Was ist Grausamkeit? Teil 3

RastinewsGrausamkeit nach Marcel Hénaff: Rohheit, Leidenschaft und gezielte Bosheit
In seinem Aufsatz „Rätsel der Grausamkeit" (Lettre International, Nr. 109, 2015) trifft Marcel Hénaff eine bemerkenswerte Unterscheidung: Was Grausamkeit ausmacht, ist weder die Intensität des Zorns noch das Ausmaß der Gewalt oder die Menge des zugefügten Schmerzes. Entscheidend ist vielmehr der leidenschaftliche und gezielte Wille, einem Menschen Böses anzutun. Aus dieser Perspektive lässt sich nicht jeder Gewaltakt als „Grausamkeit" bezeichnen. In einem Duell etwa oder in einem tödlich endenden Konflikt kann durchaus massive Gewalt vorkommen; da hier jedoch beide Seiten freiwillig und auf Gegenseitigkeit handeln, fällt es schwer, dies als „grausam" einzustufen. Denn Grausamkeit bedeutet nicht bloß, Schaden zuzufügen, sondern Schaden zuzufügen, indem man dem anderen sein Menschsein abspricht.
Entscheidend bei Grausamkeit ist, dass der andere nicht als Subjekt, sondern als Objekt betrachtet wird. Der Mensch wird zum Tier degradiert, zur Sache gemacht; sein Schmerz verliert jede Bedeutung. Gewalt hört damit auf, bloßes Mittel zu sein, und wird zum Ausdruck des Herrschaftswillens. Für den Täter zählt nicht mehr das Leid des Gegenübers, sondern das Machtgefühl, das dieses Leid vermittelt. Anders als reine Gewalt trägt Grausamkeit deshalb stets ein Moment der Unterwerfung, der Erniedrigung und der Entmenschlichung in sich. Gewalt kann töten; Grausamkeit aber macht den Menschen, noch bevor sie ihn tötet, zu einem „Nicht-Menschen".
Die Unwiderruflichkeit der Grausamkeit und die Grenzen der Vergebung
Grausamkeit besteht nicht allein darin, jemandem Schaden zuzufügen; sie ist der Wille, über jemanden zu herrschen, ihn dem eigenen Willen zu unterwerfen und aus dieser Unterwerfung Genuss zu ziehen. Eine der erschütterndsten Eigenschaften der Grausamkeit ist jedoch ihre Unwiderruflichkeit. Die Wunde, die Grausamkeit schlägt, lässt sich nicht wie gewöhnlicher Schaden wiedergutmachen; sie ist unumkehrbar. Grausamkeit muss deshalb nicht nur als Leid des Opfers, sondern auch als ein Verbrechen an der Zeit selbst verstanden werden: Was geschehen ist, lässt sich durch keine Zukunft vollständig aufwiegen. An diesem Punkt zerbricht auch die Frage der Vergebung. Grausamkeit überschreitet eine Schwelle, jenseits derer selbst die Vergebung des Opfers – so sie denn möglich ist – dem Täter die verlorene Menschlichkeit nicht zurückgibt. Denn hier steht nicht die Verzeihung einer Tat zur Debatte, sondern die Aussetzung der Menschlichkeit selbst. Grausamkeit ist eine Erfahrung, die über die Grenzen der Vergebung hinausgeht: Selbst wenn Vergebung stattfindet, wird das Geschehene dadurch nicht ungeschehen.
Grausamkeit ist somit nicht nur eine ethische Verletzung, sondern auch eine unwiderruflich zerstörte Beziehung zwischen Menschen. Wer grausam handelt, schadet nicht nur dem anderen, sondern auch der eigenen Menschlichkeit – ein Schaden, der sich meist durch keinen Akt der Vergebung vollständig heilen lässt.
Grausamkeit im modernen Krieg: Distanz, Gesichtslosigkeit und Abstraktion
In den Kriegen der Gegenwart hat sich die Gestalt der Grausamkeit verändert. Die Distanz zwischen Täter und Opfer hat sich vergrößert, häufig ist diese Beziehung sogar völlig gesichtslos geworden. Früher schloss Gewalt zumindest eine bestimmte Begegnung ein, einen Blick, eine Zeugenschaft. Im modernen Krieg dagegen reduziert sich das Töten oft auf einen Knopfdruck. Der Atombombenabwurf auf Hiroshima ist eines der eindrücklichsten Beispiele dafür: Aus der Vogelperspektive wird eine Stadt zum Ziel, doch die Gesichter der einzelnen Menschen dort unten bleiben unsichtbar.
