Sprache und Seke

RastinewsIch würde am liebsten über die unterschiedlichsten Themen schreiben – über die Tagesordnung und die jüngsten Ereignisse in Kurdistan, im Nahen Osten und in der Welt. Doch solange es um das Überleben und die Weiterentwicklung der Sprache geht, bleibt das Thema meiner Texte immer dasselbe: die Sprache selbst. Denn in Nordkurdistan schreibt die Mehrheit der Intellektuellen auf Türkisch. Viele kurdische Schriftsteller und Intellektuelle verfassen ihre Bücher über kurdische Geschichte und historische Erfahrungen auf Türkisch. Viele Kurden geben Zeitschriften und Zeitungen heraus, viele nutzen soziale Medien und teilen dort Inhalte – auch das überwiegend auf Türkisch. Von allem, was veröffentlicht und geteilt wird, macht der kurdische Anteil bedauerlicherweise wohl kaum mehr als zehn Prozent aus. Deshalb schreibe ich beharrlich und mit Nachdruck auf Kurdisch – und werde es weiter tun.
Unter unserem Volk gibt es viele, die Patrioten sind, aber kein Kurdisch sprechen. Versuchen sie es dennoch, reicht der Wortschatz in ihrem Kopf nicht aus, um auszudrücken, was sie sagen wollen – sie geben auf und wechseln zurück ins Türkische. Solange wir uns nicht verstehen, können wir im Patriotismus und im Kampf um unsere Rechte nicht zusammenfinden. Verstehen wir uns nicht in unserer eigenen Sprache und bringen wir das nationale Bewusstsein nicht in unserer eigenen Sprache voran, bleibt kaum ein Unterschied zwischen uns und jenen fremden Intellektuellen, die über die Kurden sprechen. Nationwerdung und Staatsbildung gründen auf der Sprache.
Wenn ich die kurdische Sprache mit fremden Sprachen vergleiche – sowohl in der Tiefe der Bedeutung als auch im Reichtum des Wortschatzes –, kann ich sagen: Im Kurdischen lässt sich ein Thema, ohne auf Metaphern angewiesen zu sein, klarer, kraftvoller und schöner ausdrücken als in anderen Sprachen. Für die Bedeutung mancher kurdischer Wörter und Begriffe finde ich in fremden Sprachen schlicht keine Entsprechung. Gerade der Vergleich zeigt mir den Reichtum der kurdischen Sprache. In meinem vorigen Text hatte ich dazu einige Beispiele genannt; in meinen Texten gebe ich nicht immer die fremdsprachigen Entsprechungen dieser Wörter an. Deshalb verzichte ich diesmal auf Beispiele, damit dieser Text nicht zu lang wird.
Leider schreiben viele unserer patriotischen Intellektuellen und Schriftsteller, wenn sie Bücher auf Kurdisch verfassen, in einer steifen, gezwungenen und schwachen Sprache – das Wörterbuch stets griffbereit, im Kopf aber türkisch denkend, weil sie die kurdische Sprache selbst nicht wirklich beherrschen. Die Leser haben dadurch Mühe, den Inhalt zu verstehen, und so kommen die kurdische Lektüre und die kurdische Literatur nicht voran. Kurdische Bücher werden entsprechend wenig gelesen. Nur eine kleine Zahl kurdischer Intellektueller und Schriftsteller beherrscht die Sprache wirklich; gerade deshalb lesen sich ihre Bücher flüssig, und der Inhalt wird gut verständlich. Sowohl im Aufbau des Themas als auch in der natürlichen Erzählweise tragen ihre Bücher den wahren Geschmack der kurdischen Sprache.
Viele sagen, damit unsere Gegner verstehen, was wir sagen, müssten wir in deren Sprache sprechen, schreiben und Inhalte teilen. Ich glaube das nicht. Bis heute habe ich für keine Zeitschrift, keine Zeitung und kein soziales Netzwerk je in einer anderen Sprache als Kurdisch geschrieben – und ich werde es auch nie tun. Denn ich sage stets: Wer verstehen will, was wir sprechen, schreiben und teilen, wird es auch verstehen, wenn wir es in unserer eigenen Sprache tun. Wer es aber nicht verstehen will, wird es auch dann nicht verstehen, wenn wir in seiner Sprache schreiben. Verständnis entsteht aus Zuneigung und Bereitschaft – fehlen diese, entsteht auch kein Verständnis.
