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Die Wahrheit zudecken

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Die Wahrheit zudecken

RastinewsIch steige mit dem Handy in der Hand in die U-Bahn. Ich schaue mich nicht um; ich halte mich an meinem Handy fest. Wie ein Kind, das sich an der Hand seiner Mutter festhält. Dabei kann das Kind eigentlich schon laufen; doch ohne die Hand der Mutter schwindet sein Selbstvertrauen. Diese Hand ist nicht nur eine körperliche Stütze, sondern ein Objekt des Vertrauens gegenüber der Welt. Das Kind fürchtet sich nicht davor, hinzufallen, wenn es die Hand der Mutter loslässt, sondern davor, allein zu bleiben. Auch ich lasse mein Handy nicht los. Denn das Handy ist in diesem Moment nicht bloß ein Gerät; es ist wie ein Objekt, an dem ich mich festhalte, mit dem ich mich sicher fühle, mit dem ich die Einsamkeit aufschiebe. Wie das Übergangsobjekt, von dem Winnicott spricht … Das Kind wählt sich ein Objekt, das die Abwesenheit der Mutter erträglich macht und an ihre Stelle tritt: ein Spielzeug, eine Decke, ein Stück Stoff. Dieses Objekt nimmt gewissermaßen den Platz der Mutter ein. Indem das Kind es bei sich trägt, verleugnet es die Trennung von der Mutter in gewissem Maße. Als wäre ein Teil der Mutter noch bei ihm, selbst wenn sie nicht da ist.

Auch das Handy kann sich mit der Zeit in ein solches Übergangsobjekt verwandeln. Wie meine Mutter, wie mein Spielzeug – ein Halt, von dem ich mich nicht lösen kann … Wenn ich mich daran klammere, schiebe ich sowohl die Begegnung mit mir selbst als auch die unmittelbare Begegnung mit der Welt auf. Das Handy ist nicht nur ein Mittel, mit dem ich Verbindung zur Außenwelt herstelle; manchmal ist es ein Zufluchtsort, an dem ich sowohl vor der Außenwelt als auch vor meiner eigenen inneren Welt fliehe. Um es unverblümt zu sagen: Sich selbst zu ertragen, mit sich selbst allein zu sein, kann sich mitunter wie eine Katastrophe anfühlen. Die meisten Menschen halten Langeweile, das Nichts-tun-Können oder das Nichts-tun-Wollen für eine Depression. Dabei ist Langeweile nicht immer Leere; manchmal ist sie die Schwelle, an der der Mensch dem Konflikt in seinem Inneren begegnet. Auch das Festhalten am Handy wird mit der Zeit zu mehr als bloßer Nutzung; es verwandelt sich in ein Sich-Verstecken im Handy. Während der Mensch versucht, dieser Art von Depression zu entkommen, flieht er in Wahrheit meist vor sich selbst. Denn Langeweile ist mitunter eine Flucht vor einem inneren Konflikt. Wenn ein Mensch derart vor sich selbst flieht, ist es vielleicht das Ungeheuer in seinem Inneren, vor dem er flieht.

Einer der Gründe, warum der innere Konflikt des Menschen derart beängstigend ist, liegt darin: Während die beiden Seiten in uns miteinander kämpfen, streiten, wetteifern und versuchen, sich gegenseitig zu bezwingen, steht keine dritte Instanz mehr bereit, die zwischen ihnen vermitteln könnte. Diese dritte Instanz ist eine innere Position, die beobachtet, Abstand halten, schlichten und beiden Seiten Gehör schenken kann. Fällt diese Position jedoch weg, bleiben im Inneren des Menschen nur zwei einander feindlich gesinnte Pole zurück. Der Konflikt hört damit auf, ein innerer Dialog zu sein, und wird zu einem inneren Krieg. Weil die Aussicht auf Versöhnung schwindet, kann der Mensch nicht mit sich allein sein; denn statt sich selbst zu begegnen, ist er dem Lärm zweier Stimmen ausgesetzt, die einander zu vernichten suchen. Deshalb ist das Handy manchmal mehr als nur ein Mittel der Ablenkung; es wird zu einem Objekt, in das man sich flüchtet, um diesen inneren Krieg nicht zu hören. Das Licht des Bildschirms verdrängt die Dunkelheit der inneren Welt. Benachrichtigungen übertönen den Ruf, der aus dem eigenen Inneren kommt. Je mehr der Mensch wischt, schaut und ansieht, desto mehr vervielfacht er nicht sich selbst, sondern die Wege, sich von sich selbst zu entfernen. In diesem Sinn ist der Tod der dritten Instanz in unserem Inneren nicht bloß ein Verlust des Gleichgewichts, sondern eine seelische Katastrophe. Denn um sich mit der eigenen inneren Welt auseinandersetzen zu können, braucht der Mensch neben den miteinander streitenden Seiten eine dritte Position – eine, die schauen, denken, unterscheiden und Verbindungen herstellen kann. Geht diese Position verloren, wird der Mensch zum Gefangenen der Polarisierung in seinem eigenen Inneren. Vielleicht klammert sich der Mensch nicht nur deshalb so sehr an sein Handy, weil er fürchtet, allein zu bleiben, sondern weil er fürchtet, einem Krieg zu begegnen, der seinen Schlichter verloren hat.

