Das Böse

RastinewsDas Böse gibt sich selten als solches zu erkennen: Es wird alltäglich, legitimiert sich und verschwindet, indem es sich als „Gutes“ tarnt.
Niemand will es mit dem Bösen zu tun haben. Noch weniger will jemand selbst böse sein. Tatsächlich bezeichnen sich selbst die meisten Täter nur selten als „böse“. Der Mensch verhüllt sein Handeln fast immer mit einer Rechtfertigung, einer vermeintlichen Notwendigkeit oder gar dem Anspruch, Gutes zu tun. Auch die Nationalsozialisten sahen sich nicht als Vertreter eines teuflischen Bösen; im Gegenteil, sie rechtfertigten ihre Taten im Namen einer Ordnung, einer „Reinigung“, einer historischen Mission. Genau darin liegt einer der beklemmendsten Aspekte des Bösen: Es tritt selten als das auf, was es ist.
Und doch übt das Böse eine Faszination aus – vielleicht gerade deshalb. Je mehr sich der Mensch selbst davon distanziert glaubt, desto mehr zieht es ihn an. Wer überzeugt ist, das Böse werde stets von anderen verübt, betrachtet es aus sicherer Distanz. In den täglichen Nachrichten begegnen wir seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen fast jeden Tag: Kriege, Morde, Femizide, Todesfälle von Kinderarbeitern, Missbrauch, Zerstörung, Unterdrückung. Doch wir verfolgen diese Meldungen nicht nur mit Entsetzen, sondern auch mit einer gewissen Aufmerksamkeit und Neugier. Denn Nachrichten liefern nicht nur die Katastrophe, sondern auch die Anziehungskraft des Bösen.
Beruhigend wirkt dabei, dass wir das Böse bei anderen ausmachen können. Sehen wir es draußen, im Anderen, im Täter, im Mörder, im Diktator, können wir so tun, als gäbe es in uns selbst keine Dunkelheit. Wir glauben dann, unsere moralische Integrität bewahrt zu haben. Doch die menschliche Seele ist nicht so einfach gestrickt. Jeder Mensch trägt sowohl das Gute als auch das Böse in sich. Ein „guter Mensch“ ist nicht jemand, der frei von jeder Bosheit ist, sondern jemand, der sich der eigenen Zerstörungskraft stellen, sie erkennen und sie tragen kann, ohne sie in Handlung umzusetzen. Das Gute ist nicht die Abwesenheit des Bösen, sondern das Ergebnis eines bewussten, ethischen Umgangs damit.
Deshalb lässt sich das Böse nicht allein als moralische Verirrung oder pathologische Ausnahme abtun. Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski beschreibt es in „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“ (2011) als den Preis, den der Mensch für seine Freiheit zahlt. Weil der Mensch ein freies Wesen ist, kann er nicht nur das Gute, sondern auch das Böse wählen. Das Böse ist die dunkle Möglichkeit menschlicher Freiheit. Konrad Lorenz wiederum schreibt in „Das sogenannte Böse“ (25. Auflage, 2007), Aggression bei Tieren diene vor allem dem Überleben, dem Schutz und der Arterhaltung – „böse“ in diesem Sinne sei ein Begriff, der dem Menschen vorbehalten bleibe. Während tierische Aggression an eine natürliche Funktion gebunden ist, kann das Böse beim Menschen eine symbolische, bewusste, organisierte und mitunter von Lust durchdrungene Dimension annehmen.
Genau darauf verweist Hannah Arendt in „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (Neuauflage 2011), wenn sie von der „Banalität“ des Bösen spricht. Adolf Eichmann, dessen Prozess Arendt verfolgte, erscheint nicht als teuflisches Monster, sondern als zutiefst gewöhnlicher Mensch. Er verhält sich wie ein Beamter, der nicht weiter darüber nachdenkt, ob sein Tun böse ist, sondern glaubt, lediglich seine Pflicht zu erfüllen. Arendts erschütternde Erkenntnis lautet: Das Böse entspringt nicht immer einer teuflischen Tiefe, sondern meist Gedankenlosigkeit, Gehorsam, Gewohnheit und Banalität. Das Böse ist deshalb keine seltene Abweichung, sondern eine erschreckend alltägliche Möglichkeit.
Arendt, die unablässig fragt, was das Böse eigentlich sei, zielt genau auf diesen Punkt: dass es so schockierend normal und alltäglich auftreten kann. Sie richtet ihren Blick besonders darauf, wie Eichmann während des Prozesses als Teil des Systems agiert – als Bürokrat, der Befehle befolgt und die Ordnung vollzieht. Er betrachtet sein Tun nicht als moralische Frage, sondern als technische Aufgabe. Damit entfällt die Verantwortung für die Tat, und das Böse wird zu einer bloß zu erledigenden Arbeit. Dieses Muster beschränkt sich nicht auf totalitäre Regime. Solange ein Mensch keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt, kann das Böse als gewöhnliche Pflichterfüllung erscheinen.
