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Amedspor zwischen Identitätsperformanz und Integrationsdruck

In den letzten Jahren, im gesellschaftlichen und politischen Klima Kurdistans; die Auswirkungen regionaler Entwicklungen, das Tempo innerer Veränderungen und die durch äußeren Druck entstandenen Folgen

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Amedspor zwischen Identitätsperformanz und Integrationsdruck

RastinewsIn den vergangenen Jahren lässt sich im gesellschaftlichen und politischen Klima Kurdistans beobachten, dass die Zugehörigkeit zum „Kurdischsein" – als Ergebnis regionaler Entwicklungen, des Tempos innerer Wandlungsprozesse und des von außen ausgeübten Drucks – in eine neue Phase eingetreten ist. Man kann sagen, dass diese an eine bestimmte Schwelle gestoßene „Identitätswahrnehmung" an der Schwelle zu einem nationalen Bewusstsein steht. In diesem Moment, in dem sich die wachsende Wahrnehmung in Bewusstsein verwandelt, entwickelt sich über verschiedene Kanäle auch ein eigenständiger öffentlicher Raum. Der kurdische öffentliche Raum, der eigene Symbole, eine eigene Sprache und eine gemeinsame Gefühlswelt hervorzubringen versucht, findet in jüngster Zeit im Fußball eines seiner sichtbarsten Felder. In einer Phase, in der institutionelle Politik und traditionelle Ausdrucksformen an Einfluss verlieren, tritt die Fußballfankultur als dynamisches, massenhaftes Mittel der Identitätsperformanz hervor. In einer Atmosphäre, in der aufgestaute politische Energie nach einem Ventil sucht, sind die Stadien längst mehr als bloße „Zuschauerräume" – sie haben sich zu einem der dynamischsten Schauplätze des im Entstehen begriffenen neuen öffentlichen Raums entwickelt.

Auf dieser Grundlage ist das Grollen, das aus den Stadien von Diyarbekir, Wan und/oder Batman aufsteigt, nicht nur Ausdruck sportlicher Begeisterung, sondern hallt zugleich als Stimme jener kollektiven Identitätsperformanz wider, die an dieser Schwelle vollzogen wird. Die Stadien verwandeln sich in gewaltige Repräsentationsbühnen, auf denen traditionelle Fankodizes gesprengt und die unterdrückte Identität zur Aufführung gebracht werden. Insbesondere die Tribünen von Amedspor zeigen neben dem sportlichen Wettkampf die ästhetische, horizontale und zivile Performanz der dem Team zugeschriebenen symbolischen Bedeutung und des Ausrufs „Wir sind hier". Diese Performanz macht aus der Fankultur mehr als einen bloßen Zuschauerzustand – sie verwandelt sie in ein politisches Ritual, das jedes Wochenende die kollektive Existenz aufs Neue inszeniert.

Dieser performative Prozess bewirkt auch eine strukturelle Umwandlung der dem Fußball eigenen lokalen Konkurrenzkultur. Dass im vergangenen Jahr (2025) im Play-off-Finale die Fans von Vanspor und Batman Petrolspor füreinander Sprechchöre anstimmten, verwies bereits auf diese eigentümliche Konstellation. Dieses Bild ist nicht nur eines der eindrücklichsten Beispiele für Fußballfankultur als Identitätsperformanz, sondern zeichnet zugleich eine geografische und psychosoziale Landkarte. Ein vergleichbares „Zusammengehörigkeitsgefühl" lässt sich unter den Fans türkischer Stadt- und Stadtteilvereine dagegen nicht finden, da dort das Gemeinschaftsgefühl bereits über die Nationalmannschaft ausgelebt wird. Die Härte der lokalen Konkurrenz erschüttert dort nicht den durch den Nationalstaatsaufbau gewährleisteten „Repräsentationskomfort". Vor diesem Hintergrund gewinnt es an Bedeutung, dass nahezu alle Stadtvereine und Fans in Kurdistan Amedspor unterstützen. Die Kurden, die über keine eigene Staatsstruktur und die damit verbundenen offiziellen Repräsentationsmöglichkeiten verfügen, verleihen Amedspor gleichsam den Status einer „De-facto-Nationalmannschaft". Dass Millionen Menschen jeden Alters – auch solche, die mit Fußball sonst nichts zu tun haben – Amedspor mit Sympathie betrachten und die Spielergebnisse verfolgen, untermauert diesen Befund. Dies lässt sich als der Wille einer staatenlosen Nation lesen, ihrem eigenen „De-facto"-Vertreter gegenüber einer durch offizielle Apparate abgesicherten „Nationalelf" eine Stellung zu verschaffen.

