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Schriften über Narzissmus, Teil 8

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Schriften über Narzissmus, Teil 8

RastinewsDie Kommerzialisierung von Gefühlen und Identität

In ihrer Studie Das gekaufte Herz (2006) zeigt Arlie Russell Hochschild, dass Flugbegleiterinnen in der Luftfahrtbranche nicht nur technisch, sondern auch emotional geschult werden. Lächeln, Wärme ausstrahlen, Aufmerksamkeit zeigen – also dem Kunden ein gutes Gefühl vermitteln – gehört zum Beruf. Freundlichkeit, Höflichkeit und Herzlichkeit werden dabei zur Ware. Gefühle sind keine innere Erfahrung mehr, sondern etwas, das sich verkaufen, erlernen und steuern lässt.

Diese Linie führt Diether Duhm, der aus dem geistigen Umfeld der deutschen 68er-Bewegung stammt, in seiner Studie Angst im Kapitalismus (2009) weiter fort. In der kapitalistischen Gesellschaft sind nicht nur Gefühle, sondern zahlreiche menschliche Eigenschaften käuflich geworden. Für den Narzissmus ist das von zentraler Bedeutung: Der Einzelne muss Eigenschaften, die er nicht besitzt, nicht mehr entwickeln, sondern kann sie sich stellvertretend aneignen.

Ein Sportwagen verleiht seinem Besitzer eine starke, dynamische Identität. Ein Parfüm, dem Attraktivität versprochen wird, erzeugt das Gefühl, begehrenswert zu sein. Ein eleganter Lebensstil steht für Erfolg und Selbstwert. Diese Objekte werden nicht nur konsumiert, sondern dienen der Herstellung von Identität. So entsteht das Selbst nicht von innen heraus, sondern aus von außen erworbenen Teilen. Genau hier setzt die narzisstische „Politur“ an: Der Mangel wird nicht beseitigt, sondern nur überglänzt. Statt seine innere Leere zu verwandeln, versucht der Einzelne, sie mit Statussymbolen unsichtbar zu machen. Doch diese Politur hält nicht lange an, denn keine gekaufte Eigenschaft findet in der Tiefe des Selbst eine echte Entsprechung. Jede neue Anschaffung erzeugt daher nur kurzfristige Befriedigung, bevor der Mangel erneut spürbar wird. So beginnt der moderne Mensch, nicht nur Objekte, sondern auch sich selbst zu konsumieren.

Sich in das eigene Geschöpf verlieben: Die Schöpfungsfantasie des modernen Subjekts

In den Nachrichten liest man mitunter: Ein Regisseur heiratet seine junge Schauspielerin. Ein Universitätsprofessor verliebt sich in seine Studentin. Der Mensch verliebt sich also in jene, die er selbst geformt und angeleitet hat. Bisweilen begegnet man noch extremeren Formen davon: das liebste Bild eines Malers, der Lieblingsfilm eines Regisseurs, das liebste Gedicht eines Dichters … Wie es in einem Lied heißt: „Du hast mich erschaffen, das Schöne in mir…“

Der Mythos von Pygmalion ist eine der eindrücklichsten Erzählungen davon, dass der Mensch sich in sein eigenes Geschöpf verliebt. Von realen Frauen enttäuscht, gibt Pygmalion sein Verlangen nicht auf, sondern verlagert es in den Bereich der Schöpfung: Er fertigt die Statue einer Frau. Diese Statue ist nicht das Werk der Natur oder eines Gottes, sondern seiner eigenen Hand. Ihre Vollkommenheit ist nicht gegeben, sondern hergestellt. Am Ende verliebt sich Pygmalion in sein eigenes Werk. Hier tritt die Verbindung zwischen Schöpfung und Kontrolle deutlich hervor: Erschaffen bedeutet nicht nur Herstellen, sondern zugleich vollständige Herrschaft über das Geschaffene. Pygmalions Statue ist kein autonomes Wesen, sondern die Gestalt gewordene Form seines eigenen Begehrens. Geliebt wird also eigentlich nicht das Andere, sondern die vom Subjekt selbst errichtete und kontrollierte Welt. An die Stelle der unkontrollierbaren realen Frau tritt die Hinwendung zu einem kontrollierbaren Objekt. So wird die Schöpfung zu einer der reinsten Formen narzisstischer Investition: Das Subjekt erschafft sein eigenes Ideal und verliebt sich in es. Erschaffen bedeutet hier zugleich Kontrollieren. Geliebt wird nicht das Andere, sondern das vom Subjekt selbst errichtete und beherrschte Ideal.

