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Sprache und Mutter

Seit dem Beginn der Menschheit beginnt das Werden mit der Mutter. Nicht nur die Sprache, auch das Menschsein selbst entsteht durch die Mutter. Schutz und Erziehung nehmen bei der Mutter ihren Anfang.

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Sprache und Mutter

RastinewsSeit dem Beginn der Menschheit beginnt das Werden des Menschen mit der Mutter. Nicht nur die Sprache, auch das Menschsein selbst entsteht durch die Mutter. Schutz und Erziehung nehmen bei der Mutter ihren Anfang. Für die Kinder und Jungen aller Lebewesen ist der Schoß der Mutter der sicherste Ort. Warum sprechen wir eigentlich von der „Muttersprache“? Man kann dies auf zwei verschiedene Arten deuten. Die erste: die Sprache, in der die Mutter mit dem Kind spricht. Die zweite folgt der türkischen Bedeutung von ana dil (Muttersprache): die Grundsprache. Oder auch: die Ursprache, aus der sich mehrere verschiedene Sprachen entwickelt haben. Unsere Väter und Vorfahren haben den Begriff „Muttersprache“ nie verwendet. Unter uns Kurden wurden stets nur die Wörter ziman und eziman gebraucht und so benannt.

Besonders in den letzten Jahren haben in der kurdischen Literatur und der kurdischen Presse Personen ohne sprachwissenschaftliche Kenntnisse, die weder mit der Sprache vertraut noch darin geschult sind, das Kurdische mit Wörtern nach türkischem Verständnis konstruiert und die Sprache mit ihnen aufgefüllt. Kannten sie ein kurdisches Wort nicht, erfanden sie stattdessen Wörter nach türkischer Bedeutung und bildeten damit Sätze. Das gilt besonders für die Zeit seit der Gründung der Zeitung Azadiya Welat sowie seit dem Aufkommen kurdischer Fernsehsender, digitaler Medien und sozialer Medien. Mangels eines kontrollierenden, beaufsichtigenden Systems oder einer entsprechenden Organisation haben die Zeitung Azadiya Welat, das Fernsehen und die digitalen Werkzeuge der sozialen Medien in unserem Volk eine künstliche, verfälschte Sprache hervorgebracht, und diese künstliche, verfälschte Sprache hat sich wie Gift in unserer neuen Generation festgesetzt.

„Muttersprache“ ist eines dieser konstruierten Wörter, und viele ähnlich konstruierte Wörter sind auf diese Weise in unsere Sprache eingedrungen und haben sich dort festgesetzt. Nun haben wir Kurden fünf verschiedene Dialekte. Ich sage: Wir brauchen eine „Mutter“ dieser fünf Dialekte, eine Sprache, die aus allen fünf schöpft, damit wir Kurden eine gemeinsame Sprache besitzen. Das ist ein eigenes Thema, das ich immer wieder anspreche. Doch hier geht es mir um den Begriff „Muttersprache“. Vielleicht sollten wir ihn im Sinne von „der Sprache, in der die Mutter mit dem Kind spricht“ verstehen und so auslegen.

Die Sprache der Kinder und der neuen Generation ist zweifellos die Sprache, die die Mutter spricht. In welcher Sprache die Mutter spricht, in dieser lernt das Kind sprechen. Leben und Dasein gewinnen im Bewusstsein des Kindes durch diese Sprache an Bedeutung. Das soziale Gefüge der Gemeinschaft verankert sich durch diese Sprache im Kopf des Kindes, der Wortschatz dieser Sprache prägt sein Denken. Erziehungswissenschaftler sagen, das entscheidende Lernalter reiche von der Geburt bis zur Pubertät. In diesem Alter lernt das Kind vor allem durch die Mutter. In dieser Zeit hat die Mutter den größten Einfluss auf das Kind. Mehr als durch die Abstammung vom Vater wird das Kind durch die Mutter erzogen und behütet. Die neue Generation ist das Werk der Mütter.

Wenn Kinder in diesem Alter die Sprache lernen, lernen sie sowohl ihre äußere Form als auch ihren Kern. Unsere Vorfahren sagten: „Was man mit der Muttermilch in sich aufnimmt, das nimmt man mit ins Grab.“ Dieses Sprichwort unserer Vorfahren ist sehr bedeutsam. Kurz gesagt: Was ein Kind im Säuglingsalter lernt, bleibt ihm bis zu seiner letzten Ruhestätte, das heißt, es bleibt bis zum Tod. Deshalb bestimmt das Lernen im Kindesalter die Zugehörigkeit und die nationale Identität eines Menschen. Dieses Kind wird mit seiner Seele, seinem Bewusstsein, seiner Zuneigung und seinem Innersten zu einem Angehörigen seiner Gesellschaft und Nation.

Unsere Mütter kannten keine andere Sprache als Kurdisch. Durch unsere eigene Sprache wurden wir zu Angehörigen unserer Nation. Die Mütter von heute können alle Türkisch. Spricht eine Mutter mit ihren Kindern in der Sprache des Besatzers, ist das Selbstzerstörung – das eigene Haus mit eigenen Händen zerstören. Ein Kind, das in der Sprache Fremder und Besatzer aufwächst, fühlt sich nicht als Teil seiner eigenen Gesellschaft. Es empfindet sich als Fremder in seiner eigenen Gemeinschaft, und das Nationalgefühl bleibt bei solchen Kindern schwach. Eine Nation lässt sich nicht aus Menschen aufbauen, deren Nationalgefühl schwach und ausgezehrt ist.

Leider sprechen im Nordkurdistan (Bakur) mittlerweile nicht mehr nur in den Städten, sondern auch bis in Kleinstädte und Dörfer hinein Mütter Türkisch mit ihren Kindern. Das ist ein Zeichen jener bedrohlichen Gefahr. Das heißt, innerhalb einer weiteren Generation wird die kurdische Sprache in Nordkurdistan nicht mehr fortbestehen. Das Verschwinden der Sprache bedeutet das Verschwinden der Nation.

Ich nenne unsere Sprache nicht „Muttersprache“ – unsere Sprache ist die kurdische Sprache, denn nicht jede kurdische Mutter spricht auch Kurdisch. Die Sprache unserer neuen Generation ist die Sprache der Mutter, doch die Mütter von heute sind leider nicht mehr die Mütter von einst. Ist die Sprache der Mutter Kurdisch, wird sich die Nation erhalten; ist die Sprache der Mutter nicht Kurdisch, wird die Nation verschwinden.

Ich hoffe, dass jede kurdische Mutter mit ihren Kindern Kurdisch spricht. Möge dieser Rat allen im Ohr bleiben, und mögen kurdische Mütter diesen Rat beherzigen, damit unsere neue Generation mit der Substanz und Eigenart ihrer Nation, mit deren sozialem Gefüge und Kultur, Erfolg und Fortschritt erlangt.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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