Tatsächlich ereignet sich der Tod der dritten Instanz nicht nur in unserer inneren Welt; er hängt eng mit der Polarisierung in der Außenwelt zusammen. Je mehr die Menschen draußen beginnen, einander als verfeindete Lager zu betrachten, desto mehr schwächt sich auch die vermittelnde Position im Inneren ab. Wenn im gesellschaftlichen Leben jene dritte Position verschwindet, die schlichten, Unrecht erkennen, Leid bezeugen und gedanklichen Abstand zwischen zwei Seiten herstellen würde, sickert dieser Verlust auch in die innere Welt des Menschen. Die Polarisierung draußen nährt die Polarisierung drinnen; der Tod der dritten Instanz im Inneren wiederum reproduziert das Schweigen, die Blindheit und die Gleichgültigkeit draußen.

Was ich mit dem Tod der dritten Instanz in der Außenwelt meine, ist auch dies: Während Menschen heute zahllosem Unrecht, Gewalt, Armut, Demütigung und Ausgrenzung ausgesetzt sind, unternehmen breite Bevölkerungsschichten besondere Anstrengungen, all das nicht zu sehen. Sie fliehen vor der Last des Bezeugens, indem sie sich amüsieren, konsumieren, durch soziale Medien scrollen und sich in einem endlosen Feed verlieren. Das ist nicht nur ein Sich-tot-Stellen; mitunter ist es ein Verhalten, als wäre man wirklich tot. Denn bei jemandem, der sich tot stellt, gibt es noch ein Lebenszeichen, noch die Möglichkeit des Erwachens. Beängstigender ist hier jedoch, dass die dritte Instanz, die bezeugen, widersprechen, eingreifen und sagen müsste „hier geschieht Unrecht“, so schweigt, als wäre sie wirklich tot.

Dieser gesellschaftliche Mechanismus wird mit der Zeit verinnerlicht. Je mehr der Mensch draußen lernt, angesichts von Unrecht zu schweigen, wegzusehen, wegzuhören und sich in seine eigene Komfortzone zurückzuziehen, desto mehr setzt sich ein ähnliches Schweigen auch im Inneren durch. Auch die schlichtende Position, die die inneren Konflikte bezeugen, ihnen einen Sinn geben und verhindern würde, dass eine Seite die andere vernichtet, verstummt. So bleiben im Inneren des Menschen nicht nur zwei verfeindete Seiten zurück; zugleich schließt sich das dritte Auge, das sie sehen könnte. In uns gibt es nun keine dritte Instanz mehr, die sich tot stellt, sondern eine, die tot ist.

