Lob der Ungeschicklichkeit

Rastinews„Sie ist sehr tollpatschig, sie verletzt sich ständig selbst“, sagt jemand. Ein anderer fügt hinzu: „Sie hat überhaupt keine Sorgen.“ Dann sagt er weiter: „Wenn ihr langweilig wird, schneidet sie sich die Arme auf.“
Dabei ist genau das vielleicht der Kern der Sache.
Was man Ungeschicklichkeit nennt, ist nicht immer nur Unachtsamkeit. Manchmal kann sich ein Mensch nicht direkt selbst verletzen, schafft es aber auch nicht, seinen Körper vollständig zu schützen. Ständig irgendwo anstoßen, stürzen, sich schneiden, blaue Flecken bekommen … Vielleicht verschafft sich seelischer Schmerz auf diese Weise indirekt Raum im Körper. Ungeschicklichkeit wird mitunter zu einer indirekten Form der Selbstverletzung. Eine bewusste Absicht steckt womöglich nicht dahinter, doch der Körper trägt dennoch die Last der Seele. Der Mensch macht die innere Unordnung sichtbar, indem er anstößt, stürzt und blutet.
Manchmal weichen diese indirekten Verletzungen einer unmittelbareren Handlung. Der psychische Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lässt, wird in körperlichen Schmerz verwandelt, um ihn erträglicher zu machen. Der diffuse Schmerz der Seele wird zur konkreten Wunde des Körpers. Denn der Schmerz des Körpers ist sichtbar und hat Grenzen; der Schmerz der Seele hingegen ist meist weder sichtbar noch aussprechbar. Ungeschicklichkeit ist vielleicht der stille Schrei des Unbewussten: „Hier stimmt etwas nicht.“
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Manchmal wird dieser Zustand zu einer nahezu spirituellen Erfahrung. Den Schmerz nicht zu spüren, ihn sogar kontrollieren zu können … Der Mensch positioniert sich gleichsam nicht im Schmerz, sondern über ihm. Die Schreie, die beim Hören von Müslüm Gürses aufsteigen, entspringen nicht nur dem Schmerz, sondern auch der Lust. Lust am Schmerz zu empfinden – doch in diesem Moment wird die Lust stärker als der Schmerz, überdeckt ihn, übersteigt ihn sogar. Wie ein Chor aus Schreien … eine wilde Zugehörigkeit, die sich über den Schmerz vollzieht.
In diesem Seelenzustand empfindet sich der Körper nicht mehr als getrenntes Wesen, sondern als Teil eines großen Ganzen. Es entsteht der Wunsch, mit Müslüm Gürses zu verschmelzen, mit seiner Stimme eins zu werden, den eigenen Schmerz mit seinem Schmerz zu vereinen. Das gleicht einer Verweigerung des Getrenntseins, des Andersseins, des Alleine-Leidens. Der Mensch findet seine eigene Wunde in der Stimme des anderen; er verliert seine eigene Wunde in dieser Stimme. So wird der Schmerz nicht mehr zu einem rein persönlichen Leiden, sondern zu einem gemeinsamen Ritual, zu einem kollektiven Schrei.
Fachleute nennen das mitunter eine Borderline-Organisation, mitunter selbstverletzendes Verhalten, mitunter eine Störung der Affektregulation. Aus der gelebten Erfahrung heraus betrachtet ist die Sache jedoch oft nüchterner: Der Mensch versucht, sich durch selbst zugefügten Schmerz lebendig zu fühlen. Wie jemand, der sich kneift, um sicherzugehen, dass das Erlebte kein Traum ist … Er will die Realität prüfen, sich an den Grenzen des Körpers festhalten, sagen können: „Ich bin hier, ich fühle noch.“ Als wäre Schmerz der einzige Beweis dafür, zu fühlen.
Manchmal wird der Körper zur Sprache der Seele, die nicht sprechen kann. Wenn sich der Schmerz nicht in Worte fassen lässt, wird die Haut zur Seite und die Wunde zum Satz. Deshalb ist der Schnitt für manche Menschen nicht bloß eine Verletzung, sondern die körperliche Übersetzung seelischen Schmerzes. Jede mit der Klinge in die Haut gezogene Spur ist vielleicht die Zeile einer nicht erzählten Geschichte. Der Mensch verwandelt seinen Körper in eine Leinwand und versucht, mit Narben zu schreiben, was er nicht in Worte fassen kann. Das fließende Blut macht den unsichtbaren, im Inneren getragenen Schmerz sichtbar. Vielleicht hat der stille Schrei der Seele begonnen, auf der Haut zu sprechen.
Doch nicht selten wird selbst dieses Blut zum Spott. Die Menschen sehen die Wunde, aber nicht den Schmerz. Sie sehen die Spur, nicht die Geschichte. Sie verurteilen das Verhalten, ohne sich für die seelische Welt zu interessieren, die es hervorgebracht hat. „Sie hat keine Sorgen“, sagen sie. Dabei besteht ihr größtes Leid vielleicht gerade darin, dass es von niemandem gesehen wird.
Selbstverletzendes Verhalten entspringt meist nicht dem Wunsch zu sterben, sondern dem Versuch, mit einem unerträglichen seelischen Schmerz fertigzuwerden. Die im Inneren nicht auszuhaltende Spannung wird über den Körper abgeführt. Der Schmerz, den die Seele nicht begrenzen kann, soll innerhalb der Grenzen des Körpers eingeschlossen werden. Der Schnitt ist manchmal nicht der Wunsch, das Leben zu beenden, sondern im Gegenteil der Versuch, den seelischen Zerfall aufzuhalten und dem überschwappenden Schmerz eine Form zu geben.
Die menschliche Seele vertraut die Last, die sie nicht tragen kann, manchmal dem Körper an. Wenn die Seele nicht bluten kann, blutet der Körper. Wenn die Seele nicht sprechen kann, spricht der Körper. Und manchmal sind die tiefsten Wunden jene, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Der Mensch lässt seinen Körper sprechen, um seine unsichtbare Wunde sichtbar zu machen. Deshalb ist nicht jede Wunde am Körper nur ein Schnitt in der Haut; manchmal ist sie die letzte Sprache, die die Seele findet, um sagen zu können: „Ich leide.“
„Als würde man einem Freund seine Wunde zeigen.“ Ahmet Arif
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
