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Die Traumaerzählung des Türkentums – Teil 2

Das Türkentum ist eine traumatische Identität – wie ließe sich seine Grausamkeit sonst erklären?

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Die Traumaerzählung des Türkentums – Teil 2

RastinewsDas Türkentum ist eine traumatische Identität. Wie ließe sich seine Grausamkeit sonst erklären?

Nicht nur in der Gründungserzählung der Republik, sondern auch in den Entstehungsmythologien von Völkern und Religionen fällt eine gemeinsame Struktur auf: Der Anfang wird meist als traumatischer Bruch erzählt. Er entsteht nicht als natürliche, friedliche Fortsetzung von Kontinuität, sondern im Anschluss an einen Abriss, einen Verlust und einen Krisenmoment. Das Dasein ist in diesem Sinne meist eine Antwort auf ein Trauma.

Genau darauf verweist René Girards Opfertheorie, die ich in früheren Texten bereits erwähnt habe. Girard zufolge steht am Ursprung der gesellschaftlichen Ordnung meist ein kollektiver Gewaltakt. Die Gemeinschaft bündelt ihre inneren Spannungen auf ein Opfer, und durch dessen Beseitigung entsteht vorübergehend ein Gefühl von Ordnung und Einheit. Dieser Gewaltakt wird später in eine mythologische Erzählung überführt und sakralisiert. Der traumatische Anfang gerät so nicht in Vergessenheit; er bleibt vielmehr symbolisch bewahrt und bildet die Existenzgrundlage der Gemeinschaft.

Eine ähnliche Struktur beschreibt der Mythos vom Urvater, den Freud in Totem und Tabu entwickelt hat. Die gesellschaftliche Ordnung, so Freud, entsteht im Anschluss an ein traumatisches Ereignis wie die Tötung des Urvaters. Diese traumatische Tat wird verdrängt, verschwindet aber nicht vollständig; sie setzt sich in Form von Schuld, Trauer und Verbot in den Grundlagen der Kultur fest. Das Trauma ist somit keine Ausnahme außerhalb der Kultur, sondern ihr Gründungsmoment.

Eine traumatische Identität nimmt die Welt nicht so wahr, wie sie ist, sondern so, wie sie einmal war. Auch wenn die einstige Bedrohung längst vergangen ist, lässt die Psyche sie nicht in der Vergangenheit zurück. Das Trauma kennt keine Zeitlichkeit: Obwohl es ein Ereignis der Vergangenheit ist, wird es als Erfahrung fortwährend in der Gegenwart durchlebt. Deshalb fühlt sich die traumatische Identität subjektiv permanent bedroht, selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht. Eine der psychologischen Erklärungen dafür, dass Menschen, die Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit einfordern, als „Terrorist“ oder „Vaterlandsverräter“ bezeichnet werden, liegt eben in dieser traumatischen Identitätsstruktur. Denn die traumatische Identität nimmt Wandel nicht als bloße Veränderung wahr, sondern als Gefahr der Auflösung und Vernichtung. Das Neue wird nicht als Möglichkeit, sondern als Bedrohung erlebt.

Die traumatische Identität trägt die Furcht in sich, dass sich die einstige traumatische Auflösung wiederholen könnte. Der historisch erlebte Zerfall, Verlust und die Zersplitterung bestehen auf unbewusster Ebene nicht nur als Erinnerung fort, sondern als ständige Möglichkeit der Wiederholung. Das Trauma ist deshalb kein abgeschlossenes Ereignis der Vergangenheit; es wird zu einer Erwartung, die die Gegenwart strukturiert. Die Psyche durchlebt nicht das Geschehene, sondern das, was sich erneut ereignen könnte. Die Furcht, dass es wieder geschehen und zur Spaltung kommen könnte, wird wie eine Realität erlebt. Jede Forderung nach Freiheit und Gleichheit wird deshalb nicht nur als Rechtsanspruch wahrgenommen, sondern als Vorbote eines möglichen Zerfalls. Freiheit wird nicht als Erweiterung, sondern als Zersplitterung empfunden. Gleichheit wird nicht als Gerechtigkeit, sondern als Schwächung der Ordnung erlebt. Jede Rechtsforderung wird deshalb auf unbewusster Ebene als Wiederkehr von Spaltung und Verlust kodiert. Dabei greift jedoch nicht nur ein seelischer Mechanismus, sondern auch eine politische Organisation.