Wenn es in einem Land derart viel Ungerechtigkeit, Unrecht und Willkür gibt, ist es unausweichlich, dass all das bei breiten Bevölkerungsschichten großen Zorn erzeugt. Entscheidend ist jedoch, wohin sich dieser Zorn richtet. Meist richtet sich der Zorn nicht gegen seine eigentliche Adresse, sondern breitet sich horizontal aus. Das heißt, die Menschen richten ihren Zorn nicht gegen die Strukturen, die Willkür, Ungerechtigkeit, Armut oder Unterdrückung hervorbringen, sondern gegeneinander. Die Streitigkeiten, die in der Nachbarschaft, im Straßenverkehr, im Sammeltaxi, in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, im Wohnhaus oder in der Familie ausbrechen, sind zum Teil Schauplätze eben dieses verschobenen Zorns. So wird aus dem vertikalen ein horizontaler Konflikt. Der Zorn, der sich nach oben richten müsste – gegen die Macht, die Institution, das System, den Mechanismus, der Ungerechtigkeit erzeugt –, richtet sich stattdessen zur Seite: gegen den Nachbarn, den Arbeitskollegen, den Mitreisenden, die Kassiererin, Freunde und Bekannte. Dieser horizontale Konflikt mag im Moment sehr gefährlich, sehr laut und sehr zerstörerisch erscheinen; zugleich ist er aber auch ein bequemer Weg für die Massen, sich selbst zu schützen. Denn sich gegen die eigentliche Quelle zu richten, ist riskant; es verlangt Mut, Organisation und Konfrontation. Den Zorn horizontal abzuladen, ist hingegen einfacher. So kann der Mensch seinen Zorn ausleben, ohne sich der wahren Adresse seines Zorns stellen zu müssen. Deshalb können Menschen, die es hinnehmen, dass Unschuldige inhaftiert, ins Exil geschickt, ihrer Arbeit beraubt, verarmt oder gedemütigt werden, am selben Tag im Sammeltaxi, in der U-Bahn, im Straßenverkehr oder in der Warteschlange weiter miteinander streiten. Wer angesichts großen Unrechts schweigt, kann sich in kleinen Begegnungen in einen Gerechtigkeitskämpfer verwandeln. Er rechnet mit dem Mitreisenden in der U-Bahn ab, mit dem Nachbarn im Wohnhaus, mit einem anderen Autofahrer im Verkehr, mit dem Arbeitskollegen am Arbeitsplatz. Doch diese Abrechnung ist meist keine Suche nach Gerechtigkeit, sondern die Entladung eines verschobenen Zorns. Zorn ist Orgasmus…

Wenn sich der Mensch nicht um eine umfassendere, weitreichendere Gerechtigkeit sorgt, beginnt er, Gerechtigkeit in kleinen Szenen zu suchen. Er sucht sie in einem Blick, einem Anrempeln, einem Streit ums Anstellen, einem Tonfall, einem Kampf um einen Sitzplatz. Denn sich der großen Ungerechtigkeit zu stellen, ist schwer; es ruft den Menschen zur Verantwortung. Mit kleinen Ungerechtigkeiten zu streiten, verschafft ihm hingegen ein kurzfristiges Gefühl von Macht. So kursiert in der Gesellschaft kein echter Widerspruch gegen Unrecht, sondern ein zerstreuter, gegeneinander gerichteter Zorn. Das macht den Tod der dritten Instanz noch sichtbarer. Denn wäre die dritte Instanz noch lebendig, könnte sie die wahre Adresse des Zorns aufzeigen und sagen: „Dieser Streit gilt nicht deinem Nachbarn, sondern dem System, das dich in diese Lage gebracht hat.“ Ist die dritte Instanz jedoch tot, kann der Mensch seinen Zorn nicht trennen, nicht lenken, ihm keinen Sinn geben. Dann wird jeder zum Feind jedes anderen. Wie im Inneren gibt es auch draußen keinen Schlichter mehr; es gibt nur noch Seiten, die einander angreifen.

Deshalb sind das Telefon, soziale Medien oder die permanente Beschäftigung nicht nur individuelle Fluchtmittel; sie sind zugleich die seelischen Mechanismen der Epoche. Der Mensch blickt auf den Bildschirm, um die Ungerechtigkeiten draußen nicht zu sehen; und er flüchtet sich in denselben Bildschirm, um den Krieg im Inneren nicht zu hören. So ergänzen sich der tote Dritte der Außenwelt und der tote Dritte der Innenwelt gegenseitig. Der Tod des Zeugnisses in der Gesellschaft hallt als der Tod des Denkens im Inneren des Einzelnen wider. Der Mensch flieht nicht nur vor der Welt; er flieht auch vor dem Zeugen in sich selbst, vor dem Richter in sich selbst, vor der lebendigen dritten Position in seinem Inneren.

Der Mensch strengt sich manchmal intensiv an, um die Umgebung, die Welt, die Menschen nicht anzuschauen. Ich blicke auf den Bildschirm, um die Gesichter mir gegenüber in der U-Bahn, die am Fenster vorbeiziehende Stadt, die Stille neben mir, die in mir aufsteigenden Gefühle nicht anzusehen. Wenn die Welt zu real, zu überfüllt, zu fordernd wird, bietet das Telefon eine kleine und beherrschbare Welt. Ich wähle selbst, worauf ich auf diesem Bildschirm blicke; ich entscheide selbst, wen ich sehe, wie lange ich bleibe, wann ich aussteige. Die wirkliche Welt aber ist nicht so. Die wirkliche Welt kommt mit Blicken, Zufällen, Unbehagen, Leere und Ungewissheit.

