Die Besetzung der inneren Welt – zur seelischen Anatomie der Diktatur

RastinewsKinder, Mutter, Telefon, die innere Welt … Mir wird langweilig. Ich schalte um. Ein wenig will ich mich auch über den Diktator ärgern.
Ich habe in einem Film einen Satz gehört: „Bringt mir den Unterdrückten.“ Dieser Satz beschreibt nicht nur, wie der Tyrann nach seinem Opfer ruft; er beschreibt auch, wie der Mensch für seinen eigenen Zorn ein Ziel sucht. Die meisten von uns verschaffen sich Erleichterung, indem sie sich selbst ein Opfer suchen, indem sie den Zorn, der sich eigentlich nach oben richten müsste, nach unten ablenken. Der Zorn, der sich gegen die eigentliche Macht, die eigentliche Herrschaft, den eigentlichen Unterdrückungsmechanismus richten müsste, wird auf das Schwächere, das Wehrlosere, das leichter Erreichbare übertragen. So bleibt der Mensch zornig – und entgeht zugleich der Begegnung mit der wahren Adresse seines Zorns.
Die Führerfrage betrifft deshalb nicht allein die Regierenden, sondern ebenso den Zorn, die Angst und das Gerechtigkeitsempfinden der Regierten. Denn richtet sich der Zorn einer Gesellschaft nicht an seine wahre Adresse, gewinnt die Macht Ruhe – die Menschen entladen ihre innere Enge stattdessen im Streit untereinander. Genau diesen Mechanismus nutzt der Diktator meist gezielt: Er macht den Druck von oben unsichtbar und lässt den Konflikt weiter unten anwachsen. Während die Menschen sich gegenseitig bekämpfen, spricht sich die Ordnung, die sie in diese Lage gebracht hat, selbst frei.
Der idealistische Führer ist jemand, der versucht, seinen Prinzipien treu zu bleiben. Die praktische Politik mag ihn zeitweise zu Zugeständnissen zwingen, doch werden diese Zugeständnisse stets über die von ihm vertretenen Prinzipien begründet. Mit anderen Worten: Die Mittel mögen wechseln, das Ziel bleibt bestehen. Zwischen dem idealistischen Führer und jenem, der seine Ideale lediglich zum Werkzeug macht, um an die Macht zu gelangen oder sie zu erhalten, besteht daher ein qualitativer Unterschied.
Für den idealistischen Führer ist das Prinzip ein Maßstab, der über der Macht steht. Für den Diktator hingegen ist das Prinzip ein Werkzeug im Dienst der Macht. Der idealistische Führer fühlt sich verpflichtet, sein Handeln an den Werten zu prüfen, die er vertritt; der Diktator nutzt die Werte, um sein Handeln zu rechtfertigen. Der eine handelt aus Treue zum Prinzip, der andere aus Treue zur Macht. Deshalb ist die eigentliche Ideologie des Diktators meist nicht die Idee, die er zu vertreten behauptet, sondern die Macht selbst.
Für den Diktator ist Ideologie kein Ziel, sondern ein Mittel. Er kann bei Bedarf Religion, Nationalismus, revolutionäre Rhetorik oder Freiheitsrhetorik gleichermaßen einsetzen. Heute mag er sich demokratisch geben, morgen nationalistisch, übermorgen konservativ oder revolutionär. Denn seine Treue gilt keiner Idee, sondern allein der Macht – also sich selbst und seinen Interessen. Was den Diktator kennzeichnet, ist deshalb keine bestimmte Ideologie, sondern die Verabsolutierung der Macht.
Wo Recht herrscht, ist das Gesetz ein übergeordnetes Prinzip, das auch den Herrschenden bindet. Rechtsstaatlichkeit bedeutet: Niemand steht über dem Gesetz. In der Diktatur hört das Gesetz auf, eine den Herrscher begrenzende Instanz zu sein; es wird zu einem Werkzeug, das der Herrscher jederzeit nach Belieben ändern kann. Damit verliert das Recht seine Berechenbarkeit. Die Menschen richten sich fortan nicht mehr nach dem Gesetz, sondern nach dem Willen des Führers. Genau hier zeigt sich die eigentliche Überlegenheit des Diktators: Er steht nicht nur über dem Recht, er hat das Recht zur Verlängerung seines eigenen Willens gemacht. Recht und Gesetz werden so zum Werkzeug der Unterdrückung.