Diese Distanz ist nicht nur räumlich, sondern auch emotional und ethisch. Wer tötet, blickt dem Getöteten nicht in die Augen; er sieht weder dessen Angst noch dessen Verzweiflung noch den letzten Moment. Damit entfällt die grundlegendste Erfahrung, aus der Empathie entsteht – die Begegnung mit dem Gesicht des anderen. Fehlt die Empathie, schwindet auch das Schuldgefühl; und je schwächer das Schuldgefühl, desto leichter lässt sich Grausamkeit ausüben.
Moderne Gewalt funktioniert an dieser Stelle über eine Art Abstraktion: Menschen werden auf Begriffe wie „Ziel", „Koordinate" oder „Kollateralschaden" reduziert. Diese Sprache ist nicht nur technisch, sie setzt zugleich das Gewissen außer Kraft. Der andere hört auf, Mensch zu sein, und wird zum Objekt eines Vorgangs. Das Paradox der modernen Grausamkeit lautet daher: Physische Ferne ermöglicht zugleich ethische Distanz. Nicht sehen heißt nicht fühlen; nicht fühlen heißt, das Gewicht der eigenen Tat nicht tragen zu müssen. So wird Grausamkeit nicht nur ausführbar, sondern auch psychisch erträglich.
Die Gewalt in der Gewalt: Die Verstetigung des Schmerzes
Bei der Bestimmung von Grausamkeit trifft Marcel Hénaff noch eine weitere wichtige Unterscheidung: Grausamkeit ist nicht einfach Gewalt, sondern die Gewalt in der Gewalt – ihre verdichtete, gesteigerte Form. Nicht jede Härte oder Rücksichtslosigkeit ist deshalb automatisch grausam. Entscheidend ist nicht allein, Schmerz zuzufügen, sondern ihn dauerhaft zu machen. Man begnügt sich nicht damit, jemandem zu schaden; der Schaden wird in die Zeit eingeschrieben, unauslöschlich gemacht. Grausamkeit ist deshalb keine vorübergehende Handlung, sondern eine Wirkung, die Bestand hat. Das Böse liegt hier nicht nur in der Tat selbst, sondern in ihrem Fortbestehen.
Hier tritt eine sadistische Dimension der Grausamkeit zutage: Der Täter fügt nicht nur Schaden zu, sondern hängt mit Leidenschaft an dieser Handlung. Das Böse hört auf, Mittel zu sein, und wird zum Selbstzweck. Grausamkeit lässt sich deshalb meist nicht mit „Notwendigkeit" oder „Zwang" erklären; sie enthält vielmehr einen Überschuss, der aus Begierde aufrechterhalten wird.
Die erschütterndste Form der Grausamkeit ist jedoch, dass das Böse nicht einmal mit dem Tod endet. Dass ein Verstorbener noch nachträglich erniedrigt, entwertet oder sein Andenken zur Zielscheibe wird, zeigt die zeitlich entgrenzte Natur der Grausamkeit. Grausamkeit richtet sich in diesem Fall nicht nur gegen den Körper, sondern auch gegen die Erinnerung, das Recht auf Trauer und die Bedeutungen, die ein Mensch hinterlässt. Grausamkeit ist somit mehr als Gewalt: ein Wille, der Schmerz nicht nur erzeugt, sondern ihn fortbestehen lassen und der Zeit selbst einschreiben will.
Formen der Grausamkeit: Marcel Hénaff und Wolfgang Müller-Funk
In diesem Rahmen machen Marcel Hénaff und Wolfgang Müller-Funk (Crudelitas. Zwölf Kapitel einer Diskursgeschichte der Grausamkeit, 2022) die vielschichtige Struktur der Grausamkeit sichtbar, indem sie unterschiedliche Formen von ihr unterscheiden. Nach Hénaff ist die erste Form der Grausamkeit die rituell markierte Grausamkeit. Hier liegt das Ziel nicht unmittelbar in der Zufügung von Schmerz. Bei Praktiken des Menschenopfers etwa ist das Opfer nicht selbst das Ziel, sondern lediglich Mittel. Worum es eigentlich geht, entscheidet sich im Verhältnis zwischen Mensch und Gottheit. Der Schmerz des Opfers rückt dadurch in den Hintergrund, ja wird geradezu unsichtbar gemacht.