Bei der Bewahrung der Sprache kommt der Kunst und der Literatur eine große, gewichtige Rolle zu. In den letzten Jahren haben Künstlerinnen und Künstler diese Rolle erfüllt und erfüllen sie weiterhin. Die sozialen Medien dagegen, unbeaufsichtigt und unkontrolliert, werden ihrer Rolle nicht vollständig gerecht – dabei wäre auch ihre Rolle von großer Bedeutung. In der Literatur ist mehr als die Hälfte der Bücher, die von den Kurden, von Kurdistan und von kurdischen Erfahrungen handeln, auf Türkisch verfasst. Unsere neue Generation mag daraus für die Geschichte Nutzen ziehen, doch zugleich entfernt es sie von der kurdischen Sprache. Auch das ist ein sehr großer Fehler. Kurden lesen mehr türkischsprachige als kurdische Bücher.
Im Bereich der Übersetzung sind wir weit zurückgeblieben. Unsere Schriftsteller und Intellektuellen setzen ihre Bemühungen um die kurdische Sprache fort. Doch Kurden lesen nicht nur Bücher kurdischer Intellektueller, sie lesen auch die Weltliteratur aller Nationen – deshalb muss die Übersetzungsarbeit bei uns deutlich stärker werden. Es ist dringend notwendig, Werke der Weltliteratur ins Kurdische zu übersetzen, damit unsere neue Generation zur Lektüre der Weltliteratur nicht auf die Sprache der Besatzer angewiesen ist. Dieser Abhängigkeit von der Sprache des Besatzers muss ein Riegel vorgeschoben werden. Unter den Bedingungen dieser Zeit fällt der kurdischen Diaspora eine große Aufgabe zu. Die kurdische Diaspora kann diese Aufgabe mit Erfolg bewältigen.
Bis heute habe ich drei Romane auf Kurdisch geschrieben und veröffentlicht. Der erste ist Enfala Jîyanê, der zweite Leyla Tîyarî und der dritte Kole Simayîl. Der vierte, mit dem Titel Heşt Meh û Sê Demsal, liegt vor mir und ist noch nicht abgeschlossen; ich arbeite an seiner Fertigstellung zur Veröffentlichung. Viele türkische Bekannte und Intellektuelle haben mir gesagt, sie wollten meine Bücher lesen, und baten mich, sie ins Türkische zu übersetzen. Ich habe das nicht gewollt. Ich weiß: Würde ich eine Übersetzung anfertigen, würden die Kurden sie wieder auf Türkisch lesen. Und von jenen, die die türkische Fassung läsen, würden manche zu Intellektuellen, manche zu Demokraten.
Würde ich eine Übersetzung ins Türkische anfertigen, käme ich mir vor wie ein Schuldiger und würde mich von meiner eigentlichen Aufgabe und meinen Zielen entfernt fühlen. Eine Übersetzung ins Türkische brächte meiner grundlegenden Aufgabe keinerlei Nutzen. Übersetzungen wünsche ich mir für die Sprachen der Welt – nicht aber für die Sprache des Besatzers und der Kolonisatoren. Seit Jahren arbeite ich für die kurdische Sprache. Wie sollte ich nun gegen meine eigenen Interessen handeln und die Verteidigung meiner Sache, meiner Sprache, meiner Aufgabe aufgeben?
Ich hoffe, dass unser kurdisches Volk künftig tiefer und weitsichtiger über Nationwerdung und Staatlichkeit nachdenkt. Ich hoffe, dass unsere kurdischen Organisationen ihre Aufgaben sorgfältig durchdenken und daran arbeiten. Mögen sie unsere Heimat Kurdistan, die Nationwerdung des kurdischen Volkes und unsere kurdische Sprache zu ihren gemeinsamen Zielen machen und sie einer glänzenden Zukunft entgegenführen.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
