Nach Sipan

RastinewsSami Şeyhmus Heso war 26 Jahre alt. Er diente in der Haseke-Brigade der syrischen Armee. Er wurde entführt, enthauptet, und auf seinen Leichnam wurde geschossen. Zurück blieb nicht nur eine trauernde Familie, sondern ein Volk, das sich erneut mit dem Grauen der Vergangenheit konfrontiert sieht.
Samis Geschichte ist von einer Würde, die kaum zu fassen ist, und zugleich eine schmerzhafte Mahnung. Seine älteren Brüder Hüseyin und Sipan waren im Kampf gegen den IS gefallen; Sami hatte sich den Namen seines Bruders Sipan als Kampfnamen gegeben. Die Geschwister, deren Eltern bereits verstorben sind, trauern nun zum dritten Mal im selben Haus.
„Sie haben ihn mitgenommen und getötet, was wir auch tun, er kommt nicht zurück“ – diese unter Tränen gesprochenen Worte seiner Schwester sind nicht der Schrei einer Einzelnen. Es ist die gemeinsame Klage eines Volkes, das seit Jahren seine Kinder durch Entführungen, Hinrichtungen, Massengräber und Kriegsschauplätze verliert.
Dieser Mord hat eine im kurdischen Gedächtnis nicht verheilte Wunde erneut aufgerissen. Die Bilder der IS-Gräuel von Kobanî, Shingal und Hesekê sind wieder präsent. Einmal mehr zeigt sich, dass jene Denkweise, die Menschen wegen ihrer Identität entführt, enthauptet, Frauen versklavt und Städte in Todeszonen verwandelt, nicht vollständig verschwunden ist.
IS ist nicht nur der Name einer Organisation, sondern die brutalste Ausprägung einer Denkweise, die alles Andersartige als Feind betrachtet. Diese Denkweise tritt mal unter der Flagge einer Organisation auf, mal hinter einer Uniform, mal zwischen den Zeilen eines in einem Regierungsgebäude unterzeichneten Entwurfs. Als bewaffnete Miliz trug sie den Namen IS; heute verbirgt sich derselbe ausgrenzende, auf eine einzige Identität fixierte Reflex hinter einem als „Integration“ betitelten Dekret, einer im Namen der „Stabilität“ erzwungenen Unterwerfung oder einem mit dem Begriff „Frieden“ verpackten Verlust an Status. Name und Erscheinungsform ändern sich, die Substanz der Praxis bleibt dieselbe: dieselbe Logik, die das Andersartige als Bedrohung behandelt, Rechte zum Verhandlungsgegenstand macht und Sicherheit der Gnade einer einzigen Zentrale überlässt.
Deshalb ist Samis Mörder nicht eine einzelne Person oder Organisation. Gleich wie sie sich nennt – IS, Miliz oder offizielle Stelle –, jede Struktur, die Kurden, Ezidinnen und Eziden, Aleviten und Drusen nicht als Subjekte mit Mitspracherecht über ihre eigene Zukunft anerkennt, trägt diese Denkweise weiter. Namen und Kräfteverhältnisse mögen sich ändern; doch solange Täter geschützt werden, Morde nicht aufgeklärt werden und die Sicherheit der Völker zum Verhandlungsgegenstand gemacht wird, bleibt die Gefahr bestehen.
Sicherheit darf nicht dem Wort von Damaskus überlassen werden
Die Ermordung Samis zeigt den Kurden, Aleviten, Drusen, Ezidinnen und Eziden, Assyrern/Süryani und Armeniern der Region einmal mehr eine Tatsache: Kein Volk kann seine Sicherheit den Zusagen von Damaskus oder den wechselnden Kalkülen regionaler und internationaler Mächte überlassen.
Auf diesem Boden haben sich Bündnisse immer wieder verändert; gegebene Versprechen gerieten in Vergessenheit, Schutzzusagen wurden politischen Verhandlungen geopfert. Den Preis dafür zahlten meist die schutzlos zurückgelassenen Völker.
Die hier gemeinte Selbstverteidigung bedeutet nicht, Völker gegeneinander zu bewaffnen. Gemeint ist ein demokratisches, rechtsstaatliches und gesellschaftlich kontrolliertes Sicherheitsverständnis – ein gemeinsamer Wille zum Schutz des Lebens, der von Frühwarnnetzwerken in den Nachbarschaften über lokale Sicherheitsstrukturen, die Dokumentation von Verbrechen und die Organisierung von Frauen bis hin zu zwischengesellschaftlicher Solidarität und unabhängigen Untersuchungsmechanismen reicht. Es muss eine Ordnung entstehen, in der keine Gemeinschaft über einer anderen steht und Sicherheit nicht dem Monopol einer einzigen Zentrale überlassen bleibt.
Gemeinsamer Wille gegen eine gemeinsame Bedrohung
Die Sicherheit der Kurden lässt sich nicht getrennt von der Sicherheit der Aleviten, Drusen und Ezidinnen und Eziden denken. Wird ein Volk allein gelassen, erleichtert das nur, dass die nächste Gemeinschaft an die Reihe kommt. Wer schwieg, als in Shingal die Ezidinnen und Eziden zum Ziel wurden, wer glaubte, die Belagerung von Kobanî sei allein eine Angelegenheit der Kurden – wurde von der Geschichte widerlegt. Was heute gebraucht wird, ist kein aus Angst geborener Zusammenhalt, sondern eine demokratische Solidarität auf der Grundlage gleicher Staatsbürgerschaft, gegenseitigen Vertrauens und gemeinsamen Zusammenlebens.
Die Tötung von Sami Şeyhmus Heso muss lückenlos aufgeklärt werden, die Täter und ihre Helfer gehören vor eine unabhängige Justiz. Die Ermittlungen dürfen nicht im Schatten politischer Kräfteverhältnisse verschwinden – jeder ungesühnte Mord ist eine Ermutigung zum nächsten Anschlag.
Sami wird nicht zurückkehren. Auch seine Brüder Hüseyin und Sipan werden nicht zurückkehren. Doch es reicht nicht, ihnen nachzutrauern. Erinnern bedeutet, Gerechtigkeit zu fordern, Solidarität zu stärken und jene demokratische Sicherheitsordnung aufzubauen, die neue Massaker verhindert.
Rojava trauert heute um Sipan. Diese Trauer muss sich in einen Willen verwandeln, der die Völker nicht voneinander entfernt, sondern angesichts derselben Bedrohung zusammenbringt. Denn in dieser Region führt der Weg, das Leben zu schützen, nicht über das Warten auf das Erbarmen fremder Mächte, sondern über das gegenseitige Vertrauen der Völker, ihre Organisierung und ihr Mitspracherecht über die eigene Zukunft.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