Auch die Form, die Müller-Funk als „juristische oder rituelle Grausamkeit" bezeichnet, folgt einer ähnlichen Logik. Bei Todesstrafen oder systematischen Tötungspraktiken geht es nicht um das Leid des Einzelnen, sondern um die Bewahrung der Ordnung. Grausamkeit hört damit auf, eine Ausnahme zu sein, und wird zum Bestandteil der Norm.
Zweitens spricht Hénaff von einer Grausamkeit, die sich um ein Ereignis herum organisiert. Lynchmorde sind das typischste Beispiel dafür. Ein Vorfall wirkt wie ein Funke; Menschen versammeln sich um dieses Ereignis, und innerhalb kurzer Zeit entsteht eine kollektive Gewaltwelle. Die Form, die Müller-Funk „spontane und kollektive Grausamkeit" nennt, ergänzt diese Dynamik. In solchen Fällen wiegeln Agitatoren die Menge auf, geben der Gewalt eine Richtung und sorgen dafür, dass die Grausamkeit anhält.
Drittens beschreibt Hénaff die professionell ausgeübte Grausamkeit. Folter ist ihr deutlichstes Beispiel. Grausamkeit wird hier zur beruflichen Praxis; der Täter banalisiert seine Tätigkeit und kann sie neben dem Alltag fortführen. Damit überschneidet sich auch das Verständnis von Grausamkeit, das Müller-Funk in Verhör- und Folterprozessen verortet: Grausamkeit wird unter dem Deckmantel der Wissensgewinnung oder Geständniserzwingung institutionalisiert und legitimiert.
Viertens beschreibt Hénaff die Grausamkeit, die aus individuellen Pathologien entspringt. Psychopathische Neigungen, sadistische Triebe und individuelle Verirrungen fallen in diese Kategorie. Auch das Feld, das Müller-Funk „willkürliche und experimentelle Grausamkeit" nennt, gehört hierher. Grausamkeit ist in dieser Form kein Mittel mehr, sondern unmittelbarer Genussgegenstand.
Diese beiden Ansätze zusammen betrachtet zeigen, dass Grausamkeit nicht bloß aus individuellen Abweichungen oder momentanen Ausbrüchen besteht. Sie reproduziert sich in Ritualen, im Recht, in Institutionen, in kollektiven Bewegungen und in individuellen Pathologien immer wieder neu, in je unterschiedlicher Form. Doch all diesen Formen ist eines gemeinsam: Grausamkeit ist die Verletzung der eigenen Grenze durch den Menschen. Sie macht das Leiden eines anderen nicht nur möglich, sondern macht es dauerhaft, wiederholbar und mitunter unsichtbar. Grausamkeit ist deshalb nicht nur eine Steigerung von Gewalt, sondern zugleich eine Aussetzung des Gewissens. Und vielleicht ist der gefährlichste Moment jener, in dem niemand mehr sagt: „Das darf nicht sein.“
Grausamkeit nicht als menschliche Natur, sondern als kulturelles Produkt
Wolfgang Müller-Funk vertritt die These, der Mensch sei das einzige grausame Lebewesen der Natur, und betont, dass Grausamkeit dem Menschen eigentümlich sei. Eine ähnliche Gedankenlinie findet sich auch bei Alfred Lorenzer (siehe dazu den ersten Teil dieses Textes). In der Natur gibt es Gewalt, aber keine Grausamkeit: Wenn der Löwe das Gazellenjunge tötet, ist das ein Akt der Vernichtung, aber keine Grausamkeit. Grausamkeit ist nicht das Produkt der Natur, sondern des Menschen.
Eines der zentralen Merkmale, das Grausamkeit bestimmt, ist, dass der Täter während seiner Tat darauf abzielt, sein Gegenüber zu entmenschlichen. Hier verschränken sich Macht, Herrschaft und Gewalt ineinander. Wenn ein Mensch einem anderen Böses zufügt und ihn dabei erniedrigt, entwertet und entmenschlicht, ist das nicht nur Schadenszufügung, sondern zugleich eine Machtdemonstration. Grausamkeit entsteht denn auch stets in einer asymmetrischen Beziehung; das Machtgleichgewicht ist von vornherein gestört.
