Das Exil der Wurzellosen

RastinewsDer Mensch ist nicht Herr seiner Augen; er kann weder wählen, was er sieht, noch was er vergisst.
Früher pflanzten die Alten einen Setzling in die Erde, wenn ein Kind geboren wurde. Ich habe mich bis heute nie gefragt: Wurde auch für mich ein Baum in diese Welt gepflanzt? Und wenn ja, was hat dieser Baum in seinem Leben gesehen? Und seine Wurzeln – wie tief sind sie gedrungen? Wer weiß das schon …
Ich dachte an all jene, die sich auf den Weg gemacht haben, um einen großzügigen Boden zu finden, in dem sie Wurzeln schlagen können. An jene, die ein Land suchen, das ihnen Zuflucht bietet … Die Heimatlosen …
Fehlende Zugehörigkeit macht den Menschen überall zum Fremden. Manchmal, mitten in einem ganz gewöhnlichen Tag, mitten in einem Gespräch, erwacht plötzlich eine Erinnerung zum Leben und zieht einen zurück in die Vergangenheit.
In diesem Moment erinnert man sich erschrocken: Die Spur jener Vergangenheit, deren Last man trägt, deren Schmerz in einem gewachsen ist, verbirgt sich noch immer irgendwo.
Doch was mich am meisten schmerzt, was am tiefsten sitzt: dass ich in keiner Phase meines Lebens auch nur dem Schatten eines einzigen Freundes begegnet bin, der aus der Kindheit, aus der Jugend, von jenen staubigen Schulwegen, aus der Nachbarschaft geblieben wäre.
Jeder hat im Leben einen Kindheitsfreund, einen Studienkollegen, einen Weggefährten aus der Nachbarschaft. Bei Vorstellungen heißt es: „Das ist mein Kindheitsfreund", „Das ist mein Schulfreund" … Bei mir aber klafft eine große Leere.
Ich habe sie sehr beneidet. Nicht nur ein bisschen – mit brennendem Herzen, voller Sehnsucht habe ich sie beneidet. Ich habe immer auf jene glücklichen Menschen geschaut, die an jeder Straßenecke ein Stück ihrer Vergangenheit aufbewahren. Auf jene, die zu zweit die Erinnerung an eine Schulbank tragen …
Wie seltsam: Als Kind wollte ich erwachsen werden und fortgehen, weit weg. Und ist man erst weit weg, sucht man nach einer Vergangenheit, an der man sich festhalten kann.
Eine Stimme, die einmal sagen würde: „Früher hast du so gelacht" – eine Stimme, die mein erstes Herzklopfen, meinen ersten Herzschmerz, die wilde, funkensprühende Aufregung der Jugend mit mir geteilt hat … Welch große Entbehrung es doch ist, der eigenen Vergangenheit fremd zu bleiben.
Während alle anderen ihren Namen in den Stamm eines Baumes ritzten, konnte ich, wie ein im Sturm verwehtes Blatt, meinen Namen in keinen der Stämme jener zahllosen Städte einritzen, durch die ich gezogen bin.
Sehe ich heute, wie sich zwei alte Freunde in die Arme fallen und die Zeit zurückdrehen, beginnt irgendwo in mir die klirrende Kälte jenes alten Schulwegs. Mich fröstelt.
Nicht sagen zu können „Weißt du noch, wir beide, damals …" ist das schwerste Exil, das ein Mensch sich selbst auferlegen kann. Mein Körper ist hier, doch meine Seele hängt in einer Leere fest; ich kann weder altern noch in einem neuen Tag Wurzeln schlagen. Ich sehe nur zu, betrachte in den vollen Erinnerungen anderer meine eigene Verlassenheit.
Das versteht nur, wer selbst keine Wurzeln schlagen konnte. Wer das Gefühl der Zugehörigkeit verloren hat, wer sich, wohin er auch geht, unter einem zu engen Himmel fühlt, wer sich heimatlos fühlt, kennt diesen Schmerz. Und auch jene, die in ihrem eigenen Leib, in ihrer eigenen Seele keinen Platz finden …
Ich sehe jetzt Leben an mir vorüberziehen; jedes in seiner eigenen Hast, jedes in seiner eigenen Sackgasse. Diese stumpfen Blicke, die ins Leere starren, jene gewaltigen Einsamkeiten, die sich in Häusern mit hohen Dächern verbergen und in keine Zeitzone der Welt passen …
Dann kommen die Träume ins Spiel. Sehr lange Zeit setzte sich das alte Dorf, in dem ich geboren wurde, mitten in meine Träume. Es war die einzige Zuflucht, die mir gehörte, die einzige, die mich an einen Ort band. Jetzt ist auch das verschwunden. Sogar meine Träume haben jene Vergangenheit verlassen; die Szenen haben sich geschlossen, die Lichter sind erloschen.
Diese Öde, die in mir wächst, weil meine Seele ihren Platz nicht findet, ist im Grunde das Warten einer Geografie, die zu spät kommt.
Dieser Tage stelle ich mir ein Leben vor, von dem ich nicht weiß, was es ist oder welche Gestalt es annehmen wird. Das ist keine Hoffnung auf die Zukunft, sondern ein zeitloser Ruf.
Als würde eines Tages, irgendwo jenseits der Zeit, eine Tür einen Spalt weit aufgehen. Und diese Tür, an deren Schwelle ich stehe, würde mir zuflüstern: „Tritt ein – dort werden dich deine Wurzeln in die Arme schließen."
Am Rand jenes Brunnens wird ein Baum stehen, dessen Rinde in Schuppen abblättert. Vielleicht ist das alles nur eine Illusion, ein letztes Spiel, das sie mit mir treibt …
Und doch will der Mensch sich selbst in dieser Illusion an einem echten Duft festhalten.
Würde eines Nachts das Heulen eines Hundes diese Straßen erschüttern, würde ich neugierig ans Fenster treten, um zu sehen, welcher Hund da bellt … Würde ich noch einmal den wirklichsten Klang der Welt hören.
Oder würde ich, mit der Unbekümmertheit eines Kindes, dem warmen Teigduft hinterherlaufen, der von einem Handwagen an der Straßenecke herüberweht …
Ich stelle mir jenen Baum vor, dessen Wurzeln tief hinabreichen, dessen Rinde in Schuppen abblättert, dessen Inneres einer großen Leere erlegen ist und der dennoch noch aufrecht steht. Ich möchte mich im Duft dieses mächtigen Baumes mit der abblätternden Rinde verlieren und in seinem Schatten schlafen.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