Dieser Mythos ist zur Metapher für das Verhältnis des modernen Subjekts zu seinem eigenen Körper und seiner Existenz geworden. Der heutige Mensch lebt nicht mehr nur in einem gegebenen Körper; durch ästhetische Eingriffe, hormonelle Behandlungen und biotechnologische Möglichkeiten kann er ihn verändern und neu formen. Damit ist das Subjekt nicht mehr nur Produkt der Natur, sondern auch Produkt seines eigenen Eingriffs. Der moderne Mensch wird zunehmend zu seinem eigenen Pygmalion: Er erzeugt sein eigenes Bild und identifiziert sich anschließend mit diesem Bild. Geliebt wird nicht mehr nur das gegebene Selbst, sondern das geschaffene Selbst. Das Subjekt ist zugleich Bildhauer und Statue, Schöpfer und Geschöpf.

Dieser Wandel verändert auch die Struktur der Beziehung zum Anderen. Der Andere ist stets unvorhersehbar, unabhängig und widerständig, während das vom Subjekt geschaffene Bild kontrollierbar bleibt: Es verlässt nicht, widerspricht nicht, weist nicht zurück. Damit verschiebt sich die Richtung der Liebe – vom Anderen zum eigenen Selbst, allerdings nicht zum natürlichen, sondern zum geschaffenen Selbst. Der Mensch verliebt sich nun nicht mehr nur in einen anderen, sondern auch in sein selbst geschaffenes Ich. So fallen zum ersten Mal Liebender und Geliebtes in ein und demselben Wesen zusammen.

Am deutlichsten zeigt sich diese Schöpfungsfantasie im Bereich der Fortpflanzung. Ein Kind war nie ein rein biologisches Ereignis, sondern stets Ausdruck der eigenen Kontinuität des Subjekts. Fortpflanzung trug daher immer schon eine narzisstische Bedeutung. Mit den modernen Reproduktionstechnologien hat sich die Struktur der Schöpfung jedoch grundlegend verändert. Das Kind ist nun nicht mehr nur das Ergebnis der Begegnung zweier Körper, sondern auch Produkt technischer Eingriffe. Fortpflanzung wird vom erwarteten Ereignis zu einem geplanten, organisierten Prozess. Die Schöpfung verlagert sich aus dem Bereich der Natur in den Bereich der Technik.

Diese Verlagerung verändert auch das Verhältnis des Subjekts zur eigenen Existenz. Gegenüber der Natur ist das Subjekt begrenzt, die Technik hingegen eröffnet die Möglichkeit des Eingriffs. So erlebt sich das moderne Subjekt nicht mehr nur als Teil des Lebens, sondern als dessen Regulierer. Diese Erfahrung aktiviert die ursprünglichsten Schichten der narzisstischen Struktur und vermittelt dem Subjekt ein Gefühl von Allmacht – die Illusion, Kontrolle über das Leben zu besitzen. Diese Allmacht ist jedoch brüchig: Technische Eingriffe führen nicht immer zum Erfolg. Im Fall des Scheiterns sieht sich das Subjekt nicht nur mit den Grenzen der Natur, sondern auch mit der eigenen narzisstischen Verletzlichkeit konfrontiert.

In diesem Prozess verändert sich auch die Bedeutung des Körpers. Er ist nicht mehr nur ein gelebtes Wesen, sondern wird zu einem vermessenen und verwalteten System. Hormonwerte, biologische Reserven und technische Messungen entziehen den Körper dem Bereich subjektiven Erlebens und machen ihn zum Objekt des Eingriffs. Das Subjekt betrachtet seinen eigenen Körper nun nicht mehr von innen, sondern von außen. So zeigt sich das zentrale Paradox des modernen Narzissmus: Je mehr das Subjekt versucht, seinen Körper zu kontrollieren, desto mehr entfremdet es sich von ihm.

Die Tragödie des modernen Narzissmus besteht deshalb nicht darin, dass das Subjekt sich selbst zu sehr liebt, sondern darin, dass es sich nicht mehr von innen heraus spüren kann. Der technische Eingriff vermittelt die Illusion, sich der Schöpfungsmacht anzunähern, doch diese Macht ist niemals absolut. Das Subjekt kann erschaffen, verändern, eingreifen – aber es kann seine eigene Endlichkeit nicht aufheben. Der Mensch ist kein Gott; die Tragödie des modernen Subjekts liegt nicht darin, Gott zu sein, sondern darin, zu glauben, er könne es werden.

Die Heilung des Narzissmus beginnt daher nicht in der Schöpfungsmacht, sondern an dem Punkt, an dem das Subjekt seine innere Kontinuität wiederherstellen kann. Echte narzisstische Integrität entsteht nicht aus technischem Eingriff, sondern aus der Fähigkeit, die eigene Existenz von innen heraus zu tragen. Die tiefste Schöpfung des Menschen besteht nicht darin, etwas herzustellen, sondern darin, die eigene Existenz trotz aller Verletzlichkeit von innen heraus zu tragen. Und vielleicht ist die grundlegendste Freiheit die, dem eigenen inneren Sein treu zu bleiben – nicht dem selbst geschaffenen Bild.