In Regionen, in denen koloniale Herrschaftsverhältnisse fortbestehen, fungierte Fußball denn auch nicht bloß als Zuschauerfeld, sondern als eine der dynamischsten Praktiken „konstituierender Subjektwerdung", mit der Gesellschaften ohne offizielle Repräsentation sich selbst und der Welt gegenübertreten. Wie die Katalanen, die das Camp Nou in eine zivile „Stellung" verwandelten, oder wie der Fußball, der im algerischen Unabhängigkeitskampf zu einer nationalen „Befreiungsfront" wurde, erscheinen auch hier die Tribünen als einer der Orte, an denen sich ein blockierter Nationswerdungsprozess selbst neu errichtet. (1) Die Antwort „Kurd in em!" auf die von den Tribünen erschallende Frage „Kî ne em?" geht über die Grenzen sportlicher Sprechchöre hinaus und hallt als eine überaus unverhüllte, vitale Performanz antikolonialen Nationalismus wider.

Diese vom Spielfeld gebotene Möglichkeit schafft – in einem Klima, in dem unmittelbare politische Betätigung kriminalisiert wird – zugleich einen bedeutsamen Boden für politische Sozialisation. So verwandelt sich das Stadion in jenem „Graubereich", in dem das politische Risiko sinkt, die Wirkung aber massenhaft wird, in einen schwer zu kontrollierenden, zivilen und horizontalen Kanal des Widerspruchs. Die Reaktion auf systematischen Rassismus und politische Unterdrückung erreicht auf diesem relativ „risikofreien" Boden des Stadions eine ihrer dynamischsten Ausprägungen. Doch dieser Zustand der „Unkontrollierbarkeit" weckt zugleich den Kontrollappetit des Systems. Es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Staatsräson darauf abzielt, die nationalistische Welle und die changierende Identitätsperformanz auf den Tribünen nicht direkt zu unterdrücken, sondern sie in den vereinnahmenden Dynamiken des Fußballmarkts aufzulösen und in eine harmlose „Farbe" zu verwandeln. Diese Strategie geht häufig Hand in Hand mit den nützlichen Diskursen der herrschenden Innenpolitik wie „Brüderlichkeit" und „Integration". Vor diesem Hintergrund lässt sich der jüngste Social-Media-Beitrag der Amedspor-Vereinsführung mit der Betonung „Nationalmannschaft" als ein Schritt lesen, der die vitale Identitätsperformanz auf den Tribünen zähmen und in den Schatten der offiziellen Ideologie ziehen soll. Dieser Schritt, der mit dem in der Türkei betriebenen „Integrationsprozess" vollkommen im Einklang steht, löste in der Öffentlichkeit denn auch eine intensive Debatten- und Protestwelle aus. Dass die „unheimliche" und horizontale Politisierung im Stadion in kontrollierbare bürokratische Korridore der Politik gelenkt und damit entleert wird, entspricht der Funktionsweise des kolonialen Kalküls.

So werden die Stadien gegenwärtig zu einem Spannungsfeld zwischen der von der Basis kommenden eigenständigen Identitätsperformanz und den von oben inszenierten Zähmungsversuchen. Die Bewegung auf den Tribünen pendelt somit auf dem schmalen Grat zwischen einem das kollektive Gedächtnis wachhaltenden Widerstandsreflex (2) und der Möglichkeit, dass eben dieser Reflex in einem Integrationsprojekt aufgelöst wird. Wie sich dieser spannungsgeladene Prozess entwickeln wird, entscheidet sich weniger an den Grenzen institutioneller Eingriffe als vielmehr an der Art des Verhältnisses, das die diesen öffentlichen Raum tragende Menge zu dieser von ihr selbst vollzogenen Existenzpraxis aufbaut.

1. Für eine ausführliche Lektüre zu diesem Thema siehe Ali Fikri Işık, „Antikolonyal Mücadele ve Futbol", Gazete Emek, 13.01.2026. 2. Für eine soziologische Lektüre zu Gedächtnis, Widerstand und Praktiken auf dem Spielfeld siehe Özcan Kırbıyık, „Amedspor'un Kimlik, Hafıza ve Direniş Sosyolojisi: Saha, Sınır ve Sinir", Kürt Araştırmaları Dergisi, Dezember 2025.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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