Grausamkeit ist nicht bloß Gewalt; sie ist deren verdichtete, intensivierte Form. Was sie eigentümlich macht, ist die systematische Aussetzung von Empathie, Gewissen und Mitgefühl. Deshalb zielt Grausamkeit nicht nur auf physischen Schaden, sondern auf die Integrität des Subjekts selbst: Das Ziel ist nicht allein, Schmerz zuzufügen, sondern zu erniedrigen, hilflos zu machen und letztlich die Menschlichkeit des Menschen auszulöschen.
Ein weiterer Punkt, auf den Müller-Funk hinweist, ist die Kreativität des Menschen bei der Hervorbringung von Grausamkeit. Insbesondere das westliche Denken schreibt Grausamkeit oft der Natur zu und entzieht sie damit der kulturellen Verantwortung; dabei wird Grausamkeit kulturell hergestellt, organisiert und legitimiert. In diesem Sinne enthält der Satz „Der Mensch ist ein grausames Tier“ eigentlich auch eine Ungerechtigkeit gegenüber den Tieren.
Grausamkeit ist nicht nur eine sichtbare Handlung – sie hat sowohl subjektive als auch objektive Dimensionen, sowohl sichtbare als auch unsichtbare Seiten. Die verbreitete Neigung, Täter als „verrückt“ oder „irrational“ zu bezeichnen, verschleiert meist gerade die geplante, rationale Dimension der Grausamkeit. Historisch betrachtet wurden jedoch viele Formen von Grausamkeit bewusst konzipiert, organisiert und im Rahmen bestimmter Interessenbeziehungen umgesetzt.
An diesem Punkt wird das Verhältnis von Grausamkeit und Macht entscheidend. Die Geschichte ist weniger reich an Beispielen von Gewalt, die zur Erlangung von Macht ausgeübt wurde, als an Beispielen von Grausamkeit, die zu deren Erhalt fortgesetzt wurde. Ist die Macht einmal erlangt, vertieft die Angst vor ihrem Verlust die Grausamkeit und macht sie systematisch. Deshalb wird Grausamkeit oft nicht nur zu einem Mittel, sondern zu einer Form, in der sich Macht selbst erhält.
Die Erzählung der Unvermeidlichkeit und die Legitimierung von Grausamkeit
Die grundlegendste Erzählung, auf die Täter zurückgreifen, um ihre eigenen Handlungen zu legitimieren, ist die Erzählung der „Unvermeidlichkeit“. Grausamkeit wird fast immer nicht als Wahl, sondern als Notwendigkeit dargestellt. Der Täter zeigt sein Tun nicht als eine Option unter mehreren, sondern als den einzig gangbaren Weg. So wird die Verantwortung vom Willen des Subjekts abgezogen und an die „Erfordernisse der Lage“ delegiert.
Dieser Diskurs ist nicht nur eine Verteidigung, sondern zugleich eine ideologische Ordnung, die die Kontinuität der Grausamkeit sichert. Denn die Formulierung „Es gab keine andere Wahl“ neutralisiert die Schuld; sie unterdrückt die ethische Erschütterung, die das Töten hervorruft. Diese Neutralisierung wirkt jedoch, indem sie nicht die Handlung selbst, sondern den Status des Opfers transformiert.
Grausamkeit bezeichnet sich selbst niemals als „Tötung eines unschuldigen Menschen“. Im Gegenteil, die Unschuld des Getöteten wird systematisch beseitigt. Der Weg dahin ist die Entmenschlichung. Der Name des Opfers wird verändert: Es wird neu definiert, mit Kategorien wie „Terrorist“, „Verräter“, „Bedrohung“, „Feind“. So wird der Getötete nicht mehr als Mensch, sondern als ein zu beseitigendes Objekt konstruiert.
Diese Transformation ist nicht nur eine sprachliche Manipulation; sie ist zugleich eine moralische Neukonstruktion. Grausamkeit besitzt eine ihr eigene, in sich funktionierende „Moral“, und in dieser Moral wird dem Opfer von vornherein sein Ansehen genommen. Denn es fällt schwer, jemandem Grausamkeit anzutun, der Ansehen, ein Gesicht, eine Geschichte hat. Deshalb entwertet Grausamkeit das Opfer zunächst, um es anschließend hilflos zu machen. Was den Menschen zum Menschen macht – Würde, Anerkennung, Sinn – wird systematisch untergraben.