Auf das Telefon blicken, um die Welt nicht anzuschauen, nicht zu sehen… Wenn dann auch das Telefon langweilig wird, diesmal nach innen blicken… Meditation, Yoga, die Geschichte vom Positiv-Sein… Dass sich Menschen in den letzten Jahren verstärkt ihrer Innenwelt zuwenden, versuchen, sich selbst zu verstehen, und ihrem seelischen Leben mehr Bedeutung beimessen, wirkt auf den ersten Blick wie eine positive Entwicklung. Tatsächlich ist es ein wertvoller Gewinn, wenn der Mensch mit sich selbst allein sein, seine Gefühle erkennen und seine inneren Konflikte wahrnehmen kann. Doch diese Tendenz kann sich mit der Zeit auch in ein anderes Extrem verkehren. Die Innenwelt wird derart überhöht, dass die Beziehung des Menschen zur Außenwelt, zu den gesellschaftlichen Bedingungen und zu den Problemen des gemeinsamen Lebens in den Hintergrund gedrängt wird. Was ich hier mit dem Blick nach innen meine, ist nicht, dass der Mensch die Konflikte in seinem Inneren sieht, versucht, diese Konflikte zu verstehen, oder sich selbst aus der Position eines dritten Auges beobachten kann. Ganz im Gegenteil ist das, was meist unter dem Namen des Nach-innen-Blickens getan wird, das Bemühen, die Konflikte in der Innenwelt zum Schweigen zu bringen, den Lärm zu unterdrücken und einen ruhigen, glatten Innenraum zu schaffen. Wenn sich der Mensch auf eine meditative Reise begibt, will er manchmal, statt alle Stimmen in seiner Innenwelt zu hören, sie zum Verstummen bringen; statt alle sehenden Augen zu öffnen, will er sie verbinden. So kann der Blick nach innen weniger zu einem wirklichen Sehen als vielmehr zu einem Weg werden, das Nicht-Sehen auf raffiniertere Weise fortzusetzen.

In diesem Sinne ist die Hinwendung zur Innenwelt nicht immer ein Sich-Stellen. Manchmal ist sie im Gegenteil die ästhetischere, akzeptablere, „spirituellere" erscheinende Form der Flucht vor dem Konflikt. Der Mensch blickt auf das Telefon, um die Ungerechtigkeit in der Außenwelt nicht anzuschauen; wird er des Telefons überdrüssig, wendet er sich seinem eigenen Inneren zu. Doch auch diese Wendung ist nicht immer eine Wendung zur Wahrheit. Manchmal verwandelt sich auch die Innenwelt, ganz wie der Bildschirm, in einen Fluchtraum. Man flüchtet sich in den Bildschirm, um den Konflikt draußen nicht zu sehen, und in den Diskurs der Ruhe, um den Konflikt drinnen nicht zu hören. Der wirkliche Blick nach innen aber besteht nicht darin, die Innenwelt zu bügeln, sie glattzustreichen, alle Falten zu beseitigen. Der wirkliche Blick nach innen besteht darin, dass der Mensch den Konflikt, den Widerspruch, den Zorn, die Angst, die Scham, die Eifersucht, die Aggression und die Hilflosigkeit in sich selbst anschauen kann. Noch wichtiger ist es, diese inneren Erfahrungen nicht als von der Außenwelt abgekoppelte, rein individuelle Angelegenheiten zu sehen, sondern als Teil der Bindungen, die wir zur Welt, zur Gesellschaft, zu Beziehungen und zum gemeinsamen Leben aufbauen.

