Schriften über den Narzissmus – Teil 9

RastinewsNarzisstische Abhängigkeit
Der moderne Narzisst liebt sich nicht unmittelbar selbst; er kann sich erst dann lieben, wenn er sieht, dass andere ihn lieben. Die Bewunderung anderer ist für ihn deshalb kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie wird zum Beweis seines eigenen Wertes. Begehrt ihn ein anderer, so kann er glauben, selbst begehrenswert zu sein. Liebt ihn ein anderer, so hält er sich selbst für liebenswert. Der moderne Narzisst wirkt deshalb zwar nach außen hin autark, steckt in Wirklichkeit aber in einer tiefen Abhängigkeit.
Die Quelle seines eigenen Wertes liegt nicht in ihm selbst, sondern im Blick des anderen. Deshalb will er ständig gesehen, bestätigt und bewundert werden. Denn sobald der Blick des anderen ausbleibt, gerät auch sein eigenes Wertgefühl ins Wanken. Darin zeigt sich das Paradox des Narzissmus: Der Narzisst behauptet, niemanden zu brauchen, ist in Wirklichkeit aber derjenige, der andere am meisten braucht. Er entwertet den anderen, kann seinen eigenen Wert aber nur durch ihn spüren. Er blickt auf den anderen herab, erwartet aber von ihm die Bestätigung seiner eigenen Existenz. Der moderne Narzissmus ist deshalb kein Zeichen starker Selbstliebe, sondern ein Zeichen ihrer Brüchigkeit.
Es ist der Versuch, sich den Wert, den man sich selbst nicht geben kann, vom anderen zu leihen. Die Liebe des anderen erfüllt hier keine Funktion der Vollendung, sondern der Stütze. Der moderne Narzisst versucht, sich selbst zu lieben — kann dies aber nur, indem er durch die Augen des anderen blickt. Das auffälligste Gefühl des modernen Narzissmus ist deshalb nicht Autarkie, sondern der Zwang, gesehen zu werden. Wird er nicht gesehen, nicht bestätigt, nicht bewundert, ist er nicht nur traurig; er beginnt auch, am Wert seiner eigenen Existenz zu zweifeln. Denn der einzige Weg, sich selbst lieben zu können, besteht darin, zu glauben, dass der andere ihn liebt. Der moderne Narzissmus bedeutet deshalb nicht nur, sich selbst zu lieben, sondern das Gefühl, sich ständig neu erschaffen zu müssen. Das Subjekt blickt nicht mehr bloß auf sich selbst; es erzeugt sich selbst. Und vielleicht wird es zum ersten Mal zugleich zum Schöpfer und zum Geschöpf seiner eigenen Existenz.
Selbst wenn ihn alle ständig bewunderten, wäre das Problem des Narzissten nicht gelöst, denn in seinem Innersten herrscht das Gefühl vor, es nicht wert zu sein, geliebt zu werden. Den Narzissten durch Bewunderung zu sättigen, ist deshalb unmöglich.
Narzisstische Intelligenz
An dieser Stelle ist ein weiterer Begriff zu nennen: die narzisstische Intelligenz. Menschen mit narzisstischer Struktur erkennen die Schwächen anderer oft mit bemerkenswerter Schärfe. Sie sind darin geübt, die Bedürfnisse, Ängste und Verletzlichkeiten anderer zu erspüren. Dieses Gespür setzen sie meist so ein, dass es die eigene Position stärkt. Narzisstische Intelligenz betrifft deshalb nicht nur die Selbsterhöhung; sie umfasst auch die Fähigkeit, das Umfeld zu lesen und dieses Lesen zu instrumentalisieren. Der Narzisst erfasst rasch, wer was braucht, wer wodurch zu beeinflussen ist und welche Situation sich zu seinen Gunsten wenden lässt.
