Die Unschuld der Vergangenheit zu suchen ist vergeblich – sie ist längst tot

RastinewsDie Mächtigen der Geschichte haben sich, um ihre Macht zu bewahren, stets in den Schatten des Heiligen gehüllt.
„Der König ist der Stellvertreter Gottes auf Erden“, „Der Staat ist ewig“, „Die Partei besitzt die absolute Wahrheit“, hieß es;
so wurde aus jedem Irrtum eine Lehre,
aus jedem Schweigen ein Gehorsam,
aus jedem Gehorsam ein Schicksal.
Und die Massen, gefangen im Bann des Heiligen,
erhoben die Macht zum Himmel,
Jede Macht, die Unantastbarkeit für sich beansprucht, ist von Anfang an aus Schwäche gewoben.
Doch keine Ordnung, kein Wort, kein Glaube ist heilig.
Jede Autorität, die sich in das Gewand des Heiligen hüllt, verlangt, dass der Mensch sein eigenes Dasein und seine Verantwortung übersieht.
Fortan ist sie die einzige Entscheidungsinstanz,
in ihrem Wort kleidet sich jede Lüge in Wahrheit,
jeder Irrtum tritt an die Stelle der Wahrheit.
Doch die Geschichte hat in all ihren glanzvollen Erzählungen, denen sie Heiligkeit zubilligte, jene, die für sie in den Tod gingen, zu Statisten gemacht.
Unser Dasein, unser Schmerz, unsere Suche nach Sinn sind weitaus wirklicher als alle Ordnungen, die sie errichtet haben.
Den Preis einer jahrhundertelangen Täuschung haben wir mit Blut, Feuer und Schweigen bezahlt.
Nach der Unschuld der Vergangenheit zu suchen ist vergeblich; denn diese Unschuld ist längst gestorben.
Einst träumten wir von einer Welt, in der die Sonne dem Tag nicht grollte, der Tag sich nicht an der Nacht rächte, die Nachtigall der Rose und die Rose der Knospe nicht den Rücken kehrte.
Doch alles wandte sich von uns ab…
Denn keine Unschuld übersteht einen Krieg.
Die mit unseren Tränen geschriebene Geschichte ist heute nur noch ein schweres Trümmerfeld.
Und wir wissen: Weiterzugehen, ohne auf dieses Trümmerfeld hinter uns zu blicken, schmerzt mehr als all die Tränen, die wir vergossen haben.
Denn erst wenn der Mensch den Trümmern gegenübersteht, erkennt er sein nacktes Selbst, seine ganze Verletzlichkeit, seine ganze Wahrheit.
Wenn wir uns nicht zu unserem eigenen Schicksal bekennen und der Verantwortung ausweichen, kehrt eines Tages all unsere Flucht zu uns zurück.
Dann erst begreifen wir, dass die Rückkehr weit schwerer wiegt als der Aufbruch.
Denn der Mensch wird mit der Zeit nur zum Gefangenen jener Ideale, für die er Leben geopfert hat,
An dem Tag, an dem du das erkennst, beginne, dich selbst neu zu finden.
Das, was du nur schwer hinnehmen kannst, ist deine eigene Wahrheit.
Statt dich an den Staub der Vergangenheit zu klammern, solltest du dein Gesicht der Gegenwart und der Zukunft zuwenden.
Es ist schwer, von dem Weg zurückzukehren, den du mit blutendem Herzen gegraben hast; seine Beschreibung ist eine verlorene Geschichte, sind zahllose verlorene Leben
Keine Ordnung, keine Struktur, keine Ideologie ist heilig.
Diese Heiligkeit zu verwerfen bedeutet nicht, den Glauben zu leugnen; es bedeutet, sich des freien Willens des Menschen und seiner Verantwortung für das eigene Schicksal zu erinnern.
Genau dort, wo die Heiligkeit endet, beginnt die wahre Verpflichtung, Mensch zu sein.
Die schwere, aber ehrenvolle Verantwortung, Mensch zu sein, beginnt mit der Konfrontation mit der Wahrheit.
Die Wahrheit sitzt weder auf einem Thron, noch verbirgt sie sich in der Farbe einer Flagge.
Sie atmet allein in den Tiefen eines Bewusstseins, das den Mut zum Hinterfragen hat.
Kein Wort, das sich nicht hinterfragen lässt, ist Wahrheit.
Vielleicht ist der freie Wille nur eine Illusion – wer weiß?
Doch selbst innerhalb dieser Illusion können wir den Mut aufbringen, uns unserem eigenen Schicksal zu widersetzen.
Wahre Freiheit besteht nicht darin, unsere Ketten zu leugnen, sondern darin, sie zu erkennen und dennoch weiterzugehen.
Blicken wir mit den Augen der Wahrheit, erkennen wir Folgendes:
Die Ideale, an die wir uns beim Aufbruch so fest klammerten, hatten uns bereits verlassen, während wir noch kämpften.
Die Niederlage anzuerkennen bedeutet nicht, sich zu unterwerfen;
es bedeutet zu lernen, die eigene Wahrheit, die eigene Verletzlichkeit und die eigene Verantwortung zu betrachten.
Und wir wissen:
Nicht die Ideale haben uns verlassen, wir haben unsere Ideale verlassen.
Das Einzige, was uns an Heiligkeit noch bleibt, ist, in uns die Kraft zu finden, neu zu beginnen.
Eine Niederlage kann sich manchmal in eine Chance zur Wiedergeburt verwandeln. Die einzige Heiligkeit, die uns bleibt, ist die Kraft, uns wieder aufzurichten.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