Der wirkliche Blick nach innen, von dem hier die Rede ist, bedeutet also, eine Tiefe zu berühren, diese Tiefe zu erleben und durch diese Tiefe die Außenwelt besser sehen zu können. Der wirkliche Blick nach innen besteht darin, dass der Mensch Korridore zwischen seiner Innenwelt und der Außenwelt öffnen kann; dass er Verbindungen zwischen dem, was drinnen geschieht, und dem, was draußen erlebt wird, herstellen kann. Wenn der Mensch seine eigene Angst, seinen Zorn, seine Scham, seine Hilflosigkeit oder seine Unruhe nicht nur als persönliche Angelegenheit, sondern zugleich als Teil seiner Beziehung zur Welt sehen kann, vertieft sich die Innenwelt wirklich. Heute jedoch flüchtet die Hinwendung nach innen meist vor diesem schwierigen Blick. Das Ziel der Innenwelt ist nicht mehr, die Wahrheit zu sehen, sondern eine harmonische und ruhige Kulisse zu schaffen. Statt den Streit in sich selbst zu verstehen, versucht der Mensch, ihn zum Schweigen zu bringen, seine Innenwelt in eine Art Dekoration zu verwandeln. Die Hinwendung zur Innenwelt dient hier nicht der Vertiefung, sondern im Gegenteil der Abstumpfung der Innenwelt. Der Mensch wendet sich nicht nach innen, um die Konflikte in sich zu verstehen, sondern um sie zum Schweigen zu bringen. Statt Licht in die dunklen Kammern seines Inneren zu bringen, löscht er alle Lichter und nennt das Ruhe. So wird auch die Innenwelt entpolitisiert. So wie die Konflikte der Außenwelt unsichtbar gemacht werden, werden auch die Konflikte der Innenwelt auf dieselbe Weise beruhigt. Der Mensch findet neue Wege, um weder die Ungerechtigkeit draußen noch die Unruhe drinnen zu sehen. Während der Bildschirm des Telefons die Außenwelt zudeckt, deckt eine vorgetäuschte Suche nach innerem Frieden die Innenwelt zu. Am Ende sieht der Mensch weder das Draußen noch das Drinnen wirklich. Er blickt nur; aber er sieht nicht. In diesem Zustand hört die Innenwelt auf, ein lebendiger Raum zu sein, der uns die Außenwelt besser begreifen lässt; sie verwandelt sich in einen betäubten, geglätteten, konfliktfrei gemachten Ort. Der Mensch stellt keine Verbindung mehr zwischen seiner Innenwelt und der Außenwelt her; im Gegenteil, er nutzt seine Innenwelt, um vor der Außenwelt zu fliehen. Sich nach innen zurückzuziehen wird nicht zum Weg, das Draußen tiefer zu verstehen, sondern zum sicheren Vorwand, sich von draußen und von der Wahrheit im Inneren zu entfernen.

So flieht der Mensch entweder vor der Außenwelt, indem er auf den Bildschirm blickt, oder er setzt die Last der Außenwelt aus, indem er sich in seine Innenwelt zurückzieht. Dabei geht es nicht nur darum, sich nach innen zu wenden oder nach außen zu blicken; es geht darum, dass der Mensch mit beidem in Kontakt treten kann. Das Telefon verwandelt sich manchmal in ein Zwischenobjekt, das diesen Kontakt unterbricht, sich dazwischenschiebt, das uns sowohl vor der Welt als auch vor uns selbst schützt. Es schützt; aber es trennt zugleich. Es beruhigt; aber es macht zugleich einsam. Es gibt Halt; kann aber auch das Wachsen, das Sich-Lösen, das Alleine-Stehen-Können verzögern.

Vielleicht ist es deshalb nicht nur Gewohnheit oder Sucht, dass ich das Telefon nicht aus der Hand legen kann. Tiefer liegt darin die Unfähigkeit, die unvermittelte Begegnung mit der Welt und mit mir selbst zu ertragen. Wie ein Kind, das die Hand seiner Mutter nicht loslassen kann, kann auch der Mensch manchmal sein Telefon nicht loslassen. Denn dieser kleine Bildschirm verdeckt für eine Weile die Angst davor, allein zu sein, zu schauen, gesehen zu werden und sich der Welt zu öffnen.

Eine der grundlegendsten Theorien der Psychoanalyse ist die Konflikttheorie. Nach psychoanalytischem Denken besteht die menschliche Psyche nicht allein aus dem Streben nach Ruhe, Harmonie und Gleichgewicht; sie ist vielmehr ein konfliktreiches Feld, das sich aus verdrängten Wünschen, Verboten, Schuld, Scham, Zorn, Eifersucht, Neid und Verlusterfahrungen konstituiert. Deshalb bedeutet die Hinwendung zur Innenwelt nicht nur, ruhig zu werden oder sich gut zu fühlen; sie bedeutet, dass der Mensch seinen eigenen Konflikten begegnet. Heute jedoch wird die Hinwendung zur Innenwelt meist als ein von Konflikt gereinigtes Ruheideal präsentiert. Statt sich den symbolischen Objekten, Objektrepräsentanzen, Verlusten, dem Zorn und den Wünschen in seiner Innenwelt zu stellen, wird der Mensch dazu aufgefordert, sich auch von ihnen fernzuhalten. Es wird geradezu idealisiert, als sei „sich nicht die Finger schmutzig machen", sich mit nichts einzulassen, ein konfliktfreies und glattes Leben zu führen ein Zeichen seelischer Reife.