Narzissmus und Zeit: Der Bruch der Kontinuität

Narzissmus ist nicht nur eine Beziehung des Subjekts zu sich selbst, sondern auch die Grundlage seines Verhältnisses zur Zeit. Denn Narzissmus ist die Fähigkeit, sich selbst als zeitliche Kontinuität zu erleben. Der Mensch existiert nicht nur im gegenwärtigen Augenblick; er ist zugleich Träger seiner Vergangenheit und Erwartung seiner Zukunft. Das Selbstgefühl gründet darauf, diese Kontinuität von innen heraus zu spüren. Narzisstische Integrität ist deshalb nicht nur eine körperliche, sondern auch eine zeitliche Ganzheit. Das Subjekt bleibt sich selbst nur insoweit gleich, als es sich als ein in der Zeit fortbestehendes Wesen erfahren kann.

Doch gerade die narzisstische Verletzung unterbricht diese Kontinuität. Die Erfahrung der Infertilität ist eine der intensivsten Formen dieser Unterbrechung. Denn hier zerbricht nicht nur der Körper, sondern auch die Zeit. Das Subjekt sieht sich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass sich seine eigene Existenz nicht in die Zukunft fortsetzen kann. Das ist nicht bloß ein Verlust, sondern eine existenzielle Bedrohung, die sich gegen die eigene Kontinuität des Subjekts richtet. Das Kind ist nicht nur ein anderer Mensch, sondern eine zeitliche Verlängerung des Subjekts – sein Echo in der Zukunft. Deshalb erschüttert Infertilität nicht nur das Vertrauen des Subjekts in seinen Körper, sondern auch in seine eigene zeitliche Existenz. Der Körper ist dann keine Garantie der Kontinuität mehr; er hört auf, ein Mittel zu sein, das das Subjekt in die Zukunft trägt, und wird zu einer Realität, die ihre eigenen Grenzen aufzwingt. So sieht sich das Subjekt gezwungen, sich seiner eigenen Endlichkeit zu stellen.

Der moderne technische Eingriff verspricht, diesen Bruch zu heilen. Reproduktionstechnologien bieten die Möglichkeit, die Grenzen der Natur zu überschreiten. Doch dieser Eingriff kann zugleich das Vertrauen in die körperliche Zulänglichkeit schwächen. Denn der technische Eingriff impliziert stillschweigend, dass der Körper aus sich selbst heraus nicht genügt. So hört das Subjekt auf, ein Wesen zu sein, das seinen Körper von innen her lebt, und wird zu einem Subjekt, das seinen Körper von außen steuert. Der Körper ist dann nicht mehr das Zuhause des Subjekts, sondern ein Objekt, das verwaltet werden muss. Hier zeigt sich das Grundparadox des modernen Narzissmus: Je mehr das Subjekt versucht, seinen eigenen Körper zu kontrollieren, desto mehr entfremdet es sich von ihm.

Diese Entfremdung wirkt sich auch auf das Verhältnis des Subjekts zur eigenen Stimme aus. Denn die Stimme ist nicht nur eine biologische Funktion, sondern die Art und Weise, wie das Subjekt seine eigene Existenz von innen erfährt. Der Mensch spürt sich selbst in dem Maße, in dem er seine eigene Stimme hört. Die Stimme ist das innere Echo der Existenz des Subjekts. Doch in der modernen Kultur beginnt das Subjekt zunehmend, seine eigene Stimme im Außen zu suchen. Der Blick, die Reaktion und die Zustimmung der anderen treten an die Stelle der eigenen Erfahrung der eigenen Existenz. So wird das Selbstgefühl abhängig von äußerer Bestätigung. Sichtbar zu sein wird als Bedingung des Daseins erlebt.

Doch Sichtbarkeit und Existenz sind nicht dasselbe. Das Subjekt kann im Blick der anderen sichtbar sein und dennoch seine eigene Existenz nicht von innen fühlen. Deshalb liegt die Grundtragik des modernen Narzissmus in der Kluft zwischen Sichtbarkeit und Existenz. Je sichtbarer das moderne Subjekt wird, desto weniger spürt es seine eigene Existenz von innen.

Narzisstische Ganzheit entsteht aus dem Verhältnis des Subjekts zu seiner eigenen inneren Kontinuität. Dieses Verhältnis setzt voraus, dass das Subjekt seine eigenen Grenzen anerkennt. Die moderne Kultur hingegen bietet dem Subjekt die Illusion der Grenzenlosigkeit. Doch diese Illusion beseitigt die narzisstische Verletzlichkeit nicht; im Gegenteil, sie erzeugt beim Zusammentreffen mit Grenzen einen noch tieferen Zusammenbruch. Deshalb beginnt die Heilung des Narzissmus an dem Punkt, an dem das Subjekt seine eigene Begrenztheit anerkennt. Diese Anerkennung ist keine Kapitulation, sondern eine Verwandlung. Denn der Mensch kann innerhalb seiner eigenen Begrenztheit seine eigene Kontinuität neu begründen.

Freiheit bedeutet nicht, grenzenlos zu sein. Freiheit ist die Fähigkeit eines begrenzten Wesens, seine eigene Existenz in der Zeit fortzuführen.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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