen Phase werden in kurdische Städte die sterblichen Überreste von Menschen überführt, die Jahre zuvor ums Leben gekommen sein sollen – ein äußerst heikles Thema, das eigens betrachtet werden muss.
Dass die Leiche eines Menschen seiner Familie übergeben wird, ist selbstverständlich ein grundlegendes humanitäres Recht.
Die eigentliche Frage ist eine andere:
Warum jetzt?
Man stelle sich eine Mutter vor.
Sie hat jahrelang nichts von ihrem Kind gehört.
Sie weiß nicht, dass es tot ist, oder verfügt über keine verlässlichen Informationen, wann und wie es gestorben ist.
Dann klopft eines Tages jemand an ihre Tür.
Die sterblichen Überreste ihres Kindes werden gebracht.
Es wird ein Kondolenzzelt aufgestellt.
Wenn dieser Mutter noch nicht einmal Zeit bleibt, um ihr Kind zu betrauern, und der Ort der Beileidsbekundung zu einem Schauplatz politischer Botschaften wird, dann liegt hier ein gravierendes ethisches Problem vor.
Die Identität, die Namen und die sterblichen Überreste der Toten dürfen nicht zum Mittel werden, um die gesellschaftliche Akzeptanz irgendeines politischen Prozesses zu steigern.
Denn eine Beerdigung ist kein Propagandamaterial.
Trauer ist keine Propaganda.
Und die Tränen einer Mutter schon gar nicht.
Sollte ein Zusammenhang zwischen dem Zeitplan der Überführungen und dem laufenden politischen Prozess bestehen, muss dies offen dargelegt werden. Besteht kein solcher Zusammenhang, ist es ebenso Aufgabe der Politik, die daraus entstandenen schwerwiegenden Fragezeichen in der Öffentlichkeit auszuräumen.
Was soll euch dieses Volk noch geben?
An dieser Stelle sei den kurdischen Politikern ein offenes Wort gesagt.
Diese Gesellschaft hat euch nicht nur ihre Stimme gegeben.
Sie hat weit mehr gegeben.
Sie hat ihre Kinder gegeben.
Sie hat ihre Jugend gegeben.
Sie hat ihr Brot geteilt.
Sie hat die Gefängnisse gesehen.
Sie ist ins Exil gegangen.
Ihre Dörfer wurden geräumt, ihre Häuser zerstört, sie war Armut und Diskriminierung ausgesetzt.
Jahrzehntelang hat sie darauf gewartet, dass all dies eines Tages politisch honoriert wird.
Eure grundlegendste Schuld gegenüber diesem Volk ist heute die Wahrheit.
Ihr müsst nicht alles offenlegen können. Diplomatie erfordert mitunter Vertraulichkeit, Verhandlungen haben ihre eigenen Regeln. Aber die grundlegenden politischen Weichenstellungen, die über die Zukunft eines Volkes entscheiden, könnt ihr diesem Volk nicht auf ewig vorenthalten.
Und den Schmerz jener, die einen Preis gezahlt haben, dürft ihr schon gar nicht zu einem Kommunikationsinstrument der Politik machen.
Schließt Frieden – aber sauber
Ich bin nicht gegen den Frieden.
Im Gegenteil, genau darum geht es:
Dass der Frieden nicht beschmutzt wird.
Denn echter Frieden bedeutet nicht nur, dass die Waffen schweigen.
Frieden ist Wahrheit.
Er ist Aufarbeitung.
Er ist Gerechtigkeit.
Er ist Erinnerung.
Er ist der Mut, darüber zu sprechen, warum Menschen gestorben sind, warum sie getötet wurden, warum sie in die Berge gegangen sind, warum sie ins Gefängnis mussten, warum sie ihr Dorf verlassen mussten.
Und vor allem ist er der Aufbau einer demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung, die dafür sorgt, dass sich dasselbe Leid nicht wiederholt.
Deshalb ist die Botschaft an die kurdischen Politiker eindeutig:
Habt Mut.
Seid gegenüber eurem eigenen Volk genauso offen wie gegenüber dem Staat.
Erzählt, worüber ihr gesprochen habt.
Erzählt, was ihr erreicht habt.
Erzählt, worauf ihr verzichtet habt.
Schließt Frieden.
Aber schließt ihn sauber.
Denn was die Kurden brauchen, ist keine neue heilige Erzählung, sondern die Wahrheit.
Keine neue Propaganda, sondern Transparenz.
Und ganz sicher keine neuen Beerdigungen.
Und nach all diesen Opfern ist das Mindeste, worauf dieses Volk ein Recht hat, genau das:
Ein würdiger und dauerhafter Frieden, vor dem nichts verborgen wird und in dem nicht einmal die Toten zum politischen Material werden.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