Auch die so starke Betonung meditativer Methoden, des Yoga und der positiven Psychologie ist Teil dieser Tendenz. Dem Menschen wird ein Glaube verkauft, als könne er, wenn er sich nur hinreichend seiner Innenwelt zuwendet, sich auf seinen Atem konzentriert, seine Ruhe bewahrt und positiv denkt, mit den schweren Realitäten der Außenwelt wie Hunger, Armut, Umweltverschmutzung, Krieg, Ausbeutung und Ungerechtigkeit fertigwerden. So werden gesellschaftliche und politische Probleme auf die Frage des inneren Gleichgewichts des Einzelnen reduziert. In diesem Verständnis besteht die Aufgabe des Menschen nicht darin, die Welt zu verändern, sondern widerstandsfähiger gegen die Schläge zu werden, die er von der Welt erhält. Ruhe verwandelt sich beinahe in eine Anpassungstechnik. Die schmerzverursachenden Bedingungen werden nicht beseitigt; erwartet wird lediglich, dass der Einzelne diesen Bedingungen gegenüber ruhiger, akzeptierender und „positiver" wird. So hören Yoga, Meditation oder Praktiken der Persönlichkeitsentwicklung auf, bloß eine seelische Suche zu sein; sie verwandeln sich in Werkzeuge, um den von der bestehenden Ordnung erzeugten Schmerz individuell zu verwalten. Während die Außenwelt brennt, wird dem Menschen empfohlen, sich in seinem Inneren ein kleines, steriles und stilles Zimmer einzurichten. So wird Ruhe nicht darin gesucht, die Welt zu verändern, sondern darin, sich aus der Welt zurückzuziehen. Statt sich zu bemühen, eine gerechtere und lebenswertere Außenwelt zu schaffen, richtet sich der Mensch darauf aus, innerhalb der Grenzen seines eigenen Geistes einen sicheren Zufluchtsort zu schaffen. Dabei ist seelisches Wohlbefinden nicht allein eine innere Angelegenheit; der Mensch ist zugleich ein Wesen, das innerhalb gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Bedingungen lebt.

Deshalb kann die übermäßige Betonung der Innenwelt, ohne dass man es merkt, auch eine Funktion haben, die die bestehende Ordnung bewahrt. Denn sobald alle Probleme auf die Psyche des Einzelnen reduziert werden, werden Ungleichheiten, Ausbeutung, Unsicherheit oder Ungerechtigkeit unsichtbar. Es entsteht die Wahrnehmung, als sei nicht die Welt das, was sich ändern müsste, sondern lediglich die Reaktion des Einzelnen auf sie. So wird das System nicht infrage gestellt; der Einzelne hingegen wird dazu aufgefordert, sich so einzurichten, dass er sich dem System anpasst.

Auch das Negative wird an dieser Stelle ausgeblendet. Schmerz, Wut, Enttäuschung, Zerstörung und die gesellschaftliche Realität werden behandelt, als wären sie lediglich eine Frage der inneren Einstellung. Der Mensch verschließt die Augen vor der Realität und versucht, sich für glücklich zu halten. Doch dieses Glück ist nicht das Ergebnis einer lebendigen Beziehung zur Wirklichkeit, sondern das Ergebnis des Rückzugs aus der Wirklichkeit, der Vermeidung von Konflikten und der Verleugnung des Negativen. So problematisch die Vernachlässigung der Innenwelt ist, so problematisch ist es, die Außenwelt vollständig zu vergessen. Gesund ist es, wenn der Mensch sowohl zu seiner eigenen Seele als auch zur Realität der Welt, in der er lebt, eine Beziehung aufbauen kann. Denn ein Frieden, der allein durch Rückzug nach innen gefunden wird, kann mitunter ein anderer Name nicht für Befreiung, sondern für den Rückzug aus der Wirklichkeit sein.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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