Hier ist jedoch eine wichtige Unterscheidung zu treffen: die zwischen Intelligenz und partieller Intelligenz. Intelligenz ist eine vielschichtige Fähigkeit. Manche Menschen hingegen können auf bestimmten Gebieten außerordentlich scharfsinnig und erfolgreich sein, ohne diese Fähigkeiten auf andere Lebensbereiche übertragen zu können. Dass ein Metzger oder ein Händler in seinem Fach sehr erfolgreich ist, bedeutet nicht, dass er in allen Lebensbereichen über dieselbe Kompetenz verfügt. Manche Menschen, die man umgangssprachlich als „gerissen“ oder „sehr clever“ bezeichnet, besitzen tatsächlich genau diese Art von partieller Intelligenz. Auch die narzisstische Intelligenz ist meist eine solche partielle Intelligenz. Das Subjekt verfügt über eine hohe Fähigkeit, seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse zu erkennen, zu nähren und aufrechtzuerhalten. Diese Fähigkeit lässt sich jedoch in der Regel nicht auf den Aufbau von Gegenseitigkeit, die Entwicklung von Empathie oder den Aufbau echter Beziehungen übertragen. Narzisstische Intelligenz ist deshalb weniger eine allgemeine geistige Kompetenz als eine verengte Fähigkeit, die einem bestimmten Zweck dient — der Sättigung des eigenen Narzissmus. Ein Mensch kann auf diesem Gebiet außerordentlich erfolgreich sein; dieser Erfolg bedeutet jedoch keine umfassende Reife.
In diesem Zusammenhang fallen manche politischen Figuren auf. Bei Namen wie Erdoğan, Trump oder Orbán war vor ihrer Machtübernahme keineswegs immer klar, dass sie eine derart starke Position erreichen würden. Diese Akteure zeigten jedoch die Fähigkeit, jede sich bietende Gelegenheit rasch in ein Machtelement zu verwandeln. Entscheidend sind hier nicht allein die politischen Umstände, sondern die Fähigkeit, diese Umstände zu lesen und zu den eigenen Gunsten zu nutzen. Narzisstische Intelligenz ist in diesem Sinn die Fähigkeit, Schwächen zu erkennen, Lücken zu sehen und diese Lücken zur Erzeugung von Macht zu nutzen. Diese Intelligenz hat jedoch eine Grenze: Ihr Einsatz dient meist nicht dem Aufbau von Beziehung, sondern dem Aufbau von Herrschaft. Narzisstische Intelligenz kann deshalb beeindrucken, erzeugt aber keine echte Begegnung.
Hier kommt zudem eine Fehldeutung ins Spiel. Narzisstische Intelligenz und der durch sie erzeugte Erfolg werden häufig als Charisma wahrgenommen. Dass der Narzisst die Schwachpunkte anderer rasch erfasst, die Lage zu seinen Gunsten wendet und sich selbst kraftvoll präsentiert, erweckt von außen den Eindruck einer beeindruckenden Geschlossenheit. Diese Wirkung wird, besonders in der Wahrnehmung der Massen, als „charismatische Führung“ gelesen. Figuren wie Erdoğan oder Trump werden in diesem Zusammenhang von ihren Anhängern häufig als „charismatische Führer“ bezeichnet. Dabei sind hier Charisma und narzisstische Mechanik ineinander verschränkt. Diese Akteure haben gesellschaftliche Verletzlichkeiten, Wut, Angst und Erwartungen rasch erfasst und diese Gefühle zu ihren eigenen Gunsten organisiert. Diese Fähigkeit erscheint von außen wie Charisma. Diese Wirkung speist sich jedoch meist nicht aus der Fähigkeit, echte Beziehungen aufzubauen, sondern aus der Fähigkeit zu lenken, zu bündeln und zu beeinflussen. Anhänger nennen diesen Erfolg, diese sichtbare Macht und diese Wirkung Charisma. Denn das Ergebnis liegt offen zutage: Die Macht wächst, der Einfluss weitet sich aus. Was dabei jedoch übersehen wird, ist Folgendes: Charisma erzeugt Gegenseitigkeit und Vertrauen. Narzisstische Wirkung dagegen erzeugt Abhängigkeit und Bewunderung. Die von narzisstischer Intelligenz erzeugte Wirkung erscheint deshalb wie Charisma, steht aber nicht für dasselbe.