Dieser Zustand entspricht auf politischer Ebene der narzisstischen Persönlichkeitsorganisation. Für das narzisstische Subjekt ist die äußere Realität kein unabhängiger Bereich, der seine Wünsche begrenzt; die Außenwelt wird als Verlängerung des grandiosen Selbst erlebt. Auch der Diktator macht den Staat zur Verlängerung seines eigenen Selbst. Land und Person, Staat und Individuum, Volk und eigener Wille fallen in eins. Der Satz „Der Staat bin ich“ ist nicht nur eine politische Behauptung, sondern Ausdruck einer narzisstischen Organisation. Spricht er vom Staat, von der Nation, vom Volk, meint er in Wahrheit sich selbst. Die eigenständige Existenz des Anderen erträgt er nicht. Der Verlust der Macht bedeutet für ihn deshalb nicht nur eine politische Niederlage, sondern den Zusammenbruch des narzisstischen Selbst.
Deshalb stellt der Diktator alles, was er tut, als historische Notwendigkeit dar. Was er tut, ist demnach das, was getan werden muss – eine Alternative gibt es nicht. Was er heute sagt, ist nicht deshalb wahr, weil es wahr ist, sondern weil er es gesagt hat. Sagt er morgen das genaue Gegenteil, bleibt dieselbe Absolutheit bestehen. Maßstab ist nicht mehr die Realität, sondern der Wille des Führers. So besteht das Grundgesetz der Diktatur paradoxerweise gerade in der Gesetzlosigkeit. Denn es gibt keine beständige Rechtsordnung, sondern nur einen einzigen Willen, der sich jeden Moment ändern kann.
Die Diktatur vereinheitlicht nicht nur das Recht, sondern auch das Denken selbst. Dabei ist die Wirklichkeit ihrem Wesen nach vielursächlich, vielschichtig und oft widersprüchlich. Die demokratische Politik muss diese Pluralität anerkennen. Die Diktatur dagegen empfindet Komplexität als Bedrohung. Sie reduziert deshalb Vielursächlichkeit auf eine einzige Ursache, Mehrdeutigkeit auf eine einzige Bedeutung. Wirtschaftskrisen werden auf „äußere Mächte“ zurückgeführt, gesellschaftlicher Widerstand auf „Verräter“, internationale Kritik auf „Neid auf uns“. Die Welt wird so nicht länger als komplexe, zu erforschende Realität begriffen, sondern zu einer einfachen Geschichte, die von einem einzigen Zentrum aus erklärt wird.
Das „Ein-Mann-Regime“ bedeutet deshalb nicht nur die Bündelung politischer Macht in einer Hand, sondern auch die Bündelung der Wahrheit in einer Hand. Es gibt nur einen Eigentümer der Wahrheit, nur eine Deutung der Geschichte, nur einen Maßstab der Moral; die Befugnis, das Wahre zu bestimmen, liegt allein beim Führer. Politische Macht verwandelt sich so in eine moralische Absolutheit.
Diese Eigenschaften wurden im Lauf der Geschichte der göttlichen Herrschaft zugeschrieben. Auch der Diktator präsentiert sich nicht als gewöhnlicher politischer Akteur, sondern gleichsam als auserwählte Person der Geschichte, als außergewöhnliche Figur, die mit dem Schicksal der Nation verschmilzt. In der Antike beriefen sich viele Herrscher auf eine von den Göttern verliehene Legitimität, manche galten sogar unmittelbar als Gott oder als irdischer Stellvertreter der Götter. Die Pharaonen des alten Ägypten sind eines der deutlichsten Beispiele dafür. Der Pharao galt nicht nur als König, der das Land regierte, sondern als heiliges Wesen, das die kosmische Ordnung aufrechterhielt. Der Gehorsam ihm gegenüber war nicht nur eine politische, sondern eine religiöse Pflicht.
Bemerkenswert ist, dass die Figur des Pharaos heute zwar meist als Symbol für Unterdrückung und Willkür erzählt wird, Menschen solchen Figuren absoluter Macht gegenüber jedoch nicht nur Hass, sondern auch Bewunderung entgegenbringen können. Dies erinnert an die kindliche Sehnsucht nach einem starken, allmächtigen und sorgenfreien Elternbild. Absolute Autorität erzeugt Furcht, verspricht zugleich aber auch Sicherheit. Deshalb ist der Diktator nicht nur gefürchtet; er kann sich ebenso in eine idealisierte, als Retter wahrgenommene Figur verwandeln.
