Nach Treibstoffpreiserhöhung: Syrische Familien geben Vierfaches ihres Gehalts für Grundbedarf aus
Nach der Erhöhung der Preise für Treibstoff und Gasflaschen in Syrien sind auch Lebensmittel-, Transport- und Wasserpreise sprunghaft gestiegen. In Tal Tamr in Rojava blockierten Demonstranten Tanklastwagen aus den Ölfeldern von Rmeilan.

RastinewsMehr als 90 Prozent der Bevölkerung Syriens lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Entscheidung der Regierung in Damaskus, die Preise für Treibstoff und Gasflaschen zu erhöhen, hat die Kluft zwischen den Gehältern und den Kosten für den Grundbedarf weiter vergrößert.
Der Ständige Ausschuss zur Festlegung der Preise für Erdölprodukte und Bergbauerzeugnisse veröffentlichte am 13. September einen neuen, vorläufigen Preistarif. Damit stiegen die Treibstoffpreise um 9 bis 40 Prozent. Auf die Erhöhung folgten weitere Preisanstiege bei Lebensmitteln, Obst und Gemüse sowie bei Transport- und Frachtkosten.
Straßenblockade in Tal Tamr
Die Entscheidung löste in verschiedenen Landesteilen Proteste aus. Am Ortseingang von Tal Tamr in Rojava versammelten sich am 16. September Demonstranten und blockierten die Straße, um die Durchfahrt von Tanklastwagen aus den Ölfeldern von Rmeilan zu verhindern.
Als Reaktion auf die Proteste kündigte der syrische Energieminister Mohammed al-Bashir am 17. September an, dass subventionierte Bereiche – allen voran Heizung und Landwirtschaft – verbilligten Diesel erhalten würden. Die Preise für Grundnahrungsmittel und andere lebensnotwendige Güter sanken jedoch nicht wieder auf das Niveau vor dem 13. September.
„Die Widerstandskraft der Familien ist erschöpft“
Nach Berechnungen von Wirtschaftsexperten benötigt eine dreiköpfige Familie monatlich mindestens 80.000 syrische Pfund, um ihren Grundbedarf zu decken. Das entspricht dem Vierfachen des Gehalts, das die meisten Beamten der ersten Besoldungsstufe erhalten und das 20.000 Pfund nicht übersteigt.
Die Lehrerin Rima al-Ahmad sagte, die Sicherheitslage habe sich seit dem Sturz des vorherigen Regimes zwar verbessert, die Lebensbedingungen würden jedoch zunehmend schwieriger. Die Preise würden von der Regierung nicht kontrolliert, so Ahmad: „Die Widerstandskraft der Familien ist erschöpft.“
Wassermangel in Damaskus
Ein weiteres Problem, das die Krise verschärft, ist die Trinkwasserversorgung. Da der Wasserdruck im Leitungsnetz nicht ausreicht, sind viele Familien gezwungen, Wasser zu überhöhten Preisen von Tanklastwagen zu kaufen. Abu Hamza, Bewohner des Stadtviertels Daf al-Shawk im Süden von Damaskus, sagte, im Laufe des Sommers sei nur zwei- oder dreimal Wasser bis zu seinem Haus gelangt.
Der Akademiker und Wirtschaftsexperte Ziad Arbash erklärte, die Krise verschärfe sich durch das Zusammenwirken von Defiziten in der Zahlungsbilanz, im Staatshaushalt und bei der Kaufkraft. Allein mit Eingriffen bei den Treibstoffpreisen oder der Subventionspolitik lasse sich die Krise nicht lösen, so Arbash. Notwendig seien dringend Schritte wie ein subventionierter Lebensmittelkorb, Bargeldhilfen und befristete Beschäftigungsprogramme.
Werde ein umfassender Wirtschaftsplan umgesetzt, sei innerhalb von zwei bis drei Jahren eine Besserung möglich, so Arbash, andernfalls könne die Krise fünf bis zehn Jahre andauern. „Preise dürfen nicht erhöht werden, ohne Alternativen anzubieten“, sagte Arbash.
Wie Asharq al-Awsat berichtete, hatte die syrische Regierung zuvor mehrere Dekrete zur Gehaltserhöhung erlassen. Die auf die jüngste Treibstoffpreiserhöhung folgenden Preisanstiege hatten die Wirkung dieser Erhöhungen jedoch weitgehend zunichtegemacht.
Ende Oktober 2025 hatte die Regierung in Damaskus bereits die Stromtarife erhöht. Im Vergleich zum bisherigen Preis von etwa 10 Pfund pro Kilowattstunde wurden die Tarife um das 60- bis 70-Fache angehoben.