Konrad Lorenz nähert sich aus einer ganz anderen Richtung einem ähnlichen Punkt. Ihm zufolge sind manche Verhaltensweisen, die uns äußerst grausam erscheinen, in Wirklichkeit kein „Böses“, sondern natürliche Handlungen zur Sicherung des Überlebens. Dass ein Löwe eine junge Gazelle tötet, ist im moralischen Sinne nicht böse. Denn in der Tierwelt gibt es keine Kategorie des „Bösen“ – es gibt nur das Überleben.
In philosophischen Debatten wird das Böse mitunter auch als Mangel oder Unzulänglichkeit des Guten gedacht. In diesem Verständnis ist das Böse die Abwesenheit des Guten, und Böse gelten als Menschen, die vom rechten Weg abgekommen sind. Andere Ansätze deuten das Böse als Wahrnehmungstäuschung: Die Gewalt eines Menschen, der für hehre Ideale kämpft, kann nicht als „böse“, sondern als Mittel eines höheren Guten erscheinen. Deshalb konnten im Lauf der Geschichte viele Menschen Gewalt im Namen dessen rechtfertigen, was ihnen als heilig galt. Handlungen im Namen erhabener Ideale wie Staat, Nation, Flagge oder Religion werden von den Tätern nicht als Böses, sondern als Opferbereitschaft wahrgenommen. Dass sich Mafiafiguren in der Türkei als Menschen darstellen, die „fürs Vaterland“ handeln, oder dass manche Gewalttäter als „Nationalhelden“ verehrt werden, ist eine Folge genau dieses Mechanismus.
Dass das Böse auf diese Weise Normalität gewinnt, erschwert seine Erkennung. Denn diese Menschen sehen sich nicht als Schuldige, sondern als Menschen, die sich für eine heilige Aufgabe aufopfern. An dieser Stelle gewinnt Arendts Befund erneut an Bedeutung: Das Böse wird meist von gewöhnlichen Menschen verübt, die uns ähneln und wie wir leben. In religiösen und kulturellen Erzählungen dagegen wird das Böse gewöhnlich durch außergewöhnliche Wesen verkörpert: Teufel, Dämonen, Hexen oder Riesen. In diesen Erzählungen unterscheidet sich das Böse vom normalen Menschen; es ist seiner Natur nach anomal und verführt Menschen zum Bösen. Arendt zeigt jedoch das Gegenteil: Das Böse entspringt meist nicht anomalen Wesen, sondern zutiefst normalen Menschen.
Psychologie und Psychiatrie neigten lange dazu, Grausamkeit und Brutalität als Krankheitskategorien zu untersuchen. Damit wurde das Böse erneut dem „Anomalen“ zugeschrieben. Die historische Realität zeigt jedoch, dass dies nicht immer zutrifft. Ein NS-Offizier, der Tausende Juden in die Gaskammern schickte, konnte am selben Abend nach Hause gehen und beim Geburtstag seines Kindes ein Lied singen. Eichmann war Arendt zufolge nicht dumm, aber gedankenlos. Genau das betont Arendt: Die Wurzel des Bösen ist meist nicht böser Wille, sondern Gedankenlosigkeit. Wenn Menschen ihr Tun nicht wirklich durchdenken, verschwindet auch das Gewissen.
Sätze wie „unser Staat weiß es besser“ oder „unsere Vorgesetzten wissen, was sie tun“ setzen das Denken außer Kraft. So entzieht sich der Einzelne der Verantwortung für sein Handeln. Wer im Namen des Staates Gewalt ausübt, beginnt sich nicht als Täter und Schuldiger, sondern als Held zu sehen, der seine Pflicht erfüllt. Von außen betrachtet wirkt das fast wie eine politische Schizophrenie. Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Kern des Problems: Solange wir das Böse nur als Problem der anderen betrachten, können wir es nicht wirklich verstehen. Das Böse ist keine fremde Macht, die uns von außen angreift. Es ist eine Möglichkeit, die im Menschsein selbst angelegt ist – in Freiheit, Verlangen, Angst und Verleugnung. Das Einzige, was es wirklich eindämmen kann, ist nicht die Überzeugung, selbst durch und durch „gut“ zu sein, sondern der Mut, sich der eigenen Dunkelheit ehrlich zu stellen.
Ist das Böse immer böse?