Genau an diesem Punkt hört die totalitäre Mentalität auf, bloß ein politisches Regime zu sein; sie wird zu einer Weise, die Welt wahrzunehmen. An die Stelle vielfältiger Bedeutungen tritt eine einzige Bedeutung, an die Stelle kritischen Denkens der Gehorsam, an die Stelle des Dialogs die absolute Wahrheit. Am Ende beseitigt die Diktatur nicht nur die Freiheit; sie macht die Wirklichkeit selbst einstimmig, einfarbig und einzentrisch.
Die Wirklichkeit wird nicht mehr entdeckt, sondern vom Führer verkündet. Diktatur ist deshalb nicht nur politische Herrschaft, sondern die Unterwerfung von Wahrheit, Denken und symbolischer Ordnung unter den Willen eines einzigen Subjekts. Der Diktator will nicht nur den Staat regieren; er will auch bestimmen, wie die Menschen denken, woran sie glauben und wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen. Hier zeigt sich die tiefste und gefährlichste Dimension des Totalitarismus.
Bitte lieben Sie Ihren Diktator …
Hier gibt es einen weiteren wichtigen Bruch. Die faschistischen Diktatoren der Vergangenheit zielten darauf ab, ihre Feinde zu vernichten; was ihre Feinde über sie selbst dachten, ob sie sie mochten oder schätzten, kümmerte sie meist wenig. Für Hitler war es nicht entscheidend, was Juden, Roma, Homosexuelle oder andere vom Regime zu Feinden erklärte Gruppen über ihn empfanden. Von ihnen wurde keine Liebe erwartet, sondern Vernichtung. Der Feind war kein Wesen, das überzeugt werden musste, sondern eines, das beseitigt werden musste. In den heutigen Diktaturen kommt dem eine weitere Dimension hinzu. Der Diktator will nicht mehr nur Gehorsam; er will auch geliebt werden. Ja, er erwartet sogar von den Menschen, die er zu Feinden erklärt, ausgegrenzt, gedemütigt und für nichtig erklärt hat, eine Art Zustimmung. Er will nicht nur über Körper herrschen, sondern auch über Gedanken und Gefühle. Er begnügt sich nicht damit, zu bestimmen, was die Menschen tun sollen; er will auch bestimmen, was sie fühlen, wen sie lieben, wen sie bewundern und woran sie glauben sollen.
Deshalb genügt es dem heutigen Diktator nicht, dass der Oppositionelle schweigt; von ihm wird erwartet, dass er insgeheim Bewunderung empfindet, zumindest die Größe des Diktators anerkennt. Der Diktator ist darauf bedacht, dass selbst sein Feind ihn mag. Denn für die narzisstische Macht genügt die Liebe der Anhänger allein nicht; auch der Widerstand des Anderen muss gebrochen, auch in dessen Innenleben muss ein Platz erobert werden. An dieser Stelle erfüllt das Umfeld des Diktators eine wichtige Funktion. Es färbt ihn unablässig mit dem „Guten“. Grausamkeit wird als Entschlossenheit, Rohheit als Mut, Rechtlosigkeit als Notwendigkeit, Hochmut als Führungsstärke und Aggression als Stärke präsentiert. So idealisiert nicht nur der Diktator sich selbst; auch sein Umfeld poliert, glänzt und heiligt sein Abbild unablässig. Je mehr das Böse mit dem Guten überstrichen wird, desto mehr erscheint die nackte Gewaltherrschaft als eine Art historische Pflicht, nationales Schicksal oder unvermeidliches Opfer.
