Tausend Schüler in Esenyurt wählen Kurdischunterricht – kein Lehrer eingesetzt
Im Istanbuler Stadtbezirk Esenyurt haben an fünf Schulen mindestens tausend Schüler die Wahlfächer Kurmancî und Zazakî gewählt. Obwohl das Schuljahr begonnen hat, wurde für den Bezirk kein einziger Kurdischlehrer eingestellt. Eltern und kurdische Sprachinstitutionen fordern das Bildungsministerium zum Handeln auf.

RastinewsZum Start des neuen Schuljahrs in der Türkei sorgt in Istanbul die ausbleibende Lehrerzuweisung für die stark nachgefragten Wahlfächer Kurdisch für Unmut bei den Eltern.
Im mehrheitlich von Kurden bewohnten Bezirk Esenyurt haben in diesem Jahr an fünf verschiedenen Schulen mindestens tausend Schüler das Wahlfach Kurdisch belegt. Obwohl die Schulglocke bereits geläutet hat, gibt es im gesamten Bezirk keinen einzigen Lehrer, der diesen Unterricht erteilen könnte.
„Die Schüler, die das Fach gewählt haben, bleiben sich selbst überlassen“
Suphi Özgen, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Vereins für kurdische Sprachbewegung (HezKurd), erklärte gegenüber Rûdaw, man habe mit der Kreis-Bildungsdirektion Esenyurt Gespräche geführt und die Zusage erhalten, dass das Problem gelöst werde.
Özgen wies darauf hin, dass der Unterricht trotz des gesetzlich verbrieften Anspruchs wegen Lehrermangels faktisch nicht stattfinden könne:
„Weil in Istanbul keine Kurdischlehrer eingestellt werden, kann dieser Unterricht praktisch nicht erteilt werden. Die Schüler, die das Fach gewählt haben, bleiben sich selbst überlassen.“
Die Forderung an das Ministerium sei eindeutig, so Özgen: Kurdischlehrer müssten umgehend und im Verhältnis zur Zahl der Wahlfach-Schüler an den Schulen eingesetzt werden.
Eltern: „Unsere Sprache ist unsere Identität“
In Istanbul, wo schätzungsweise rund fünf Millionen Kurden leben, fordern Eltern kurdischsprachigen Unterricht an den Schulen, damit ihre Kinder ihre Muttersprache nicht verlernen.
Die Mutter Zübeyde sagte: „Wir wollen, dass unsere Kinder in der Schule Kurdisch lernen, aber ohne Lehrer wird uns dieses Recht genommen.“ Ömer Güneş erklärte, es sei das natürlichste Recht der Schüler, in dem von ihnen gewählten Fach auch tatsächlich unterrichtet zu werden.
Der 16-jährige Muhammed sagte: „Jeder wird in seiner eigenen Sprache unterrichtet, auch wir wollen in unserer eigenen Sprache Unterricht haben.“
Şükrü Altun erklärte, zu Hause werde Kurdisch gesprochen, doch die Sprache müsse auch offiziell in der Schule gelehrt werden, und rief den Staat auf, den Weg für Kurdisch freizumachen. Seyid Abdullah sagte: „Die Sprache eines Menschen ist seine Identität. Unsere Sprache ist Kurdisch, und wir werden diese Sprache weiter verteidigen.“
86.000 Schüler, sechs Planstellen
Nach Angaben der Gewerkschaft Eğitim-Bir-Sen haben landesweit in diesem Schuljahr 86.064 Schüler das Wahlfach Kurdisch gewählt.
Das Bildungsministerium hatte im vergangenen Jahr für die Kurdischlehrerausbildung lediglich sechs Planstellen vorgesehen. In diesem Jahr wird eine Aufstockung auf 32 Stellen erwartet – eine Zahl, die weit hinter der Nachfrage von über 86.000 zurückbleibt.
Kurdische Sprachinstitutionen und Familien fordern den Abbau bürokratischer Hürden bei der Umsetzung des Wahlfachs sowie eine verfassungsrechtliche Absicherung des Rechts auf muttersprachlichen Unterricht.
Wahlfach Kurdisch seit 2012
Die Wahlfächer Kurdisch wurden im Schuljahr 2012/2013 unter dem Titel „Lebende Sprachen und Dialekte“ als Kurmancî und Zazakî in den Lehrplan aufgenommen.
Seit Einführung der Regelung bemängeln kurdische Sprachinstitutionen, dass der Unterricht wegen fehlender Lehrer und unzureichender Planstellen an vielen Schulen nur auf dem Papier existiere.