Einer der größten Irrtümer besteht darin zu glauben, Menschen könnten nur böse sein. Doch die menschliche Seele ist nicht so eindimensional. Kein Mensch ist nur böse oder nur gut. „Böse“
die wir so nennen, zeigt sich bei näherer Betrachtung ihres Lebens, dass sie in anderen Zusammenhängen äußerst gewöhnliche, ja sogar als gut geltende Verhaltensweisen zeigen konnten. Selbst jene Menschen, die während der NS-Zeit in Konzentrationslagern Dienst taten und täglich am Tod Hunderter Juden mitwirkten, gingen nicht allein in dieser Rolle auf. Dieselben Menschen konnten abends nach Hause gehen, den Geburtstag ihrer Kinder feiern, Geburtstagslieder singen und ihren Kindern Geschenke machen. Sie hörten klassische Musik, tanzten und konnten Frauen gegenüber die Rolle eines höflichen, galanten Mannes einnehmen.
Dieser Umstand erscheint auf den ersten Blick wie ein großer Widerspruch. Tatsächlich aber offenbart er eine wichtige Wahrheit darüber, wie die menschliche Seele funktioniert: Böse Menschen sehen sich selbst meist nicht als böse. Um die von ihm selbst verursachte Zerstörung fortsetzen zu können, muss der Mensch sie als etwas Gutes, als eine Reinigung oder als eine Pflicht neu deuten. Auch die Nazis empfanden beim Töten der Juden nicht das Gefühl, ein Verbrechen zu begehen; im Gegenteil, sie glaubten, die Gesellschaft „vom Schmutz zu reinigen“ und eine Art Hygiene herzustellen. So verwandelte sich das Böse im Kopf des Täters in einen Akt der Reinigung. Hier wirkt ein starker Projektionsmechanismus. Der Mensch projiziert die Aggression in seinem Inneren, die Triebe, die er als schmutzig oder inakzeptabel empfindet, nach außen. Die Quelle des Bösen liegt dann nicht mehr im eigenen Inneren, sondern im äußeren „Anderen“. Solange das gesamte Böse auf den Anderen abgewälzt wird, kann sich die Person selbst als gut, ja sogar als moralisch überlegen empfinden. Dieser Mechanismus wirkt nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene. Eine Gruppe projiziert das Böse auf eine andere Gruppe, um sich selbst als „gut“, „rein“ und „unschuldig“ zu konstituieren. Deshalb tritt das Böse meist nicht in Form einer absoluten Dunkelheit auf, sondern innerhalb einer moralischen Zweiteilung: Wir sind gut, die anderen sind böse. Sobald diese Trennung hergestellt ist, beginnt sich Gewalt gegen den Anderen zu legitimieren. Denn das, was dann getan wird, ist kein Verbrechen mehr, sondern eine Reinigung.
Auch heute lässt sich ein ähnlicher emotionaler Mechanismus beobachten. Dieselben Menschen können für ein leidendes Kind an einem anderen Ort der Welt aufrichtige, tiefe Trauer empfinden. Es ist etwa möglich, über ein in Ägypten getötetes Kind Trauer zu empfinden, und das ist ein menschliches Gefühl. Das Problem liegt nicht darin. Das Problem ist, dass dieselben Menschen gegenüber Ungerechtigkeiten in ihrer eigenen Gesellschaft nicht dieselbe Sensibilität zeigen. Wenn Menschen, die über den Schmerz eines Kindes an einem Ort weinen können, an anderer Stelle den Tod eines Kindes bejubeln, dann wirkt hier nicht nur ein politischer Widerspruch, sondern auch ein psychologischer Mechanismus. Dass Menschen, die die Ermordung des Kindes Berkin Elvan bejubeln konnten, über ein Kind in einem anderen Land trauern, ist deshalb nicht überraschend. Denn es geht hier nicht um den Schmerz der Kinder; es geht darum, welches Kind „zu uns gehört“ und welches der „Andere“ ist. Empathie wird so meist nicht universell, sondern zu einer Empathie mit gezogenen Grenzen.
Das eigentliche Problem ist nicht, dass man über ein Kind trauert. Das eigentliche Problem ist, dass man den Schmerz mancher Kinder als sichtbar erachtet, während man den Schmerz anderer übersieht. Dass man innerhalb derselben Gesellschaft nicht über Kinder trauert, die bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen, in der Kinderarbeit kein moralisches Problem sieht, aber über ein Kind in einer fernen Weltregion weinen kann, zeigt uns Folgendes: Der Mensch reagiert meist nicht auf Leid, sondern auf Identitäten. Deshalb entspringt das Böse nicht nur einer sadistischen Lust, sondern häufig einer moralischen Blindheit. Solange der Mensch die eigene Seite als gut konstituieren kann, fällt es ihm leichter, den Schmerz des Anderen zu übersehen. Vielleicht ist genau dies die gefährlichste Form des Bösen: dass Menschen sich gut fühlen können, während sie am Bösen mitwirken.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
