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Das Geheimnis

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Das Geheimnis

Rastinews„Wie einem Freund seine Wunde zeigt.“ Ahmet Arif

Manchmal gewinnt selbst das gewöhnlichste Geheimnis an Wert, gerade weil es verborgen bleibt. Denn der Wert eines Geheimnisses liegt meist nicht in seiner Wahrheit, sondern in dem Schweigen, das sich um es legt. Nicht alles wird verborgen, weil es wichtig ist; manches wird erst wichtig, weil es verborgen wird. Solange nicht darüber gesprochen, nichts offengelegt und es vor den Blicken anderer geschützt wird, baut sich um es herum ein unsichtbares Gewicht auf.

Ein Geheimnis gewinnt seinen Wert häufiger aus der Art seiner Bewahrung als aus seinem Inhalt. Vielleicht liegt der Wert gar nicht in dem, was verborgen wird, sondern in der Verbindung, die der Akt des Verbergens schafft. Selbst ein banales Geheimnis, das zwei Menschen teilen, kann sich in einen unsichtbaren Faden verwandeln, der sie aneinander bindet. Dieser Faden ist mal Zeichen einer gemeinsamen Erinnerung, mal von Vertrauen, mal von Mittäterschaft. Ein Geheimnis ist deshalb nicht nur verborgenes Wissen, sondern eine stille Übereinkunft zwischen zwei Menschen.

Doch hier stellt sich eine andere Frage: Macht die Bewahrung eines Geheimnisses dieses tatsächlich wertvoll, oder lässt sie nur die Person, die es trägt, sich besonders fühlen? Denn ein Geheimnis zu kennen, versetzt einen Menschen oft in eine privilegierte Position. Etwas zu wissen, das andere nicht wissen, kann ein unsichtbares Gefühl von Macht verleihen. Das Geheimnis ist in diesem Sinn nicht nur die verborgene Sache selbst, sondern wird zugleich zu einem Objekt, das das Selbstgefühl seines Trägers nährt.

Doch nicht jedes Geheimnis gewinnt beim Bewahren an Wert. Manche Geheimnisse werden mit der Zeit nur schwerer. Wer sie trägt, wird dadurch nicht leichter, sondern im Gegenteil erdrückt. Schweigen ist dann keine schützende Hülle mehr, sondern eine dichte Last, die sich über den Menschen schließt. Zu sagen, „das Geheimnis gewinne an Wert“, greift dann zu kurz. Vielleicht gewinnen manche Geheimnisse gar nicht an Wert, sondern häufen nur Last an. Je länger sie verborgen bleiben, desto weniger werden sie zu einem Schatz, sondern zu einer dunklen Bürde, die der Mensch in sich tragen muss.

Es gibt jedoch Geheimnisse, deren Bewahrung mehr ist als das Verbergen einer Information; sie ist der Schutz der eigenen Person, der eigenen Würde und des eigenen Selbst. Ein Geheimnis zu bewahren bedeutet nicht immer nur, Freunde, Weggefährten oder das Leben anderer zu schützen. Wer unter Folter schweigt, schützt zugleich die eigene Persönlichkeit. Denn das Ziel der Folter ist nicht allein, Informationen zu erlangen; es geht darum, den Menschen von seinem eigenen Willen zu entfremden und ihn zum Verrat an sich selbst zu zwingen.

Widerstand bedeutet deshalb nicht nur, zu schweigen, sondern das eigene Selbst nicht preiszugeben. Jedes Schweigen ist ein „Nein“ gegen die absolute Macht des Folterers. Ein Geheimnis zu bewahren, wird so nicht zu passivem Verstummen, sondern zu einer aktiven Form des Widerstands. Der Folterer kann den Körper brechen, Schmerz zufügen, den Menschen in seine verletzlichste Lage bringen; doch in dem Moment, in dem er den Willen nicht bricht, ist er besiegt.

Manchmal gewinnt der Mensch, indem er nichts sagt. Denn manches Schweigen ist keine Leere, sondern Widerstand. Manche Geheimnisse werden, je länger sie bewahrt werden, nicht nur schwerer; sie werden zum letzten Raum der Freiheit, der einem Menschen bleibt.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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