Die traumatische Furcht bleibt nicht bloß ein von selbst fortbestehender seelischer Bodensatz; sie wird zu einem Gefühl, das der Staat fortwährend am Leben hält und reproduziert. Denn Furcht ist ein steuerbares Gefühl. Furcht lässt sich lenken. Furcht lässt sich organisieren. Der Staat fungiert an dieser Stelle gleichsam als Furchtverwalter. Herrschende betreiben geradezu ein Management der Angst. Indem vergangene Traumata ständig in Erinnerung gerufen und symbolisch neu in Umlauf gebracht werden, wird die kollektive Psyche im Alarmzustand gehalten. Selbst wenn die Bedrohung nicht mehr besteht, wird das Bedrohungsgefühl aufrechterhalten. Denn dieses Gefühl sichert den Fortbestand der Macht.

Rassismus und Feindseligkeit sind in diesem Zusammenhang keine bloß spontan entstehenden Gefühle, sondern gelenkte, gesteuerte und kontrollierte seelische Energien. Indem der Staat die von der traumatischen Identität getragene Spaltungsangst am Leben hält, versetzt er die Gesellschaft in einen dauerhaften Schutzreflex. Die Einzelnen richten sich dadurch nicht auf Befreiung, sondern auf Schutz aus. Sie konzentrieren sich nicht darauf, Rechte einzufordern, sondern Bedrohungen auszuweichen. Darin liegt das Paradox: Die traumatische Identität bindet sich aus Schutzbedürfnis an die Macht. Die Macht wiederum braucht, um fortzubestehen, dass dieses Schutzbedürfnis nicht verschwindet. Denn dort, wo die Furcht schwindet, beginnt das Hinterfragen. Und dort, wo das Hinterfragen beginnt, verliert die absolute Macht ihren Boden. Das Trauma ist deshalb nicht nur ein Überbleibsel der Vergangenheit, sondern eine der tragenden Säulen der heutigen politischen Ordnung.

Die Auflösung des Traumas bedeutet nicht nur individuelle Heilung, sondern birgt zugleich die Möglichkeit eines politischen Zerfalls. Deshalb nimmt die traumatische Identität die Wirklichkeit nicht so wahr, wie sie ist, sondern so, wie es das Schutzbedürfnis verlangt. Die Wahrnehmung richtet sich nicht nach der Wahrheit, sondern nach der Angst. Eine Freiheitsforderung wird deshalb nicht bloß als solche gehört. Sie aktiviert die im traumatischen Gedächtnis gespeicherte Furcht vor einer „Auflösung von innen“.

Wer Freiheit einfordert, belebt im Unbewussten häufig die Dolchstoßlegende neu. Der Andere ist in diesem Bild nicht mehr bloß jemand mit abweichender Meinung, sondern ein innerer Feind, ein heimlicher Täter, eine Verräterfigur. Die Dolchstoßlegende gehört zu den wirkmächtigsten Verteidigungsmythologien der traumatischen Identität, denn sie dient dazu, die Verantwortung für Verlust, Niederlage und Scheitern nach außen zu verlagern. Meine in Berlin lebende Kollegin Esther Schulz-Goldstein, die eine zweibändige, umfassende Studie über das Massaker von Dersim veröffentlicht hat, beschreibt in ihrem Werk Die Sonne blieb stehen (Bd. I–II, 2013), dass unter Türken die konstruierte Legende existiert, man sei „von hinten erdolcht“ worden, und dass diese Legende zu einer der wichtigsten Stützen des Rassismus geworden ist.

Der Verlust wird auf diese Weise nicht als Folge von Unzulänglichkeit, politischer Blindheit oder historischer Realität gedeutet, sondern als Ergebnis von Verrat. Die Identität muss sich dadurch nicht mit ihrer eigenen Verletzlichkeit, ihren Mängeln und inneren Widersprüchen auseinandersetzen. Die Schuld liegt stets beim Anderen. Der Mythos vom „Verrat“ ist deshalb nicht nur eine Erzählung, die die Vergangenheit erklärt, sondern eine Identitätsverteidigung, die die narzisstische Wunde verdeckt, Schuld nach außen abwälzt und ohne die Erzeugung eines Feindes nicht bestehen kann. Diese Mythologie sichert zugleich die Kontinuität der traumatischen Identität. Denn die Identität besteht fort, indem sie sich dauerhaft bedroht fühlt. Verschwände die Bedrohung, verschwände auch die Verteidigung. Und ohne diese Verteidigung stünde die Identität vor der Frage, worum herum sie sich überhaupt organisiert. Auch wenn hier von einer traumatischen Identität die Rede ist, beschreibe ich damit zugleich, wie sich diese Identität nicht mehr als Opfer, sondern als Täter versteht. Für die traumatische Identität ist der Feind deshalb nicht nur eine Realität, sondern auch eine Notwendigkeit.