An diesem Punkt richtet sich Grausamkeit nicht nur gegen den Körper, sondern gegen das Subjekt. Ziel ist nicht allein die Vernichtung; es geht darum, dem Gegenüber die Fähigkeit zu nehmen, als Mensch zu existieren. Eine der schwersten Zerstörungen für einen Menschen besteht nicht nur im Erleiden von Schmerz, sondern darin, entwertet und schutzlos zurückgelassen zu werden.
In jeder Grausamkeit gibt es drei Seiten: den Täter, das Opfer und die Zeugen. Der Diskurs der Entmenschlichung richtet sich am stärksten gegen diese dritte Seite. Denn wird die Menschlichkeit des Opfers in den Augen der Zeugen ausgelöscht, lässt sich Grausamkeit leichter tolerieren. Deshalb ist Grausamkeit immer zugleich Handlung und Erzählung.
Innerhalb dieser Erzählung sieht sich der Täter meist als Vollstrecker einer Notwendigkeit, erlebt aber zugleich eine imaginäre Machterfahrung. Hier tritt eine Art Phantasie in Kraft: die Illusion absoluter Macht, uneingeschränkter Befugnis und Unangreifbarkeit. Dieses imaginäre Machtgefühl nährt die Fortsetzbarkeit der Grausamkeit; denn der Täter vollzieht nicht nur eine Handlung, sondern identifiziert sich zugleich mit der Macht selbst.
Grausamkeit ist demnach nicht nur die Ausübung von Gewalt, sondern zugleich die systematische Auslöschung der Menschlichkeit des Opfers. Der Diskurs „Wir töten keine unschuldigen Menschen“ ist das zentralste Mittel dieser Auslöschung. Denn diese sprachliche und moralische Distanz, die zwischen dem Töten eines Menschen und der „Beseitigung einer Bedrohung“ errichtet wird, macht Grausamkeit selbst unsichtbar.
Grausamkeit, die Zerstörung des Vertrauens und die paranoide Welt
Grausamkeit ist keine Gewalt, die sich allein gegen den Körper richtet; sie zielt auf die grundlegendste Vertrauensbeziehung, die der Mensch zur Welt unterhält. Der Alltag beruht auf einem unsichtbaren Vertrauensnetz. Wenn man an einer U-Bahn-Station wartet, geht man davon aus, dass einen niemand von hinten auf die Gleise stößt. Diese Annahme enthält einen grundlegenden Glauben daran, dass die Welt vorhersehbar und lebbar ist. Grausamkeit wirkt gerade dadurch, dass sie diesen Boden zum Einsturz bringt.
Grausamkeit macht möglich, was wir für „unmöglich“ halten. Sie hebt die Gewissheit der Gewissheit auf. Die Wirklichkeit hört damit auf, eine stabile Struktur zu sein; sie zerfällt. Diese Zersplitterung führt, psychoanalytisch betrachtet, zur Verletzung des Wirklichkeitsgefühls des Subjekts und zur Entstehung einer paranoiden Struktur. Die Bedrohung ist fortan nicht mehr nur draußen, sondern überall.
Einer der zentralsten Mechanismen in diesem Prozess ist die Entmenschlichung. Um das Opfer beseitigen zu können, entzieht ihm der Täter zunächst sein Menschsein. Das ist nicht nur ein ideologischer Vorgang, sondern zugleich eine psychoanalytische Abwehr. Spaltung und Projektion treten in Kraft: Der Täter projiziert die zerstörerischen, unannehmbaren Anteile in sich selbst nach außen, auf das Opfer, und konstruiert es als „Bedrohung“, „Verräter“, „unrein“. Was vernichtet wird, ist so gesehen in Wahrheit ein nach außen verlagerter innerer Anteil.
Eine weitere auffällige Dimension der Grausamkeit ist die sadistische Lust. Diese Lust speist sich jedoch nicht allein aus dem Zufügen von Schmerz, sondern ebenso aus der Erniedrigung und der Verletzung der Intimsphäre. Diese besonders in Foltererfahrungen sichtbare Dynamik hängt damit zusammen, dass die verletzlichsten, schutzlosesten Bereiche des Subjekts zum Ziel werden. Das gewaltsame Offenlegen des Intimen bedeutet die Zerstörung der Grenzen des Subjekts. Das ist nicht nur eine physische, sondern eine symbolische Zerstörung.