Deshalb beschränkt sich die Besetzung nicht nur auf die Eroberung öffentlicher Räume, Institutionen, der Presse oder des Rechts. Das eigentlich Entscheidende ist die Besetzung des Innenlebens. Es soll nicht nur kontrolliert werden, was die Menschen sagen, sondern auch, was sie fühlen. Der Diktator begnügt sich nicht damit, das äußere Verhalten des Einzelnen zu kontrollieren; er will auch in dessen Gewissen, in die Fähigkeit zur Bewunderung, in die Angst, das Schuldgefühl und die Wirklichkeitswahrnehmung eindringen. Der Andere darf nicht nur besiegt sein; er soll gezwungen werden, seine eigene Niederlage als gerecht und die Überlegenheit des Diktators als natürlich anzusehen. Von ihm wird nicht nur erwartet, dass er sich unterwirft, sondern auch, dass er seine Unterwerfung als sinnvoll empfindet. Von ihm wird nicht nur verlangt, dass er schweigt, sondern auch, dass er sein Schweigen für eine Tugend hält. Von ihm wird nicht nur verlangt, dass er Angst hat, sondern auch, dass er seine Angst als Respekt bezeichnet. Genau hier geht die Diktatur über die rohe Gewalt hinaus; sie verwandelt sich in eine heimtückischere, tiefere, grausamere seelische Beherrschung. Darum geht es auch bei Osman Kavala, Selahattin Demirtaş, Ekrem İmamoğlu und anderen: „Akzeptiert mich, sagt, dass ihr besiegt seid, und zeigt meinen Sieg vor laufenden Kameras.“ Der Diktator will seinen Rivalen nicht nur zum Schweigen bringen; er will dessen Niederlage sichtbar machen, seinem Körper, seinem Gesicht, seiner Stimme und seinem Schweigen den Stempel des eigenen Sieges aufdrücken. Es genügt nicht, dass der Oppositionelle im Gefängnis sitzt, aus der Politik gedrängt oder zum Schweigen gebracht wird; sogar seine bloße Existenz soll in eine Bühne verwandelt werden, die die Größe der Macht beweist. Deshalb geht es nicht nur um Bestrafung; es geht um den Wunsch, zur Schau zu stellen, zu beugen, zu brechen und, wenn möglich, innerlich zu unterwerfen. Der größte Sieg für den Diktator besteht nicht nur darin, dass sein Feind besiegt wird, sondern dass er gezwungen wird, seine Niederlage anzuerkennen. Mehr noch: dass der Feind seine eigene Niederlage für gerecht und den Sieg des Diktators für natürlich, unvermeidlich und verdient hält. Hier will die Macht nicht nur das äußere Leben des Menschen, sondern auch sein inneres Gericht in Besitz nehmen. Sie will die Stimme, die sagt „Mir wurde Unrecht getan“, zum Schweigen bringen und an ihre Stelle eine innere Stimme setzen, die sagt „Dann habe ich es wohl verdient.“ Hier beginnt auch die tiefste Form der Unterdrückung: Der Mensch wird nicht nur von außen niedergedrückt; er wird auch gezwungen, in seinem Inneren die Sprache des Täters zu sprechen. Die Legitimierung der Sprache des Täters…
Deshalb begnügt sich die heutige Diktatur nicht damit, den Oppositionellen zu beseitigen. Sie will aus dem Gesicht des Oppositionellen die Niederlage, aus dem Gesicht des Anhängers die Bewunderung und aus dem Gesicht der Gesellschaft die Zustimmung ablesen. Das Foto vor den Kameras, die Haltung im Gerichtssaal, das Bild vor dem Gefängnistor, die Menschenmenge auf dem Platz, der Applaus im Fernsehen – all das sind nicht nur politische Ereignisse. Das sind seelische Inszenierungen der Macht. Die nach Wahlen zum Ritual gewordene „Balkonrede“ hat insofern mehrere Bedeutungsebenen.
Der Diktator will seinen Sieg nicht nur an der Wahlurne, vor Gericht oder auf dem Platz sehen, sondern auch im Innenleben der Menschen. Es genügt nicht zu sagen „Ihr habt Angst vor mir“; er will hören „Wir respektieren dich.“ Es genügt nicht zu sagen „Ich habe euch zum Schweigen gebracht“; er will das Gefühl erzeugen „Ihr habt anerkannt, dass ich recht habe.“ Deshalb besteht sein eigentliches Verlangen nicht nur darin, an der Macht zu sein, sondern auch über den Wirklichkeitssinn der Menschen zu herrschen. An dieser Stelle hört die Lüge auf, nur ein Mittel zu sein, das die Wahrheit verbirgt; sie errichtet eine neue Ordnung, die an die Stelle der Wirklichkeit tritt. Werden ständige Lügen als Wahrheit präsentiert, verschwimmt zunächst die Wahrheit selbst. Die Menschen tun sich zunehmend schwer, richtig von falsch zu unterscheiden. Anschließend erodiert die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit. Nach einer Weile lautet die Frage nicht mehr „Stimmt das?“, sondern „Hat der Führer das gesagt?“ In der Diktatur bestimmt sich die Wahrheit nicht durch die Ereignisse selbst, sondern dadurch, wie der Führer sie benennt. Heute kann eine Niederlage als Sieg, eine Krise als Erfolg, Armut als Opferbereitschaft, Unterdrückung als Sicherheit und Rechtlosigkeit als Gerechtigkeit dargestellt werden. Worte werden nicht benutzt, um die Wirklichkeit zu erklären, sondern um sich der Wirklichkeit zu bemächtigen. Sprache hört auf, ein Mittel der Wahrheit zu sein; sie wird zur Farbe der Macht. Deshalb wird in der Diktatur nicht nur die Wahrheit verzerrt; auch die Fähigkeit, zur Wahrheit vorzudringen, wird zerstört. Nach einer Weile verliert der Mensch nicht nur die Fähigkeit, zu wissen, woran er glauben soll, sondern auch das Verständnis dafür, was Glauben überhaupt bedeutet. Selbst wenn bekannt ist, dass die Lüge eine Lüge ist, lässt sich ihr keine Wahrheit mehr entgegensetzen. Denn die Wahrheit ist inzwischen kein gemeinsamer Boden mehr. Von diesem Punkt an tritt das, was der Diktator sagt, an die Stelle der Wirklichkeit. Die Wahrheit hört auf, etwas zu sein, das erforscht, diskutiert und geprüft wird; sie wird zu etwas, das verkündet wird. Sobald der Diktator sagt „So ist es“, wird erwartet, dass man sich verhält, als gäbe es keine andere Wirklichkeit außer dieser. So verschwindet nicht nur der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit, sondern auch die Wahrheit selbst.