Der Feind schützt die Grenzen der Identität. Der Feind verhindert ihren Zerfall. Der Feind verleiht der Identität die Illusion von Ganzheit. Diese Ganzheit ist jedoch keine wirkliche; sie ist ein fragiles, um das Trauma herum organisiertes Gleichgewicht. Um dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, muss die traumatische Identität die Gespenster der Vergangenheit fortwährend in die Gegenwart tragen. Deshalb lebt die traumatische Identität nicht in der Gegenwart. Sie versucht, die Wiederholung der Vergangenheit zu verhindern – und erzeugt sie dabei manchmal gerade dadurch neu. Diese Wahrnehmungsweise erschwert es, den Anderen als Subjekt zu sehen. Der Andere ist nicht mehr jemand, der Rechte einfordert, sondern Träger einer potenziellen Zerstörung. So werden politische oder gesellschaftliche Forderungen auf seelischer Ebene zu existenziellen Bedrohungen. Einer der hier wirksamen Mechanismen ist die Projektion.

Die traumatische Identität verlagert ihre eigene Brüchigkeit und ihre Angst vor der Auflösung nach außen. Die Bedrohung liegt nicht im Inneren, sondern draußen. Die Gefahr liegt nicht im Selbst, sondern in der Existenz des Anderen. So wird die innere Angst über die Figur eines äußeren Feindes reguliert. Deshalb wird die traumatische Identität oft gerade dann aggressiv, wenn sie glaubt, sich zu verteidigen. Denn was sie erlebt, ist kein Angriff, sondern Schutz. Doch diese Schutzlogik erzeugt fortwährend neue Bedrohungsfiguren. Und so besteht das Trauma nicht nur als vergangenes Ereignis fort, sondern als psychische Realität, die die Gegenwart organisiert. Für die traumatische Identität geht es im Kern nicht darum, die Gegenwart zu leben, sondern die Wiederholung der Vergangenheit zu verhindern. Deshalb wird der größte Kampf mitunter nicht gegen reale Gefahren von außen geführt, sondern gegen die Vergangenheit, die im Inneren fortlebt. Die ständige Bedrohungswahrnehmung ist das grundlegende Organisationsprinzip der traumatischen Identität. Denn das Trauma ist nicht nur eine schmerzhafte Erinnerung, sondern erzeugt zugleich eine konstitutive Überzeugung, dass die Welt gefährlich sei. Die Welt ist kein neutraler Ort mehr. Die Welt ist ein potenzieller Angriffsraum. Der Andere ist nicht bloß ein anderer Mensch, sondern zugleich eine mögliche Bedrohung. Deshalb erlebt die traumatische Identität Aggression meist nicht als Angriff, sondern als eine Form des Schutzes.

Was von außen wie ein Angriff aussieht, ist von innen betrachtet eine Verteidigung. Denn für die traumatische Identität geht es im Kern nicht darum, Schaden zuzufügen, sondern darum, Schaden zu vermeiden. Doch genau hier entsteht das Paradox: Das ständige Schutzbedürfnis erzeugt fortwährend Aggression. Diese Aggression ist meist keine bewusste Entscheidung, sondern das Ergebnis einer tiefer wirkenden psychischen Logik.

Das Trauma hält das Subjekt in permanenter Alarmbereitschaft. Das Selbst befindet sich in einem Dauerzustand der Alarmiertheit. Dieser Alarmzustand führt dazu, dass das Subjekt die Welt nicht so wahrnimmt, wie sie ist, sondern durch das Prisma möglicher Gefahren. So hört Aggression auf, eine Antwort auf eine reale Bedrohung zu sein; sie wird zum Versuch, eine potenzielle Bedrohung im Voraus zu neutralisieren. Psychoanalytisch lässt sich dies als eine Abwehrorganisation bezeichnen, die man „präventive Aggression“ nennen könnte. Denn Warten bedeutet für die traumatische Identität, verwundbar zu bleiben. Der Erste zu sein, der zuschlägt, ist eine Versicherung gegen die Möglichkeit, erneut zum Opfer zu werden. Das ist nicht die Logik der Stärke, sondern die Logik der Verletzlichkeit.