An diesem Punkt bricht die Fähigkeit des Opfers zur Selbstverteidigung zusammen. Noch bedeutsamer: Die Möglichkeit der Vergeltung wird ausgeschaltet. Auch das ist eines der Grausamkeit bestimmenden Momente: die absolute Gewissheit des Täters, auf keine Erwiderung zu treffen. Dieser Zustand nährt die Phantasie der Omnipotenz – des Allvermögens. Der Täter erlebt sich selbst als grenzenlos mächtig; Gesetz, Grenze und Gegenseitigkeit fallen weg.
Deshalb ist Grausamkeit nicht nur eine Handlung, sondern zugleich der Versuch, eine Welt zu errichten. In dieser Welt wird es für das Gute schwer, fortzubestehen. Ethische Bezugspunkte erodieren, Menschen werden gezwungen, um zu überleben, ihre eigenen Werte aufzugeben. Hier setzt die Identifikation mit dem Täter ein: Aus Angst oder aus dem Wunsch zu überleben beginnen manche, die Sprache des Täters zu sprechen. Doch diese Identifikation beschädigt die innere Integrität des Subjekts; niemand kann auf die Seite des Täters wechseln, ohne der eigenen Würde zu entsagen.
Eine der zerstörerischsten Wirkungen der Grausamkeit ist der Zusammenbruch der inneren Welt. Die guten inneren Objektrepräsentanzen, die vertrauenstiftenden Beziehungen und Erinnerungen, die der Mensch in sich trägt, werden beschädigt. Aus Sicht der Objektbeziehungstheorie bedeutet dies die Zersplitterung der inneren Welt und das Scheitern, die guten Objekte zu bewahren. Die Welt wird nicht mehr nur draußen, sondern auch im Inneren unsicher.
Grausamkeit ist deshalb nicht nur eine gesteigerte Form von Gewalt, sondern zugleich eine pervertierte Form der Beziehung. Wie auch Wolfgang Müller-Funk aufzeigt, beruht die Beziehung hier nicht auf Anerkennung, Gegenseitigkeit oder Empathie, sondern auf dem Verlangen nach Vernichtung, Erniedrigung und der Errichtung absoluter Macht.
Auch Liebe erzeugt manchmal Böses…
Wenn jemand auf der Straße dagegen protestiert, dass ein anderer Kurdisch spricht, und ihn dafür erniedrigt, ist das Böses. Denn Erniedrigung zielt nicht nur auf eine Person, sondern auf eine Sprache. Das ist auf symbolischer Ebene ein Versuch der „Vernichtung“ – ein Eingriff, der darauf abzielt, eine Sprache und damit eine Form der Existenz auszulöschen. Doch solche punktuellen Bosheiten können als einzelne Begegnungen bestehen bleiben, mit denen die meisten Menschen bis zu einem gewissen Grad zurechtkommen. Wirklich zerstörerisch wird es, wenn sich diese kleinen Bosheiten anhäufen und systematisch werden. Auch die Unterstellung der „Unmoral“ gegenüber Aleviten oder die Herabwürdigung ihrer religiösen Praxis sind Böses. Was sie aber zu Grausamkeit werden lässt, ist nicht die einzelne Äußerung, sondern die Tatsache, dass sie andauern, sich wiederholen und von einer Struktur getragen werden.
In der Psychoanalyse nennen wir das kumulatives Trauma: Verletzungen, die für sich genommen als „klein“ gelten mögen, häufen sich durch Wiederholung an und erzeugen eine seelische Zerstörung. An diesem Punkt sprechen wir nicht mehr nur von individueller Bosheit, sondern von struktureller (systemischer) Bosheit. Diese Struktur legitimiert alltägliche Bosheit, lässt sie ungestraft und fördert sie sogar. Doch es gibt hier noch eine subtilere Dimension: die Färbung der Beziehung. Stehen Menschen in einer voneinander abhängigen Beziehung, besteht Böses nicht nur aus offenem Angriff. Auch die Vernachlässigung des Schwächeren durch den Stärkeren, das Ignorieren oder ein ungleiches „Lieben“ kann traumatisch sein.