Die dunkelste Seite der Diktatur zeigt sich genau hier: Die Menschen werden nicht nur gezwungen, Lügen zu glauben; sie werden an den Verlust der Wirklichkeit gewöhnt. Der Lüge steht nun nicht mehr die Wahrheit gegenüber, sondern eine andere Lüge. Die Welt hört auf, ein Ort zu sein, an dem Richtiges und Falsches miteinander ringen; sie wird zu einer Bühne, auf der das, was der Mächtige sagt, als Wahrheit gilt. Deshalb ist das Verschwinden der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge in der Diktatur nicht nur ein gewöhnliches Problem, sondern eine seelische und politische Zerstörung.
Die Besetzung des Innenlebens…
Die Besetzung des Innenlebens ist eine Form der Macht, die den intimsten Ort des Menschen berührt. Der Diktator kommt nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit der inneren Stimme in Berührung. Er will nicht nur die Plätze, sondern auch das Gericht im Inneren des Menschen erobern. Denn wenn das innere Gericht schweigt, ist der Mensch nicht mehr nur draußen, sondern auch in seinem eigenen Inneren besiegt. Das macht die Diktatur zu mehr als einem bloß politischen Unterdrückungsregime; sie verwandelt sich in eine Besetzung des Innenlebens. Die Beziehung zwischen Diktator und Individuum ist dann nicht mehr nur eine Beziehung von Herrschen und Beherrschtwerden, sondern zugleich eine Beziehung psychologischer Ausbeutung. Der Diktator verlangt von den Menschen nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihre Gefühle. Der Diktator will bestimmen, um wen man trauert, worüber man sich freut, worüber man wütend wird, wovor und vor wem man Angst hat. Er will nicht nur ihre Stimmen, sondern auch ihre Bewunderung. Er verlangt nicht nur ihr Schweigen, sondern auch ihre innere Zustimmung.
Auch wenn man mit den Worten „Vertraut diesem Bruder“ um Stimmen bittet, ist das, was verlangt wird, nicht nur die Stimme. Von den Wählern wird hier nicht nur erwartet, eine politische Entscheidung zu treffen, sondern sich auch emotional zu ergeben. Vertrauen hört hier auf, Teil eines demokratischen Vertrags zu sein; es wird zu einem Aufruf, der Gehorsam, Loyalität und widerspruchslose Annahme verlangt. Von den Wählern wird nicht nur erwartet, zur Wahlurne zu gehen, sondern auch, ihren eigenen Zweifel auszusetzen, ihr eigenes Urteilsvermögen zurückzuziehen und den Willen des Führers an die Stelle ihres eigenen Willens zu setzen. Der Diktator beseitigt die Meinung der Menschen und setzt an ihre Stelle seine eigene Erwartung. So werden Besetzung, Gehorsam und Unterwerfung auch durch Zustimmung bestätigt. Der Mensch wird nicht nur beherrscht; er wird aufgefordert zu zeigen, dass er das Beherrschtwerden akzeptiert, ja sogar will. Genau darin liegt die psychologische Kraft der Diktatur: Sie präsentiert Zwang wie Liebe, Angst wie Vertrauen, Unterwerfung wie Loyalität. Sie verlangt von den Menschen nicht nur, „Ja“ zu sagen, sondern dieses „Ja“ so zu erleben, als käme es von Herzen.