Für die traumatische Identität ist die Welt kein Ort, dem man vertrauen kann. Die Welt wird nicht als neutrale Realität erlebt, sondern als Raum potenzieller Bedrohungen. Dies ist eine paranoide Weltkonstruktion. Die paranoide Struktur fungiert hier nicht als Pathologie, sondern als eine verstetigte Wahrnehmungsform der traumatischen Erfahrung. Das Gefühl von Vertrauen ist durch das Trauma beschädigt. Deshalb wächst das Bedürfnis nach Kontrolle. Alles, was sich nicht kontrollieren lässt, wird als potenzielle Bedrohung wahrgenommen. Das Andersartige, das Fremde, das Unverständliche und das Unvorhersehbare werden als Elemente erlebt, die die Integrität des Selbst bedrohen. Deshalb erzeugt jede nicht überwachbare Ausdrucksform Angst. Sprache, Musik, Ritual, Versammlung – jedes von ihnen ist nicht nur ein kultureller Ausdruck, sondern zugleich ein Bereich, der für die traumatische Identität unvorhersehbar und somit bedrohlich ist. Dass der Staat eine Sprache, ein Volkslied, eine Hochzeit oder eine öffentliche Versammlung, die er nicht kontrollieren kann, als Bedrohung wahrnimmt, ist die politische Widerspiegelung dieser psychischen Logik. Denn alles, was sich der Kontrolle entzieht, repräsentiert einen Kontrollverlust. Und Kontrollverlust ist im traumatischen Gedächtnis gleichbedeutend mit Auflösung, Zerfall und Verlust.

Ähnlich erlebt ein Subjekt, das auf eine ihm unverständliche Sprache trifft, nicht nur eine Kommunikationsbarriere, sondern kann zugleich ein Gefühl symbolischen Ausgeschlossenseins empfinden. Außerhalb des Sinns zu bleiben bedeutet, außerhalb der Kontrolle zu bleiben. Dieser Zustand aktiviert die Angst vor Ausschluss und Zerfall, die die traumatische Identität auf unbewusster Ebene mit sich trägt. Diese Angst wird meist nicht bewusst erkannt; stattdessen tritt sie als Aggression zutage. Denn Aggression ist einer der primitivsten und schnellsten Wege, die im Angesicht des Unbekannten erlebte Angst zu regulieren. Die hier auftretende Aggression ist deshalb nicht nur Feindseligkeit gegenüber dem Anderen, sondern zugleich eine Abwehr, die das Selbst gegen seine eigene Auflösungsangst entwickelt. Wird der Andere zum Schweigen gebracht, fühlt sich das Selbst vorübergehend wieder ganz. Wird der Andere beseitigt, beruhigt sich auch die Angst vorübergehend.

Doch diese Beruhigung ist nicht von Dauer. Denn die Bedrohung kommt nicht von außen, sondern von innen. Das Trauma besteht nicht in der äußeren Welt fort, sondern im Inneren der psychischen Struktur. Deshalb verschwindet das Bedrohungsgefühl nicht, selbst wenn die traumatische Identität den Feind beseitigt. Es richtet sich lediglich auf ein neues Objekt, das heißt, es erzeugt einen neuen „Feind“. Und so hört die Aggression auf, ein Mittel des Schutzes zu sein; sie wird zu einer Struktur, die die Kontinuität der Identität sichert. An diesem Punkt ist Aggression nicht nur eine gegen den Anderen gerichtete Handlung, sondern zugleich ein Versuch, den Zerfall des Selbst zu verhindern. Denn die eigentliche Bedrohung ist für die traumatische Identität nicht der Andere draußen, sondern das erneute Spüren der eigenen Verletzlichkeit im Inneren. Die gegen den Anderen gerichtete Aggression ist in Wahrheit eine Abwehr, die das Selbst gegen seine eigene Verletzlichkeit entwickelt.

Deshalb fühlt sich die traumatische Identität fortwährend bedroht. Und solange diese Bedrohungswahrnehmung nicht verschwindet, verschwindet auch die Aggression nicht.

Denn Aggression ist eine der Formen, in denen die traumatische Identität ihr Fortbestehen sichert. Vielleicht sind deshalb die tiefgreifendsten Friedensprozesse nicht allein durch das Verschwinden äußerer Feinde möglich, sondern durch die Auflösung des im Inneren fortbestehenden, ständigen Bedrohungsgefühls. Denn der Mensch kann das Angreifen erst dann aufgeben, wenn er spürt, dass er nicht mehr bedroht ist.

Die hier vertretenen Ansichten sind die der Verfasserin oder des Verfassers; sie können mit der Linie von Rastinews übereinstimmen, müssen es aber nicht. Rastinews ist eine freie Plattform, die unterschiedlichen Auffassungen offensteht.

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