Am deutlichsten zeigt sich das in der Eltern-Kind-Beziehung. Das Kind ist existenziell von Mutter und Vater abhängig. Diese Beziehung ist ihrem Wesen nach asymmetrisch. Schützen die Eltern das Kind nicht, wird es nicht nur verletzt – seine Existenz selbst gerät in Gefahr. Ein solcher Machtmissbrauch oder ein Rückzug durch Vernachlässigung erzeugt mit der Zeit ein tiefes Beziehungstrauma. Jemanden nicht zu lieben ist deshalb für sich genommen keine Grausamkeit. Menschen müssen einander nicht lieben. Wer diesen Text liest, mag mich nicht mögen, mag mich sogar hassen – das ist für sich genommen keine Gewalt. Doch dieselbe Lieblosigkeit entfaltet eine traumatische Wirkung, wenn sie in einer abhängigen Beziehung auftritt – etwa gegenüber einem Kind. Denn hier geht es nicht nur um eine emotionale Vorliebe, sondern um ein existenzielles Bedürfnis. Ein ähnliches Muster zeigt sich in gesellschaftlichen Beziehungen. Das Böse, das der Staat, Institutionen oder die Mehrheitsidentität gegenüber Minderheiten ausüben, tritt nicht immer als offene Erniedrigung in Erscheinung. Manchmal zeigt sich Böses in der ungleichen Verteilung von Zuneigung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Eine Lehrkraft mag im Klassenzimmer Migrantenkinder nicht direkt erniedrigen. Doch wenn sie ständig deutsche Schüler bevorzugt, ihnen zeigt, dass sie sie mehr mag, ihnen Privilegien einräumt – und dies sichtbar macht –, erzeugt das bei den anderen Kindern eine tiefe Verletzung. In diesem Fall tritt das Böse nicht als Hass, sondern als ungleiche Form der Liebe in Erscheinung. Vielleicht geht es deshalb nicht nur darum, „böse“ oder „gut“ zu sein. Es geht darum, wie wir lieben.
Dorfromantik oder Nostalgie…
Eine Kultur der Grausamkeit verletzt nicht nur Menschen; sie zersetzt auch das symbolische Gewebe, das unser Zusammenleben erst möglich macht. Sie schwächt also jenen unsichtbaren „Text“ bzw. „Vertrag“, der uns zusammenhält und das Band zwischen uns knüpft, und hebt ihn stellenweise ganz auf. Meine Kindheit verbrachte ich in einer Kleinstadt. Blicke ich heute zurück, kann ich dort einige Spuren dieser symbolischen Ordnung erkennen – doch ich sage das nicht aus Nostalgie oder um sie zu verklären. Denn diese Ordnung selbst war keineswegs makellos. Neben Waisenkindern zeigten Eltern ihre Zuneigung zu den eigenen Kindern zurückhaltender. Das war ein Rückzug der Liebe, um den anderen nicht an seinen Verlust zu erinnern. Eine Art Feingefühl, eine Art ethische Intuition… Doch das wirft zugleich die Frage auf: Schützt der Rückzug der Liebe wirklich, oder erzeugt er den Mangel nur in anderer Form neu? Selbst Liebe wurde mit Rücksicht auf die Wunde des anderen reguliert – doch diese Regulierung minderte mitunter die Liebe selbst. Auch wir scheuten uns, in Gegenwart von Armen zu essen. Das war eine Form der Sensibilität: Zurückhaltung gegenüber Zurschaustellung, Selbstbeschränkung angesichts fremder Bedürftigkeit… Doch zugleich war es eine Haltung, die der direkten Konfrontation mit sichtbarer Ungleichheit auswich. Die Armut verschwand dadurch nicht; sie wurde nur weniger sichtbar. Diese kleinen Praktiken waren die feinen Regeln des Zusammenlebens – aber Regeln mit Grenzen, die auch Widersprüche in sich trugen. Eine Kultur der Grausamkeit hingegen beseitigt selbst diese Widersprüche. Denn Grausamkeit erzeugt nicht nur Hass; sie löscht zugleich das Schamgefühl, das Maß, das Feingefühl aus. An ihre Stelle tritt eine grobe Sichtbarkeit, die Zurschaustellung von Ungleichheit und die Abstumpfung gegenüber dem Mangel des anderen. Früher versuchte man, durch den Rückzug der Liebe die Wunde des anderen zu schonen; heute kann selbst Liebe zu einer Zurschaustellung, einer Zurschaustellung von Privilegien werden. Es geht daher nicht nur darum, die Vergangenheit zu verlieren oder die Gegenwart zu kritisieren. Es geht um die Frage, in welchen Formen eine Ethik des Zusammenlebens überhaupt möglich ist. Dort gab es eine Ethik, aber sie war unvollständig. Heute verschwindet selbst diese Ethik.
Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.