Deshalb wirkt Propaganda in zeitgenössischen Diktaturen nicht nur, um die Wahrheit zu verzerren; sie dient zugleich dazu, Liebe zu erzeugen, Bewunderung zu organisieren und emotionale Bindung zu schaffen. Das Bild des Führers, seine Stimme, seine Geschichte, sein Opferstatus, sein Heldentum, seine Aufopferung werden unablässig neu produziert. So werden die Massen nicht nur regiert; sie werden auch emotional gebunden. Der Diktator konstituiert sich nicht nur als Staatsoberhaupt, sondern als eine Figur, die einen Platz in der inneren Welt des Volkes einnimmt. In diesem Sinne geht die Diktatur über eine von außen kommende Gewaltherrschaft hinaus; sie versucht, eine Kolonie im Inneren des Menschen zu errichten. Gedanken, Gefühle, Ängste, Bewunderungen und Loyalitäten werden besetzt. Der Mensch fühlt sich nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im Inneren seines eigenen Denkens überwacht. Er muss sogar kontrollieren, was er denkt, was er fühlt, wen er liebt oder nicht liebt. So beutet die Diktatur nicht nur die Freiheit des Individuums aus, sondern auch seinen inneren Bereich.
Das ist das Erschreckendste daran: Der Diktator will nicht nur, dass der Mensch gehorcht, sondern dass er sich dabei selbst liebt, während er gehorcht. Er begnügt sich nicht damit, seine Tyrannei durchzusetzen; er will, dass seine Tyrannei bewundert wird. Er erwartet von den Menschen nicht nur, dass sie aus Angst schweigen, sondern dass sie sich liebevoll unterwerfen. Deshalb ist die heutige Diktatur nicht nur eine körperliche und politische Herrschaft, sondern zugleich eine Form seelischer Besetzung.
Schon wieder Narzissmus?
Eines der auffälligsten Merkmale des Narzissmus ist die Unfähigkeit, Anerkennung zu zollen. Der Narzisst kann den Wert eines anderen nicht aufrichtig anerkennen, denn er selbst befindet sich in einer seelischen Ökonomie, die ständig Anerkennung erwartet und um Bestätigung bettelt. Einen anderen anzuerkennen, kommt ihm vor wie ein Abzug von seinem eigenen Anteil. Als wäre Wert eine begrenzte Ressource, und jedes Lob, das einem anderen zuteilwird, würde ihm selbst gestohlen. Auch die Armut an Anerkennung und der Geiz beim Anerkennen in der Gesellschaft hängen mit Narzissmus zusammen. Je schwerer es den Menschen fällt, die Arbeit, die Schönheit, den Erfolg und die Feinsinnigkeit des anderen anzuerkennen, desto mehr gründen sich gesellschaftliche Beziehungen zunehmend auf Eifersucht, Konkurrenz und Abwertung.
Der Narzisst wertet den anderen ab, statt ihn anzuerkennen. Doch dabei geht es nicht wirklich darum, dass der andere tatsächlich wertlos wäre. Im Gegenteil, der Wert des anderen stellt für den Narzissten eine Bedrohung dar. Der Grund, warum er versucht, den anderen kleinzumachen, ist das Bestreben, seine eigene Überlegenheit abzusichern. Er glaubt, je mehr der andere verkleinert wird, desto größer und wertvoller erscheine er selbst. Deshalb ist Anerkennung für den Narzissten kein teilbares Gefühl, sondern ein umkämpftes Kapital. Der Erfolg des anderen ist für ihn kein Grund zur Freude, sondern eine Wunde, die ihn an sein eigenes Defizit erinnert. Folglich hören Lob, Bewunderung und Anerkennung auf, menschliche Gesten zu sein, die in gegenseitigen Austausch treten; sie werden nur noch als ein Recht erlebt, das ausschließlich ihm selbst zustehen muss.
Eine gesunde Seelenverfassung funktioniert hingegen umgekehrt. Ein wirklich selbstbewusster Mensch fürchtet sich nicht davor, den Erfolg eines anderen anzuerkennen. Denn er weiß, dass das Licht des anderen sein eigenes Licht nicht auslöscht, sondern die Helligkeit vielmehr vermehrt. Für den Narzissten hingegen fühlt sich Anerkennung an, als würde er seinen eigenen brüchigen Selbstwert aufs Spiel setzen.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
