Braunau am Inn: Neun Massengräber aus der Zeit der Napoleonischen Kriege entdeckt

RastinewsNach dem Fund von Knochen durch ein Kind stießen Archäologen in Ranshofen bei Braunau am Inn auf eine historische Sensation ohne Beispiel in Mitteleuropa: neun Massengräber mit den ungeordnet übereinanderliegenden Überresten junger Soldaten, die vermutlich aus der Zeit der Napoleonischen Kriege stammen.
In Braunau am Inn in Oberösterreich, der Geburtsstadt Adolf Hitlers, haben Archäologen in den vergangenen Monaten die sterblichen Überreste von mindestens 120 Menschen freigelegt. Fachleute bezeichnen den Fund als einen der bedeutendsten Massengrab-Funde der vergangenen Jahrzehnte.
Die Fundstelle liegt im Braunauer Stadtteil Ranshofen. Ein Mädchen hatte im März einen Knochen entdeckt, woraufhin ihre Mutter die Polizei verständigte. Erste Untersuchungen bestätigten rasch: Es handelte sich um menschliche Überreste. Daraufhin schaltete sich das Bundesdenkmalamt ein, und eine archäologische Grabung wurde eingeleitet.
Neun Massengräber freigelegt
Was zunächst wie ein Einzelfund aussah, entwickelte sich rasch zu einer archäologischen Sensation. Die Archäologen legten zunächst sechs, schließlich insgesamt neun Massengräber frei. Die Skelette lagen auf einer Fläche von rund 150 Quadratmetern ohne erkennbare Ordnung übereinander. Nach Einschätzung der Fachleute wurden die Toten vermutlich in Eile in die Gruben geworfen.
Die Leiterin des Grabungsprojekts, Michaela Binder, bezeichnete den Fund gegenüber der „Kronen Zeitung“ als „einzigartig in ganz Mitteleuropa“. Heinz Gruber vom Bundesdenkmalamt erklärte gegenüber den „Oberösterreichischen Nachrichten“, die Situation sei tatsächlich außergewöhnlich. Er betonte, in seiner mehr als 20-jährigen Laufbahn sei ihm ein vergleichbarer Fund noch nie begegnet.
Wer waren die Toten?
Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es sich bei den Überresten größtenteils um junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren handelt. Wie sie starben, ist bislang unbekannt. Die Wissenschaftler fanden bisher keine Hinweise auf Schussverletzungen. Bei einem der Toten stellten sie jedoch fest, dass ihm kurz vor seinem Tod ein Unterschenkel amputiert worden war – ein möglicher Hinweis auf medizinische Eingriffe unter den Bedingungen jener Zeit.
Erste anthropologische Untersuchungen sowie die Lage der Gräber deuten darauf hin, dass die Männer zwischen 1792 und 1815, während der sogenannten Franzosenkriege, ums Leben gekommen sein könnten. Es wird davon ausgegangen, dass sie in einem Militärlazarett oder einem Feldlager starben und anschließend gemeinsam bestattet wurden. Weiterführende Untersuchungen, darunter DNA- und Isotopenanalysen, sollen nun genauere Erkenntnisse über ihre Herkunft, Ernährung und mögliche Todesursachen liefern.
Ein historisch bedeutsamer Fund
Die Archäologen gehen davon aus, dass es sich bei dem Fund um eines der größten bislang bekannten Massengräber aus der Zeit der Napoleonischen Kriege in Mitteleuropa handeln könnte. Derartige Funde sind äußerst selten und liefern wichtige Erkenntnisse über die Lebens- und Sterbebedingungen junger Soldaten zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Nach Einschätzung der Fachleute besteht kein Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Die Toten wurden Jahrzehnte vor der Geburt Adolf Hitlers bestattet. Dennoch erregt der Fund aufgrund des Ortes besondere Aufmerksamkeit: Braunau am Inn ist international vor allem als Geburtsstadt Hitlers bekannt. Im ehemaligen Geburtshaus des Diktators befindet sich heute zufällig eine Polizeidienststelle.
Die archäologischen Untersuchungen vor Ort dauern an. Die Fachleute schließen nicht aus, dass in den kommenden Wochen weitere Gräber freigelegt werden.
Quelle: Euronews