Narzisstische List…
Die Balkonreden, die die AKP nach Wahlen abhält, sind zu einer Art Ritual geworden. Auf den ersten Blick wirken diese Momente wie die Freude der Sieger. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass in diesen Szenen nicht immer reine Freude herrscht. Groll, Zorn und Feindseligkeit … Die Freude, die auf einen echten Gewinn folgt, ist meist von Gelassenheit, Ruhe und Selbstsicherheit geprägt. Wer gewonnen hat, ist sich dessen sicher und muss es nicht immer wieder demonstrieren. Und er kann dem Verlierer gegenüber Mitgefühl für dessen Enttäuschung zeigen. Bei manchen Siegesmomenten herrscht dagegen ein anderes Gefühl vor: Intensität, Überschwang und verdichteter Zorn. Es scheint, als müsse ein Gewinn weniger gefeiert als vielmehr immer wieder aufs Neue verkündet werden. Ein Zustand, in dem die Sieger sich ihren eigenen Sieg gleichsam selbst beweisen müssen … Der Triumph wird nicht bloß erlebt; er wird durch wiederholte Verkündung zu verinnerlichen versucht. Solche Zusammenkünfte sind deshalb nicht nur Ausdruck von Freude; sie erzeugen zugleich einen abgeschlossenen emotionalen Raum mit klaren Grenzen. Diese Grenzen werden durch eine ganz einfache Frage sichtbar: Könnte man mit Symbolen, die eine klare oppositionelle Haltung zeigen, in diese Menge hineingehen? Die Antwort ist nicht schwer zu erraten. Denn hier herrscht nicht nur ein Fest; hier herrscht zugleich eine Verdichtung, die das Andersartige ausschließt.
Um diese Situation zu verstehen, muss man die Machtverhältnisse betrachten. Erfolge, die in einem Umfeld entstehen, in dem die wirtschaftliche Macht deutlich in einer Hand konzentriert ist, die Medien weitgehend kontrolliert werden, Oppositionelle unter Druck gesetzt werden und sogar mit strafrechtlichen Sanktionen rechnen müssen, werden nicht als unter gleichen Bedingungen errungene Siege erlebt. In einem solch asymmetrischen Machtverhältnis zu gewinnen, vermittelt dem Subjekt kein vollständiges Gefühl von Sicherheit und Erleichterung. Denn es handelt sich nicht allein um das Ergebnis eines Wettbewerbs; von Anfang an besteht ein ungleicher Boden. Deshalb kann die siegreiche Seite, auch wenn sie nach außen hin stark erscheint, ihren Sieg nicht in vollem Umfang erleben. Der Sieg wird, anstatt innere Gewissheit zu erzeugen, zu einem Zustand, der nach außen immer wieder aufs Neue verkündet werden muss. Genau an diesem Punkt setzt die narzisstische Struktur ein. Jeder nicht authentische Erfolg hinterlässt im Inneren eine Leere. Diese Leere wird nicht mit Freude, sondern mit ständiger Zurschaustellung zu füllen versucht. Das Feiern geschieht nicht, um zu teilen, sondern um den Mangel bzw. den Betrug zu verdecken. Doch das Verdeckte verschwindet dadurch nicht. Im Gegenteil, mit jeder neuen Verkündung vertieft es sich weiter. Und so schließt sich der narzisstische Kreislauf erneut: Der Erfolg allein genügt meist nicht; ihm folgt das Bedürfnis nach Zurschaustellung. Die Zurschaustellung verschafft eine kurzfristige Befriedigung. Diese Befriedigung ist jedoch nicht von Dauer, da der innere Mangel nicht behoben wurde. Sobald dieser Mangel erneut spürbar wird, wendet sich die Person, die Masse, die Menge, wieder der Zurschaustellung zu. So wiederholt sich der Prozess: Der Erfolg wird durch Zurschaustellung untermauert, die Zurschaustellung erzeugt vorübergehende Befriedigung, sobald diese abklingt, tritt der innere Mangel wieder hervor, und dieser Mangel lässt erneut das Bedürfnis nach Zurschaustellung entstehen. Solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird, bleibt der Sieg unecht, und die Freude findet nie ihren Platz.
Ich befinde mich in einer Kindertherapie. Wir spielen ein Spiel. Das Kind gewinnt. Manchmal verlieren Therapeuten, Mütter oder Väter absichtlich, damit das Selbstvertrauen des Kindes wächst. Sie versuchen, sich ihre Niederlage nicht anmerken zu lassen. Eine pädagogische Niederlage … Doch solche Spiele bringen im Kern keinen echten Gewinn. Das Kind erzielt dabei keinen echten Erfolg. Was es beim Gewinnen im Backgammon meist erlangt, ist lediglich die Freude, sagen zu können: „Ich habe gewonnen.“ Die oberflächliche Freude des Siegens … Wahre Freude hingegen entsteht aus der Begegnung ebenbürtiger Kräfte. Der Mensch freut sich, wenn er einen ihm ebenbürtigen Gegner besiegt. Denn dieser Sieg enthält eine Bestätigung der eigenen Kraft.
In einem Spiel hingegen, in dem die Kräfte ungleich verteilt sind, bleibt die Freude aus. Wenn ein Erwachsener ein drei- oder vierjähriges Kind beim Laufen überholt, entsteht für den Sieger kein bedeutsamer Triumph; für den Verlierer ist es auch kein tiefer Verlust. Was Freude überhaupt möglich macht, ist die Tatsache, dass für beide Seiten eine reale Gewinnchance besteht. In der Therapie setzen wir das Spiel fort. Diesmal betrügt das Kind. Und besiegt mich. Doch ein durch Betrug errungener Sieg ist kein echter Sieg. Wer durch Betrug gewinnt, kann sich niemals mit innerer Gewissheit freuen. Denn er weiß nicht, ob er tatsächlich aus eigener Kraft hätte gewinnen können. Betrug ist daher nicht nur ein Mittel zum Sieg, sondern zugleich ein Zeichen von Unsicherheit. Da das Subjekt die Möglichkeit einer Niederlage nicht ertragen kann, will es unbedingt gewinnen. Doch dieser Zustand des „unbedingten Gewinnenmüssens“ entleert den Sieg seines Sinns. Genau hier tritt die narzisstische Struktur deutlich hervor. Narzissten gleichen Kindern, die betrogen haben. Sie können sich über ihre Erfolge nicht freuen, weil diese nicht authentisch sind. In der Beziehung findet keine echte Begegnung statt. Es ist, als versuchten sie ständig, etwas zu beweisen, ohne davon je wirklich überzeugt zu sein. Narzissmus gleicht dem Versuch, sich durch Kaugummikauen satt zu essen. Wie viel man auch kaut, der Hunger vergeht nicht. Im Gegenteil, jedes Kauen erzeugt ihn aufs Neue. Deshalb erzeugt narzisstischer Erfolg keine Sättigung. Er macht den Mangel nur unsichtbarer — und vertieft ihn zugleich. Denn jeder nicht authentische Erfolg hinterlässt im Inneren einen Mangel. Und dieser Mangel kehrt meist als Scham zurück. Anstatt sich dieser Scham zu stellen, will die Person sie verdecken — durch noch mehr Gewinnen, noch mehr Zurschaustellung, noch mehr Beweise … Doch jeder neue Sieg macht den vorangegangenen ungültig. Solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird, ist weder der Sieg echt noch die Freude.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
